Globale Probleme erfordern globale Lösungen, doch wie kann Demokratie global gedacht werden? Und: Wie kann Demokratisierung mit globalem Fokus „gelernt“ werden? Diesem Thema widmeten sich Wolfram Schaffar und zahlreiche TeilnehmerInnen im Rahmen der „Fachtagung Globales Lernen“, am 10. November 2015.Die diesjährige Fachtagung Globales Lernen trug den Titel: „Wie viel Demokratie verträgt die Welt? Demokratie global denken“ und stellte Fragen globaler Demokratieentwicklung in den Kontext globalen Lernens.
In diesem Rahmen hielt Wolfram Schaffar (Universität Wien), der am Institut für Internationale Entwicklung zu transnationaler Demokratieentwicklung forscht, sowohl einen Vortrag zum Thema „Demokratie global denken“, als auch einen vertiefenden Gesprächskreis, um globale Demokratieentwicklung als Thema für die Bildung zu erörtern.
Globale Probleme und der „Reflex zu autoritären Maßnahmen“.
Klimawandel, transnationale Wirtschaftskrise, weltweite Flucht und Vertreibungen: Die globale Dimension dieser Probleme und die Betroffenheit aller WeltbürgerInnen sei offensichtlich, so Schaffar am Beginn seines Vortrags. Dennoch seien die Lösungsstrategien unserer modernen, demokratischen Regierungen nicht global und demokratisch, sondern zunehmend national und autoritär ausgerichtet. Er beobachte einen weltweiten „Reflex zu autoritären Maßnahmen“.
Wie wenig Demokratie können wir uns leisten?
Dies werde meist damit begründet, dass man sich Demokratie, angesichts der Probleme, nicht leisten könne. Eine solche Begründung basiere jedoch auf einer „ahistorischen Auffassung von Demokratie“, so Schaffar. Historisch gesehen sei Demokratie als Antwort auf soziale Krisen entstanden und stelle somit eine Lösungsstrategie dar. Es müsste eigentlich heißen: „Wie wenig Demokratie können wir uns leisten?“, betonte Schaffar nachdrücklich.
Neue Demokratiebewegungen als Weg zu globaler Demokratisierung?
Als Reaktion zu diesen Tendenzen zeichne sich seit 2011 ein weltweiter „Zyklus neuer Demokratiebewegungen“ ab. Begonnen mit dem arabischen Frühling, stellen heute zahlreiche Bewegungen, wie beispielsweise „¡Democracia Real YA! („Echte Demokratie Jetzt!“) oder „We are the 99 percent“ („Wir sind die 99 Prozent!“), Forderungen „im Namen der Demokratie“.
Problematisch im Sinne einer global ausgerichteten Demokratisierung sei jedoch, dass sich diese Bewegungen auf nationale Referenzrahmen beziehen, keine transnationale Organisationsstruktur aufweisen und kein gemeinsames, pro-demokratisches Programm verfolgen würden.
Demokratisierung in unserer globalisierten, interdependenten Welt bedeute laut Schaffar eine qualitative Vertiefung von Mitbestimmung, bei gleichzeitiger Ausweitung und Transnationalisierung der Mitbestimmung. Die beobachtete „Renationalisierungstendenz“ stelle also ein Problem dar, „wenn wir Demokratie global denken wollen“, so Schaffar.
Doch wie können wir Demokratisierung mit Fokus auf globale Probleme vorantreiben? Mit dieser Frage beendete er seinen Vortrag, um im anschließenden Gesprächskreis zu erörtern, inwiefern „Bildung“ zu dieser Art von Demokratisierung beitragen könnte.
Demokratie global denken lernen – in der Schule?
„Wie könnte man in der Schule einen Lernzusammenhang für global gedachte Demokratie gestalten, sodass SchülerInnen begeistert mitmachen?“ fragte Schaffar in die Gesprächskreis-Runde von etwa 15 TeilnehmerInnen, die großteils aus der Bildungspraxis kamen. Dies gestalte sich schwierig, kam die Antwort. Vielen SchülerInnen mangle es an Interesse für Politik und außerdem fehle es oft an gewissen Grundwerten des Miteinanders, die für demokratisches Denken und Handeln mit globaler Perspektive notwendig wären.
Werte, Inhalte, „Rebellionskompetenz“ und „Demokratie üben beim Billa“.
Nun wurden unterschiedliche Ansatzpunkte diskutiert: Einer wäre, zuerst an den Grundwerten des Miteinanders zu arbeiten, um in der Folge demokratisches Handeln lehren zu können. Aus fast gegensätzlicher Perspektive wurde vorgeschlagen, ohne Vorgabe inhaltlicher Werte mit globalen politischen Themen zu arbeiten, um über diese Auseinandersetzung zu einem selbstentwickelten, demokratischen Denken beizutragen. Ein weiterer Zugang fokussierte die „Rebellionskompetenz“ der SchülerInnen. Diese müssten zuerst gegen systemgeprägtes Denken und Handeln „widerstehen lernen“, um sich daraufhin demokratisches Denken und Handeln selbst erkämpfen zu können.
Schließlich wurde der Vorschlag formuliert, Demokratie mit globalem Fokus zu diskutieren und einen praktischen Übungsrahmen für demokratisches Handeln zu simulieren. Zum Beispiel einen basisdemokratischen Entscheidungsprozess, bei dem entschieden wird, welche Produkte bei „Billa“ verkauft werden sollten.
Die Diskussion spannte sich also zwischen zwei Polen auf: Soll demokratisches Handeln durch die Auseinandersetzung mit Werten und Inhalten angeregt werden, oder in vorgefertigten „demokratischen Praxisstrukturierungen“ gelernt werden?
Individuelle Verantwortung als Keim von globaler Demokratisierung.
Gegen Ende des Gesprächskreises schienen sich jedenfalls alle einig, dass SchülerInnen ihre persönliche Verbundenheit mit der Welt, ihre individuelle Verantwortung und auch ihre konkreten Möglichkeiten zur Mitgestaltung bewusst gemacht werden sollten. Dies sei der Keim des politischen und demokratischen Handelns. Daraufhin warf eine Teilnehmerin jedoch ein, dass die Betonung der „individuellen Verantwortung für die ganze Welt“ auch zu Überforderung und Handlungsunfähigkeit führen könnte. Und, dass sich andere demokratische Instanzen, wie gewählte RepräsentantInnen und demokratische Organe, währenddessen aus ihrer Verantwortung schleichen könnten.
Wenn die Zeit des Gesprächskreises an diesem Punkt nicht abgelaufen wäre, dann würden die TeilnehmerInnen wohl noch heute diskutieren – ganz im Sinne des demokratischen Debattierens!
Die Autorin studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Links zu dem Thema:
– Das Portal für Globales Lernen in Österreich: https://www.globaleslernen.at/aktivitaeten/veranstaltungen.html
– Wolfram Schaffar: https://ie.univie.ac.at/mitarbeiter-innen/wolfram-schaffar/
– KommEnt – Gesellschaft für Kommunikation, Entwicklung und dialogische Bildung: https://www.komment.at/
– BAOBAB – Globales Lernen: https://www.baobab.at/