Was bleibt von der "Entwicklung der Unterentwicklung"? Anlässlich des
25jährigen Bestehens des Mattersburger Kreises fand am 20. November
eine JEP-Jubiläumspräsentation statt.
Unter den zahlreichen Gästen, die sich am frühen Abend in der Aula des Universitätscampus im Alten AKH in Wien eingefunden hatten, waren neben langjährigen Mitgliedern und WeggefährtInnen des 1981 gegründeten Vereins auch viele Interessierte aus der entwicklungspolitischen Szene.
Entwicklung aus verschiedenen Blickwinkeln
Nach der Begrüßung durch Andreas Novy (Obmann) erinnerte sich Herwig Palme (Gründungsmitglied und Langzeitobmann) an die Anfänge des Mattersburger Kreises für Entwicklungspolitik an den österreichischen Universitäten und rief noch einmal dessen Entstehungsumfeld in den frühen 1980er Jahren ins Gedächtnis.
Einer der Eckpfeiler der Arbeit des Mattersburger Kreises ist die Herausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP), das seit 1985 viermal jährlich erscheint. Die erste Ausgabe 2006 stand ganz im Zeichen des im Vorjahr verstorbenen Andre Gunder Frank, jenes großen Ökonomen und Mitbegründer der Dependenztheorie, dessen Werk einen grundlegenden Beitrag zur Weltsystemanalyse lieferte und auch die Arbeit des Mattersburger Kreises beeinflusste. Moderiert von der verantwortlichen Redakteurin des JEP, Karin Fischer, diskutierten Andrea Komlosy (Universität Wien), Hans-Heinrich Nolte (Universität Hannover) und Kunibert Raffer (Universität Wien) über die Aktualität von Dependenztheorien und Andre Gunder Franks Werk.
Andre Gunder Frank: ein konservativer Revolutionär?
Andrea Komlosy skizzierte in ihrem Beitrag Entwicklungen in Franks Denken und identifizierte zentrale Brüche in seinem Werk. Dabei stellte sie fest, dass der von seinen KritikerInnen gern als unstet bezeichnete Frank seine Analysen eher an die Gegebenheiten fortschreitender Forschung anpasste, als im Zuge willkürlicher Theoriebildung zu entgleisen. Für Komlosy war Frank Zeit seines Lebens ein konsequent-konservativer Revolutionär geblieben, der nach universellen Erklärungen suchte. Auch Hans-Heinrich Nolte suchte nach Dissonanzen in Franks Werk, wobei er persönliche Erfahrungen mit dem großen Denker in seinen Beitrag einfließen ließ. Für ihn, so Nolte, sei die größte Leistung Franks dessen Energie gewesen, mit der dieser große Thesen in die Forschung einführte und die Aufmerksamkeit auf neue Perspektiven gelenkt habe.
Kunibert Raffer hob den Widerspruch hervor, dass dependenztheoretische Ansätze kaum noch Beachtung fänden, obwohl die Abhängigkeit der Peripherie heute eindrucksvoller erscheine als je zuvor. Um Franks starke Beziehung zu den Staaten der Peripherie und vor allem Lateinamerikas zu illustrieren, erzählte Raffer von einem persönlichen Gespräch mit seinem Freund Gunder, in dem dieser gemeint habe, von all den Sprachen, die er spreche, sei Spanisch die Sprache seines Herzens.
Geschichte und Gegenwart
Andreas Novy spannte im zweiten Teil der Veranstaltung den Bogen von der Geschichte des Mattersburger Kreises zur Gegenwart. Gemeinsam mit der Nationalratsabgeordneten Petra Bayr, dem Gründungsmitglied Franz Kolland sowie dem ehemaligen Sekretär der Kommission für Entwicklungsfragen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Reinhard Schurawitzki, reflektierte er ein Vierteljahrhundert Vereinsgeschichte.
Anfangs habe der Mattersburger Kreis aus einer kleinen Gruppe entwicklungspolitisch interessierter Personen bestanden, die nach Wegen suchten, Entwicklungspolitik in die Universitäten und die Zivilgesellschaft zu tragen. Nicht zuletzt der Hartnäckigkeit seiner GründerInnen und späteren Mitglieder sei es zu verdanken, erinnert sich Franz Kolland, dass dieses Vorhaben trotz zahlreicher Beschwichtigungsversuche schlussendlich geglückt sei.
Neben der Publikationstätigkeit sei es ein Erfolg des Mattersburger Kreises, dass die StudentInnenzahl der Internationalen Entwicklung ständig gestiegen ist. Petra Bayr meinte, sie könne sich vorstellen, nach Beendigung ihrer politischen Laufbahn ein Studium der Internationalen Entwicklung zu beginnen. Aus der Sicht einer Abgeordneten rege sich in ihr der Wunsch nach einem Mehr an Interaktion und Kommunikation zwischen Politik und entwicklungspolitischer Szene.
Für das Fortbestehen des Mattersburger Kreises sei die Politik jedoch schon immer von entscheidender Bedeutung gewesen, da von Universitätsseite gerade einmal 1% der Fördergelder für außereuropäische Projekte verwendet werde, wobei zwei Drittel dieses bereits verschwindend geringen Prozentsatzes auf Ägyptologie und ähnliche Bereiche entfielen. Es sei Beweis für die Qualität des Mattersburger Kreises, argumentierte Reinhard Schurawitzki, dass es ihn überhaupt noch gebe. Auch wenn vieles nach wie vor auf informeller Ebene geblieben sei, es weder ein Institut noch eine Professur gebe, erscheine doch das Interesse ungebrochen und lasse auf weitere 25 Jahre hoffen.
Auch ein Kreis hat auch seine Ecken und Kanten
Nicht alles scheint jedoch immer so "rund" gelaufen zu sein, wie man das von einem Kreis erwarten würde. Franz Kolland sprach vom zentralistischen Charakter des Mattersburger Kreises, dessen Handlungsrahmen abgesehen von einigen "alibimäßigen" Ausflügen in die Provinz auf den Wiener Raum beschränkt gewesen sei und es vermutlicht auch bleiben werde. Konflikte mit StudentInnen hätte es ebenso gegeben wie ein bis jetzt nicht überwundenes Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis, das er mit "von spanischem Silber essen und über die Probleme der Dritten Welt diskutieren" auf den Punkt brachte. Doch nicht nur die so genannte "Dritte Welt" solle Gegenstand der entwicklungspolitischen Forschung sein: Andreas Novy wies in seinen abschließenden Bemerkungen darauf hin, dass auch die zunehmenden Polarisierungstendenzen innerhalb Europas Niederschlag in der Arbeit des Mattersburger Kreises finden sollten.
Marion Gollner ist Studentin der Ethnologie und Politikwissenschaft, Florian Sabary ist Student der Internationalen Entwicklung. Beide sind PraktikantInnen des Paulo Freire-Zentrums.