Unter dem Motto „Inklusion und Bildung: All means all“ (dt. „Für alle heißt für alle“) dokumentiert der UNESCO-Weltbildungsbericht die globale Situation rund um die Umsetzung von inklusiver Bildung im Rahmen der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs). Am 28. Jänner lud die österreichische UNESCO-Kommission in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) zu einer online Präsentation des UNESCO-Weltbildungsberichts 2020.
Bildungskrise durch COVID-19.
Die Generalsekretärin der österreichischen UNESCO Kommission, Patrizia Jankovic, richtete sich als erste mit einleitenden Worten an das digitale Publikum. Sie betonte, dass es die Aufgabe der UNESCO sei, die Umsetzung des SDG 4 („Hochwertige Bildung“) zu beobachten und zu dokumentieren. „Durch die COVID-19 Pandemie erleben wir eine globale Bildungskrise“, erklärte sie und fügte hinzu, dass sie sich „globale Antworten“ dazu wünsche. Für das Bildungsministerium sprach die ehemalige Grünen-Politikerin Terezija Stoisits zu den Zuseher*innen. Für die Juristin heiße Inklusion vor allem, dass sich Kinder „subjektiv anerkannt fühlen und es objektiv auch sind.“ Um dies in Österreich zu erreichen, sei allerdings ein gesamtgesellschaftlicher Prozess nötig, so Stoisits.
Was meint „All means all“?
Im Weltbildungsbericht wird darauf hingewiesen, dass eine Definition von inklusiver Bildung schwierig und vielfältig sei. Allgemein soll „Vielfalt in positiver Weise“ angenommen werden und „ein Gefühl der Zugehörigkeit“ entstehen, „unabhängig von Herkunft, Fähigkeit oder Identität“. „We live in a world in which no two people are the same” (dt. “Wir leben in einer Welt, in der keine zwei Menschen gleich sind“), waren die einleitenden Worte des Videos, das Bilal Barakat, Senior-Policy Analyst beim UNESCO-Weltbildungsbericht, zu Beginn seines Vortrags zeigte. Ähnlich wie Stoisits sieht Barakat Inklusion als gesamtheitliche „Haltung“, die „niemanden ausgrenzt“, eben „all means all“. Barakat wies darauf hin, dass viele Kinder auch nach der Pandemie wahrscheinlich nicht mehr in die Schulen zurückkehren werden. „Die Pandemie zeigt die Folgen fehlender Inklusion“, das bestätige der aktuelle Bericht. Strategien zur Umsetzung von inklusiver Bildung weltweit wären beispielsweise vielfältigere Leistungsbeurteilungen, flexiblere Lehrpläne, Kooperation zwischen allen Akteur*innen des Bildungssektors und ein diverserer Lehrkörper.
Kritik am österreichischen Bildungssystem.
Der Bildungswissenschaftler Gottfried Biewer nahm in seinem Vortrag eine kritischere Position ein. Im Gegensatz zum UNESCO-Weltbildungsbericht, der vor allem auf die Fortschritte der Umsetzung von SDG 4 aufmerksam machen würde, war es Biewer wichtig „auf spezifische Dinge hinzuweisen“, die in Österreich noch nicht zufriedenstellend seien. Biewer analysierte die Situation Österreichs vor allem aus der Perspektive des „Nationalen Aktionsplan Behinderung 2012-2020“. Er betonte aber, dass der Begriff der Inklusion auch andere Dimensionen wie Geschlecht, Sexualität oder Herkunft inkludiere. Vor allem eine gemeinsame Schule bis 14, eine allgemeine Bildungspflicht bis 18, mehr Barrierefreiheit auf den Hochschulen und ein Ende der „Werkstätten“ für Menschen mit Behinderungen seien Punkte, an denen in Österreich noch gearbeitet werden müsse. Besonders kritisch sah Biewer die sogenannten Sonderschulen, die trotz vieler Bekenntnisse zu inklusiver Bildung von Seiten der österreichischen Politik, Kinder mit einer Beeinträchtigung vom restlichen Bildungssystem ausschließen würden. Biewer, der auch maßgeblich an der Neugestaltung des Lehramtsstudiums beteiligt war, betonte am Ende seines Vortrages, dass es vor allem an Finanzierung von Ausbildungen im Bereich der inklusiven Bildung fehle.
Inklusive Bildung im globalen Süden.
In der Podiumsdiskussion diskutierten schließlich Terizija Stoisits, Johanna Mang von „Licht für die Welt“, sowie die Pädagogin, Journalistin und Interessensvertreterin Katharina Müllebner. Die Moderatorin, Margarita Langthaler (ÖFSE), richtete ihre erste Frage, nach Strategien im globalen Süden für die Umsetzung der Ziele inklusiver Bildung, an Mang. Mang erklärte, dass es meist nicht an dem Bekenntnis eines Landes zu den SDGs und inklusiver Bildung fehle, sondern am politischen Willen und der Umsetzung. Aber auch große Geldgeber-Institutionen wie die Weltbank, die EU oder die Austrian Development Agency (ADA) könnten mehr zur Umsetzung inklusiver Bildung beitragen, indem nur Projekte finanziert werden, die inklusive Bildung fördern.
Inklusion in Österreich bleibt eine „Baustelle“.
An Müllebner richtete sich die zweite Frage Langthalers nach nach ihren Erfahrungen als Rollstuhlfahrerin und Interessensvertreterin von Menschen mit Behinderung. Inklusive Bildung in Österreich sei eine „Baustelle“, antwortete Müllebner, bis jetzt habe es nur „Lippenbekenntnisse“ von Seiten der Politik gegeben. Eine „Diskussion über Vorteile von Inklusion ist wie eine Diskussion über grundlegende Menschenrechte“, Gegenpositionen würden eigentlich keinen Sinn machen, so Müllebner. Stoisits interpretierte den Begriff der „Baustelle“ als positives Zeichen, da er den Beginn eines Prozesses signalisieren würde. Fragen aus dem Publikum wurden hauptsächlich über die Chat-Funktion gestellt, dort entstand während der Veranstaltung eine rege Diskussion. So waren zum Beispiel die verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich der inklusiven Bildung in Österreich ein Thema. Aber auch die Metapher der „Baustelle“ und Stoisits optimistische Haltung dazu, wurden kritisch diskutiert. Insgesamt gab der Abend einen guten Überblick über die Inhalte des UNESCO-Weltbildungsberichts. Vor allem aber die Einschätzungen der Redner*innen zu Inklusion in Österreichs Bildungsinstitutionen standen im Mittelpunkt der Diskussionen.
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Titelbild: Weltbildungsbericht der UNESCO 2020 “Inklusion und Bildung” © UNESCO.