Die Welt lesen, die Hoffnung neu schreiben.

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Paulo Freire Zentrums fand am 15. Mai im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung die Veranstaltung „Die Welt lesen, die Hoffnung neu schreiben“ statt, bei der Paulo Padilha, Robert Misik und Simone Grosser einen bunten Abend gestalteten. Moderiert wurde der Abend von Andreas Novy bei ca. 80 TeilnehmerInnen.2004 gegründet, feiert das Paulo Freire Zentrum 2014 seinen ersten zweistelligen Geburtstag: Seit nunmehr 10 Jahren bemüht es sich um eine Verbindung von Theorie und Praxis in der Welt der Entwicklungspolitik wobei ein besonderes Augenmerk auf Bildungsprozesse und Bildungsarbeit gelegt wird. Ein wichtiger Gedanke, der dabei stets im Hinterkopf behalten wird: Der Norden kann auch vom Süden lernen.

Machträume aufbrechen

Paulo Freire verfolgte zu Lebzeiten das Ziel der Alphabetisierung von jenen, die aus den formalen Bildungseinrichtungen ausgegrenzt wurden. Bildung betrachtete er dabei stets als einen gleichberechtigten Prozess zwischen LehrerIn und SchülerIn. Angelehnt an sein Werk „Pädagogik der Unterdrückten“ entwickelte Augusto Boal das „Theater der Unterdrückten“ – ein politisch-pädagogisches Theater, welches ebenfalls auf einen hierarchiefreien Dialog auf Augenhöhe abzielt. „So wie es bei Paulo Freire darum geht, das LehrerIn-SchülerIn-Verhältnis aufzubrechen, geht es beim Theater der Unterdrückten darum, das SchauspielerIn-Publikum-Verhältnis und damit letztendlich auch den Machtraum Bühne aufzubrechen“, formulierte es Simone Grosser (Isento). Mit drei kurzen Elementen aus Boals Repertoire, die in Paaren oder Dreiergruppen durchgeführt wurden, gab Grosser den Gästen im Laufe des Abends auf spielerische Art und Weise die Möglichkeit, von der passiven Rolle der ZuseherInnen in die aktive Rolle der AkteurInnen zu wechseln. Dabei entwickelten sie einen Dialog ohne Worte.

Bilden, um zu transformieren

Auch Paulo Padilha, Direktor für institutionelle Entwicklung des Instituto Paulo Freire in São Paulo, bezog sich auf Boal: „Wir müssen die Idee verwerfen, dass man nur in Worten denkt, denn man denkt auch in Tönen.“ Dass Padilha Kunst und Musik sehr am Herzen liegen, wurde nicht zuletzt durch seine musikalischen Untermalungen des Abends sichtbar, bei welchen er gemeinsam mit seiner Tochter sang und Gitarre spielte. Seiner Ansicht nach kann man mit Musik kommunizieren und Wissen vermitteln. Damit verdeutlichte er auch einen Gedanken, den er bei Bildung jeglicher Art für wesentlich hält: Die Verknüpfung von Kunst und Wissenschaft, von Denken und Fühlen. Bildung, die das Ziel der Transformation verfolgt, könne sich nie auf bloße Wissensvermittlung (also den informativen Aspekt) beschränken, sondern müsse stets auch den formativen Aspekt betonen, denn letztendlich sei es die Bildung, die es uns ermögliche, zu reflektierenden Subjekten zu werden.

Aus dieser Perspektive ist Bildung ein Prozess, etwas Dynamisches. Wie sagte schon Paulo Freire? „Die Welt ist nicht, die Welt ist gerade im Werden.“ Und aus eben jener Sicht scheint Paulo Freires Gedankengut nicht an Aktualität und Relevanz eingebüßt zu haben. So zeigte sich Padilha überzeugt: „Bildungssysteme stehen heute vor großen Herausforderungen, nicht zuletzt durch die sogenannte Wissensgesellschaft. Gerade vor diesem Hintergrund sind vielfältige Bildungsräume wichtig. Bildungssysteme müssen sich zu einer Art Kulturkreis gestalten, in denen es kulturellen Austausch gibt und in denen Differenzen wertgeschätzt werden.“ Ausgangspunkt jeden Bildungsprozesses müsse die zwischenmenschliche Beziehung sein. Bildung bedeute nicht, etwas für jemanden zu tun, sondern mit jemandem.

Mach dein Ding – aber mach es für den Neoliberalismus

Robert Misik, Journalist und politischer Schriftsteller, bezog zur Bildung auf österreichischer Ebene Position. Emanzipatorische Bildung – was für ein vielversprechender Begriff. „Junge Leute sollen selbst denken lernen, heißt es. Das Motto lautet: Sei ein autonomes Subjekt, sei kreativ und mach dein Ding!“, so Misik. Doch dass die so oft auch in Stellenanzeigen diverser (großer) Konzerne geforderte Kreativität letztendlich ökonomisiert und verwertbar gemacht werde, sei eigentlich mit dem Streben nach Emanzipation nicht vereinbar und stelle einen Widerspruch dar. Einerseits werde die Forderung nach emanzipatorischer Bildung – also nach der Schaffung selbstständiger, selbst denkender Subjekte – vom modernen Kapitalismus durchaus unterstützt. Andererseits sei in der realen Bildung zur gleichen Zeit ein gegenläufiger Trend zu beobachten: Eine Entmächtigung im Sinne von Standardisierung und Normierung. Mit Ermächtigung habe das denkbar wenig zu tun.

Als ebenfalls entmächtigend beschrieb Misik die zunehmende Komplexität der Welt. In der heutigen Wissenschaft scheine es eine Art „Geheimsprache“ im Sinne eines Fachjargons zu geben, der Leute abschrecke: „Die Leute wollen mitsprechen. Sie haben ja durchaus Interesse – auch an der Politik. Aber wie kann man mitreden, wenn etwas so kompliziert formuliert wird, dass man es nicht verstehen kann?“ Um es Menschen zu ermöglichen, zu Subjekten zu werden, die ihre eigene Welt mitgestalten, sei es nötig, Dinge so darzustellen, dass jedeR sie nachvollziehen kann. Und gerade das müsse ein Aspekt einer emanzipatorischen Bildung sein – oder zumindest werden.

Happy Birthday

Zum feierlichen Abschluss des Abends sprachen Erika Tiefenbacher (Direktorin der NMS Schopenhauerstraße) und Helmuth Hartmeyer (ADA), die beide auf eine langjährige, enge Zusammenarbeit mit dem Paulo Freire Zentrum zurück blicken können, lobende Worte für die bisherige Arbeit des Zentrums aus und gratulierten dessen Direktor Gerald Faschingeder herzlich. Auch ein Geburtstagsständchen und eine Torte durften selbstverständlich nicht fehlen.

Nun bleibt wohl nur mehr zu sagen, dass ein Geburtstagsfest dieser Art – ein Dialog zwischen Süden und Norden, zwischen Kunst und Wissenschaft – gewiss auch Paulo Freire gefallen hätte. In diesem Sinne: Alles Gute, Paulo Freire Zentrum! Weiter so!

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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