40 Jahre ÖFSE

Der stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende der Österreichischen
Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und
wissenschaftliche Leiter des Freire-Zentrums hielt anlässlich der 40
Jahre Feier der ÖFSE am 15. Juni 2007 eine Rede. Die Redaktion dokumentiert den Wortlaut.
Österreichische Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe, das bedeutete 1967, als reiches Land Verantwortung für den armen Teil dieser Welt zu übernehmen. Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung, das bedeutet 2007, auch als reiches Land zu erkennen, dass wir Teil der Welt und damit der internationalen Entwicklung sind. Die ÖFSE, so wie das gesamte Feld der EZA, verstand sich über Jahrzehnte als eine Institution, die entwicklungspolitische Probleme in Afrika, Asien und Lateinamerika dokumentiert und erforscht. Nicht nur weil wir eine nicht-staatliche Einrichtung sind, war und ist uns als ÖFSE wichtig, eine unabhängige Position gegenüber den PartnerInnen und AuftraggeberInnen einzunehmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Eine unabhängige Position einzunehmen, bedeutet für die ÖFSE, klare Positionen zu vertreten, wenn es gilt, ein integriertes Verständnis von Entwicklung zu entwerfen, und wenn es um den Anspruch geht, Ethik "das, was gute Entwicklung ist" mit Verstand zu verbinden "das, was vernünftige Lösungen sind".

Doch die Frage nach der guten und richtigen Entwicklung stellt sich im 21. Jahrhundert anders als im 20., denn heute ist es ganz klar, dass Entwicklung nicht nur an anderen Orten statt findet, sondern auch bei uns. Der Name Internationale Entwicklung verdeutlicht diese eigene stärkere Verwobenheit und Involviertheit, die auch mit dem Streben nach kohärentem Handeln ausgedrückt wird. Wohl bleibt es eine wichtige Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit, für Andere Projekte, Programme und Politikmaßnahmen zu entwerfen. Die Bekämpfung von Armut in von Hilfe abhängigen Ländern ist zentrale Aufgabe der EZA. Doch könnten wir uns diesbezüglich weiter der Illusion hingeben, Entwicklungszusammenarbeit betreffe einzig Andere, denen wir großzügig helfen.

Ganz anders gelagert sind die Probleme und Chancen, die sich aufgrund der aufstrebenden Nationen Brasilien, Russland, Indien und China ergeben. Die Modernisierung dieser Wale und die Nischenstrategien der Tigerstaaten werfen andere Fragen auf, denn diese Länder fordern ihren Teil am Kuchen gerade zu einer Zeit, in der mit dem Klimawandel die Grenzen kapitalistischen Wachstums offensichtlich werden. Das exponentielle Wachstum von Märkten für Rohstoffe, Autos und Energie mag kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln, nachhaltig ist es nicht. Der Klimawandel fordert alle, und damit auch uns, zum Umdenken auf. Es geht um andere Formen zu arbeiten und zu leben nicht nur im Süden, an der Peripherie und bei den anderen, sondern vor allem auch bei uns: Weltentwicklung und nachhaltige Entwicklung sind mehr denn je verbunden.

Was ich hier nur angedeutet habe, ist das große Feld internationaler Entwicklung, das Gegenstand des Wirkens der ÖFSE in den nächsten Jahren sein wird. Es sind dies meiner Meinung nach nicht bloß Fragen für engagierte IdealistInnen, sondern entscheidende Zukunftsfragen für unsere Entwicklung in Österreich und in der Welt. Daher habe ich zum Abschluss einen Wunsch: Und dieser richtet sich nicht, wie dies oft üblich ist, an die EntscheidungsträgerInnen allein, sondern an uns alle: Der Beitrag, den die ÖFSE zusammen mit vielen Anderen auf dem Feld der Entwicklungszusammenarbeit Tätigen für die Gesamtgesellschaft leisten kann, ist die Bewusstseinsbildung für die Widersprüchlichkeit der Weltentwicklung und die Notwendigkeit, dass Gesellschaft, Wirtschaft und Politik mehr Raum, mehr Zeit und mehr Geld für das gemeinsame Suchen von Lösungen zur Verfügung stellen. Unser aller Zukunft erfordert einen großen Horizont und Ruhe zum Nachdenken kostbare Ressourcen, die im Alltag von Projekt- und Berichtskultur immer wieder verteidigt werden müssen.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.