Das Kollektiv in mir – für oder gegen mich?

Im vierten Modul von „Theater in Aktion“ zum Thema „Theater und Therapie – Das Kollektiv in mir“ wurde die Macht kollektiver Vorstellungen durch Methoden des Theaters der Unterdrückten erforscht und herausgefordert. Erfahrbar wurde, dass emanzipatorisches Theater heilsam sein kann. Vielleicht auch für das Kollektiv?

Theater in Aktion.

Das Paulo Freire Zentrum und der Verein „Theater der Unterdrückten Wien“ boten heuer erstmals den Seminarzyklus „Theater in Aktion“ unter Leitung von Birgit Fritz (Theaterpädagogin, Autorin und Forscherin) an. Neben einer grundlegenden Einführung in das Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal erfuhren die Teilnehmenden eine Vielfalt an Methoden dieses partizipatorischen und emanzipatorischen Theaters – mit dem Ziel, diese Erfahrungen in der eigenen Lebens- und Arbeitspraxis anwenden zu können.

Das vierte Modul fand vom 22. bis 24. April in Reichenau an der Rax statt. „Theater und Therapie – Das Kollektiv in mir“ stieß auf großes Interesse: 15 TeilnehmerInnen erforschten theatralisch die Macht kollektiver Wertvorstellungen und es wurde ersichtlich: Wie „PolizistInnen“ im Kopf wirken diese auf und in Menschen – doch nicht immer als „FreundIn und HelferIn“, sondern bisweilen als „UnterdrückerInnen“.

Unterdrückung im Inneren?

Und wenn es Unterdrückung gibt, dann besteht auch die Notwendigkeit eines Theaters der Unterdrückten – und das meint: eines Theaters der Befreiung“ schreibt Augusto Boal in „Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler (1989)“. Boal entwickelte das Theater der Unterdrückten in den 1950er Jahren in Lateinamerika, im Kontext neokolonialer Unterdrückungsstrukturen, Militärdiktaturen und Kriege – die „UnterdrückerInnen“ konnten meist klar benannt werden. „In Europa gibt es solche Greuel nicht, nicht mehr. Aber das heißt noch lange nicht, dass es nicht auch in Europa Unterdrückte und Unterdrücker gibt“, so Augusto Boal in selbigem Werk. Dass Unterdrückung nicht immer sichtbar ist, nicht nur von außen auf Menschen wirkt sondern im Inneren, formulierte auch Paulo Freire, mit dessen „Pädagogik der Unterdrückten“  Boals Theater stark verbunden ist.

In diesem Sinne verwies Birgit Fritz am Beginn auf einen der Grundgedanken Freires: Menschen seien Subjekte mit subjektiver Wahrnehmung, diese stehe jedoch in Wechselwirkung mit dem Kollektiv. In diesem Prozess verinnerlichte, unterdrückende Normen werden oft nicht als Unterdrückung erkannt und es kommt zu einer „Kultur des Schweigens“ (Freire 1970) und einem Handeln, das Unterdrückung reproduziert.

Introspektives Theater als dialogisches Lernen – und Befreiung.

Um subtile Strukturen von Unterdrückung zu erforschen, entwickelte Boal die Methoden des „Introspektiven Theaters“. Diese „Innenschau“ soll innere Unterdrückung bewusst machen und Selbstbefreiung anregen. Eine „Reise von sich selbst, ins Kollektive“ – wie Birgit Fritz es nannte – um kollektive Unterdrückungsstrukturen zu erkennen und emanzipatorisches Handeln zu entwickeln. Im Theater kann neues Verhalten „ausprobiert“, können Handlungsstrategien „erprobt“ werden. Zentral hierbei ist, dass „Innenschau“ mit Methoden des Theaters zu einer realen Auseinandersetzung wird: SchaupielerInnen verkörpern diese Aspekte, sie werden sicht- und hörbar. Das Schweigen wird gebrochen und „Dialog“ geführt. „Das Theater der Unterdrückten ist immer Dialog: Wir lehren und lernen“, so Boal 1989. Auch hier bezieht er sich auf Paulo Freires „dialogisches Lernen“ zwischen „UnterdrückerInnen und Unterdrückten“ als Möglichkeit der Selbstbefreiung.

„PolizistInnen im Kopf“ und „Regenbogen der Wünsche“.

Im Seminar wurden Boals und Freires Gedanken weniger auf dieser theoretischen Ebene beleuchtet. Viel eher regte Birgit Fritz uns TeilnehmerInnen dazu an, direkt über die Methoden des befreienden Theaters das Kollektive in uns zu erforschen – und dialogisch herauszufordern.

Vor allem die Methode „PolizistInnen im Kopf“ ließ uns erfahren, dass Handlungen Einzelner in Wechselwirkung mit kollektiven Vorstellungen stehen: Ein Erlebnis eines Teilnehmers, das einen inneren Konflikt ausgelöst hatte, wurde „gespielt“. Das Publikum (nach Boal die „SpectActors“) und der Protagonist identifizierten mögliche „PolizistInnen“ (familiäre und gesellschaftliche Normen, Werte, Erwartungen), die sein Handeln geprägt haben könnten. Diese „PolizistInnen“ wurden daraufhin verkörpert und schnell war klar: sie nahmen fast den ganzen Handlungsspielraum des Protagonisten ein. In weiteren Phasen des statischen oder dynamischen Spiels, der Rollenwechsel, der Konfrontationen und Reflexionsrunden spielte sich eine dialogisch Auseinandersetzung mit den PolizistInnen ab: Argumente wurden zum Leben erweckt, Handlungsspielräume erobert. Schlussendlich konnte ein persönlicher, emanzipatorischer Umgang mit der Situation erprobt werden.

Während „PolizistInnen im Kopf“ einen inneren Konflikt beleuchtet, setzt sich die Methode „Regenbogen der Wünsche“ mit zwischenmenschlichen Konflikten auseinander. Wie das Bild des Regenbogens vermittelt: Ein buntes Spektrum an Normen, Motiven und Emotionen, die der Konflikt enthält, wurden aufgefächert, um sich daraufhin mit jedem einzelnen verkörperten „Farbton“ auseinanderzusetzen. Diese Dialoge oder Statuenbilder hatten so manches Aha-Erlebnis zur Folge: ein tieferes Verständnis für den eigenen Regebogen, für den Regenbogen des Konfliktpartners/der Konfliktparterin und für die Einbettung des Konflikts in gesellschaftliche Zusammenhänge. 

Theater als Therapie: Für mich? Für die Welt?

Neben Theater in Aktion bot das Seminar auch Raum für Reflexion. Unter anderem diskutierten die TeilnehmerInnen über die Frage, ob emanzipatorisches Theaters als „Therapie“ zu bezeichnen ist? Birgit Fritz betonte, dass Boal sich dagegen gewehrt habe, denn Theater der Unterdrückten sei „Theater für alle“, nicht nur für Menschen, die Therapie suchen. Später habe Boal allerdings eine Überlagerung von Theater und Therapie anerkannt:

Während sich Boal in früheren Jahren vehement gegen die Anwendung des Begriffs ‘Therapie’ auf sein Theaterkonzept aussprach, bezeichnet er heute seine Arbeit der letzten Jahre als die Untersuchung der Überlagerung der beiden Gebiete, des Theaters selbst und der Therapie. (…) Im boalschen Verständnis heißt Therapie ‘Lernen über sich selbst’, nicht aber Heilung psychischer Krankheiten“ (Neuroth 1994, S. 69).

Dass „Lernen über sich selbst“ auch zur „Therapie“ kollektiver Unterdrückungsstrukturen beiträgt, davon kann angesichts der Wechselwirkung zwischen Individuum und Kollektiv ausgegangen werden. Und – um Boal das letzte Wort zu geben – „auch wenn Theater selbst nicht revolutionär ist, diese Theaterformen sind ohne Zweifel eine Probe zur Revolution.“ (Boal in Moreno 1959, S. 58).

Die Autorin ist Mitarbeiterin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Quellen:

– Boal, Augusto (1989): Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Herausgegeben und aus dem Brasilianischen übersetzt von Martina Spinu und Henry Thorau. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

– Moreno, J.J. (1959): Gruppenpsychologie und Psychodrama. Stuttgart: Thieme Verlag.

– Neuroth, Simone (1994): Augusto Boals Theater der Unterdrückten in der pädagogischen Praxis. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

– Paulo Freire Kooperation e.V.: https://www.freire.de/node/23  

 


Weitere Informationen:

– Zum Seminarzyklus „Theater in Aktion“:  https://www.pfz.at/article1756.htm

– Zum Verein „Theater der Unterdrückten Wien“: https://www.tdu-wien.at/index.html

– Seminarleiterin Birgit Fritz: https://birgitfritz.net/de/

– Weitere Artikel zum Theater der Unterdrückten: https://www.pfz.at/category9.htm

   


 

Foto: Folder Theater in Aktion © Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit, Themen.