
Seit Jahren begleitet Helmuth Hartmeyer die konzeptionelle Weiterentwicklung, praktische Implementierung und fortschreitende Institutionalisierung des Globalen Lernens in Österreich. Sein jüngstes Buch „Von Rosen und Thujen. Globales Lernen in Erfahrung bringen“ ist ein weiterer Diskussionsbeitrag und ein Plädoyer zugleich.
Ausgangspunkt für Hartmeyers neuestes Werk war eine 21-tägige Wanderung im Frühsommer 2011, die ihn über 635 km von Bregenz nach Wien führte. Auf seinem Weg nutzte er die Zeit, um über den aktuellen Stand des Globalen Lernens in Österreich zu reflektieren, und Zukunftsperspektiven zu imaginieren. Das Ergebnis ist eine spannende Lektüre, die vor allem „Neulingen“ eine Wegbeschreibung im großen Feld des Globalen Lernens bietet. Inhaltlich schließt er teilweise an seine frühere Publikation „Die Welt in Erfahrung bringen: Globales Lernen in Österreich“ aus dem Jahr 2007 an, in der Hartmeyer die AkteurInnen des Globalen Lernens in Österreich beleuchtet und Hintergrundwissen zu Konzepten, Einflüssen und Entwicklungen des Globalen Lernens bietet.
Wissenschaft und Praxis – Symbiose statt Widerspruch
Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Praxis ist nicht unbelastet. Weit verbreitet sind Vorurteile von einer Wissenschaft „im Elfenbeinturm“, die fernab von der realen Welt sinniert, sowie von einer ineffizienten Praxis, die sich zu wenig auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt. Diese Herangehensweisen haben nach Hartmeyer jedoch keinen Platz im Globalen Lernen. Im Gegenteil: Die Wissenschaft ermögliche es, einen Schritt zurück zu treten, um einen Blick auf das große Ganze zu werfen. Damit befördere sie die Weiterentwicklung der Praxis, die wiederum Quelle der wissenschaftlichen Erkenntnis sei. Aktion brauche Reflexion und umgekehrt.
In „Rosen und Thujen“ zeigt der Autor, dass Globales Lernen allgegenwärtig ist. Obwohl es überwiegend im formalen und informalen Bildungsbereich Einzug gefunden hat, reicht ein Blick zur Seite, um die eigene Einbettung in globale Zusammenhänge aufzudecken: von internationalen Produktions- und Konsumverhältnissen, über die vielfältigen Nord-Süd-Städte- und Gemeindepartnerschaften, bis hin zu den mehr als 90 Weltläden in ganz Österreich, die sich auf fair gehandelte Waren spezialisiert haben.
Durch Gespräche die Welt erkunden
Helmuth Hartmeyer erkennt viele Überschneidungen zwischen dem Globalen Lernen und anderen bildungspolitischen und pädagogischen Zugängen. In Gesprächen mit KollegInnen und Weggefährten diskutiert er verwandte Ansätze und holt sich Inputs aus angrenzenden, sich teilweise überschneidenden, Bereichen.
Mit Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums, diskutiert er das Verhältnis zwischen Globalem Lernen und freireanischem Denken und Handeln. Der Politikwissenschaftler und wissenschaftliche Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) Hakan Gürses bringt interkulturelle Perspektiven ein – Hans Göttel vom Europahaus Burgenland einen kosmopolitischen Zugang.
Im Gespräch mit Christian Rab, Leiter des ÖJAB Hauses Neumargareten, einem Wohnheim für ältere pflegebedürftige Menschen, schlägt Helmuth Hartmeyer abermals die Brücke zur Praxis und erkundet, wie Globales Lernen im Alltag umgesetzt werden kann. Das ÖJAB-Haus hat am Projekt „Globales Lernen neuer Generationen“ teilgenommen und dabei generationenübergreifenden Austausch gefördert. Für viele ältere Menschen sei die Beschäftigung mit globalen Themen und der persönliche Kontakt mit Menschen aus „anderen Ländern“ eine Chance gewesen, über Jahre verfestigte Vorurteile abzubauen und ihren eigenen Horizont zu erweitern.
Rosenzauber statt Thujenterror
Mit Rosen und Thujen beschreibt Hartmeyer metaphorisch zwei grundverschiedene Zugänge zu Bildung. Während Thujen gestutzt und ihrer eigenen Entfaltung beraubt würden, stünden Rosen für eine Pädagogik, in der Individualität, Kreativität sowie das Denken und Handeln in Alternativen gefördert werden. „Zucht und Ordnung“ sowie die bloße Wissensvermittlung von Sachthemen müssten abgelöst werden von einem Bildungskonzept, das die Lernenden in den Mittelpunkt rückt und sich am Erwerb von Kompetenzen orientiert.
Im Globalen Lernen gehe es um die „eigene Verstricktheit in die weltweiten Entwicklungen, um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt im Lichte globaler Erfahrungshorizonte“. Die Komplexität dieser Welt mache es notwendig, sich kritisch mit vorhandenem Wissen auseinanderzusetzen. Bildung sei ein Abenteuer, das nicht Wege verschließen, sondern Horizonte erweitern und Räume öffnen solle. Globales Lernen als Bildungskonzept solle dabei kritische Reflexion ermöglichen und zum Handeln ermächtigen.
Lesevergnügen mit „Nachdenk-Effekt“
Auf knapp 150 Seiten wird „Von Rosen und Thujen“ intellektuellen wie literarischen Ansprüchen gerecht und bietet ein vielfältiges Lesevergnügen. Neben wissenschaftlich-analytischen Passagen sorgen Gedichte, Interviews und Erzählungen für Abwechslung. Besonders empfehlenswert ist das Buch für alle, die neu auf dem Gebiet des Globalen Lernens sind. Ein Wegbegleiter in der Auseinandersetzung mit Bildung, Lernen und kritischer Reflexion.
Der Autor ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.