10 Jahre ohne und mit Paulo Freire

Drei freireanische Tage in Recife zum Gedenken an den 10. Todestag des Volksbildners.

Auch in Recife, der Geburtsstadt Paulo Freires im Nordosten Brasiliens, gibt es ein Centro Paulo Freire. Die Idee zu seiner Gründung entstand eine Woche nach seinem Tod am 2. Mai 1997, die Gründung selbst folgte nur drei Wochen später. Anlässlich des zehnten Todestages lud das Centro Paulo Freire zu einer dreitägigen Gedenkveranstaltung.

Bunte Tage waren es, an denen auf verschiedene Art und Weise des Gründers der Befreiungspädagogik gedacht wurde. Die Mitglieder und GründerInnen des Centro Paulo Freire waren allesamt enge Freundinnen und Freunde von Paulo Freire, das war während der gesamten Veranstaltung spürbar. Ich hatte ständig das Gefühl, dass hier vielmehr die Erinnerung an einen lieben Freund und Kollegen gepflegt, anstatt des Todes eines ehrfurchtgebietenden Intellektuellen gedacht wurde.

Eröffnet wurde der erste Abend von Xavier Uytdenbroek, der eigentlich aus Belgien stammt, aber schon seit 40 Jahren in Brasilien lebt, und Alcides Tedesco, dem Präsidenten des Centro Paulo Freire. Wer war Paulo Freire? Bilder aus seinem Leben wurden gezeigt, seine Biographie erläutert, aber auch zahlreiche persönliche Erlebnisse und Anekdoten erzählt. Und immer wieder, während der gesamten drei Tage, stand im Vordergrund eigentlich die Frage: Wie war Paulo Freire?

Ich würde gerne in Erinnerung bleiben als derjenige, der die Menschen liebt und die Welt…

Dieses Zitat von Paulo Freire schmückte die Einladung zur Veranstaltung. Und dies ist auch der stärkste Eindruck, der sich bei mir einer Person, die Paulo Freire selbst nie kennen lernen durfte eingeprägt hat. Wer die Welt verändern will, wer mit Menschen arbeiten will, muss beides lieben: die Welt und die Menschen. Und nicht zuletzt sich selbst schließlich ist man ja selbst auch nur ein Mensch.

In diesem Sinne eröffnete Alcides Tedesco den zweiten Tag der Veranstaltung mit den Worten: "Bildung heißt auch, sich seines Körpers bewusst zu sein! Und weil es noch so früh ist und sicher noch nicht alle im Saal Morgensport gemacht haben, tun wir das jetzt gemeinsam!" Und alle der rund 200 TeilnehmerInnen streckten ihre Arme, schüttelten ihre Beine, machten Kniebeugen. Zum Abschluss dieses morgendlichen Aufwärmtrainings rief Tedesco: "Und wie hat Paulo immer gesagt? Wer mit Menschen arbeiten will, muss sie lieben! Deshalb umarmen wir jetzt einfach die, die uns am nächsten stehen!" Und schon fielen einander wildfremde Menschen lachend in die Arme Paulo Freire hätte der Anblick wohl helle Freude bereitet.

Lesen…. Die Pädagogik der Autonomie

Zwei Stunden lang hatten wir anschließend Zeit, uns mit einem Kapitel aus Paulo Freires letztem Buch Pedagogia da Autonomia auseinanderzusetzen. Kleine Gruppen aus vier bis fünf Personen fanden sich zusammen, entschieden sich gemeinsam für eines der 27 Kapitel des Büchleins. Ich fand mich in der Gesellschaft eines italienischen Psychoanalytikers, einer Studentin der Bildungswissenschaften und eines BWL-Studenten, der sich gleich eingangs für die Wahl seines Studiums entschuldigte, wieder. Unsere Wahl fiel auf das Kapitel Lehren erfordert zu wissen, dass Bildung Ideologie ist. Eine gute Wahl und eine interessante Gruppe. Die Diskussion war fröhlich, nicht zuletzt aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten, und angeregt: Was ist eigentlich Ideologie? Wenn die ApologetInnen des Neoliberalismus Ideologie verdammen dann ist das doch selbst Ideologie. Müssen wir nicht darum kämpfen, eine Ideologie zu vertreten? Welche Rolle spielt Sprache? Und Kultur? Beides schafft Identität, ermöglicht es den Menschen, sich auszudrücken. Aber auch, sich selbst und sein/ihr Tun zu reflektieren und sich so seiner/ihrer selbst bewusst zu werden. Wie kann und muss Bildung sein, um einen solchen Reflexionsprozess zu ermöglichen und nicht nur, wie heutzutage weithin üblich die SchülerInnen für ein Leben im Neoliberalismus abzurichten?

Die Zeit war natürlich viel zu kurz, um alle diese Fragen erschöpfend zu diskutieren. Dennoch war der Vormittag bereichernd Denkanstöße, neue Ideen und Reflexionen eigener Überlegungen hat wohl jede und jeder mitgenommen.

Erinnerung sichtbar machen

Der letzte Tag stand ganz im Zeichen der Manifestation der Erinnerung an Paulo Freire. Leider war es mir nicht möglich, den Festakten beizuwohnen vormittags wurde das Modell des zukünftigen Sitzes des Centro Paulo Freire sowie eine Statue des Befreiungspädagogen präsentiert. Ein eigenes Gebäude am Gelände des Universitätscampus für österreichische Begriffe kaum zu glauben! Nachmittags wurden Erinnerungstafeln enthüllt an der Stelle, an der das Geburtshaus Paulo Freires stand und an jenem Haus, in dem er seine ersten Kulturkreise abgehalten hat.

Nicht nur das Was, auch das Wie ist entscheidend

Überraschend wenig "Inhalt" wurde während der gesamten drei Tage vermittelt. Ich hatte Vorträge erwartet, über Leben, Werk und Denken Paulo Freires. Lediglich am ersten Abend hielten einige Mitglieder des Centro Paulo Freire kurze Impulsreferate über die Aktualität freireanischen Denkens für das heutige Bildungswesen, für die Rolle der Universitäten, für die Solidarökonomie und über die Rolle der Cultura Popular in der Volksbildung.

Stattdessen ist es gelungen, ganz deutlich eine gewisse Haltung gegenüber der Welt und den Mitmenschen zu vermitteln die Bedeutung einer Pädagogik der Freundschaft und der Liebe, die gerade in einer Welt des Konsums und des Materialismus größer denn je ist. Von Fröhlichkeit, Offenheit und Toleranz als unabdingbaren Voraussetzungen für den Kampf um eine bessere Welt. Treffend zusammengefasst hat dies eine Vertreterin der Kommission für Bildung des Bundesstaates Pernambuco: Viva Liberdade! Viva Amor! Viva Paulo Freire!!!

Centro Paulo Freire Pernambuco
Digitale Bibliothek Paulo Freire

Die Autorin ist Koordinatorin des Freire-Zentrums für das Forschungsprojekt in Brasilien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.