
Im Jahr 2011 erschien das 13. Jahrbuch der Paulo Freire Kooperation unter dem Titel „Spannungsfeld der Moderne“. Herausgeber Joachim Dabisch hat eine bunte Sammlung an Texten zusammengestellt, die sich mit Paulo Freire in der heutigen Zeit beschäftigen. Einen roten Faden sucht der/die LeserIn allerdings vergeblich.Der Titel „Spannungsfeld der Moderne“ bleibt das uneingelöste Versprechen eines inhaltlichen Schwerpunkts, dem im Freire-Jahrbuch nur wenig Platz geboten wird. Ohne Klappentext, Vor- oder Nachwort wirkt der Sammelband als Gesamtwerk lieblos und fragmentiert. Einzelne Artikel bieten aber spannende Auseinandersetzungen zu gesellschaftlich brisanten Themen wie Integration, soziale Arbeit oder Klimawandel.
Erschöpfung der Moderne
Eine gesellschaftskritische Betrachtung der heutigen Zeit und viele offene Fragen liefert Ronald Lutz in seinem Eingangsbeitrag. Wir befänden uns in einer Phase des Wandels, die von Schnelllebigkeit und individueller Erschöpfung geprägt sei. Das Denken der Menschen sei gezeichnet von Zukunftsängsten und ihr Leben geleitet von Unsicherheiten und dem Verlust der eigenen Autonomie. Dabei entstehe neuer Raum für Gewalt, Fundamentalismen, Imperialismen und segregierende Menschenbilder. Lösungsansätze bietet der Autor zwar (bewusst) keine, an Denkanstößen mangelt es allerdings nicht.
Lutz hantiert mit Schlagwörtern wie dem Terror der Ökonomie, durch den Profitgier und Raubtierkapitalismus zur gesellschaftlichen Norm avancieren. Neoliberalismus sei zur mächtigen Ideologie geworden, die die Welt neu ordne und soziale wie emanzipatorische Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates bedrohe. Armut nehme zu und werde gleichzeitig wieder als Normalfall gesellschaftlicher Endpunkte konstituiert. Bewegen wir uns in Richtung einer neuen Ständegesellschaft? Stehen wir vor einer Wiederkehr der Barbarei, einem Jahrhundert der Kriege und bedrohen Terrorismus und Fundamentalismus unsere Freiheiten?
Ronald Lutz zeichnet ein durchgehend düsteres Bild der heutigen Gesellschaft und spricht eine Vielzahl aktueller politischer Problemlagen an. Obwohl er einige interessante Fragen aufwirft, gelingt es ihm kaum, über oberflächliche Betrachtungen hinauszugehen. Unklar bleibt auch, auf welche „Gesellschaft“ sich der Autor bezieht. Er benennt gesellschaftliche Spannungsfelder, die überwiegend in westlichen Nationalstaaten vorzufinden sind, als die großen Probleme „unserer Zeit“, ohne die universelle Gültigkeit seiner Thesen zu belegen.
Integration und inklusive Bildung
Arnold Köpcke-Duttler schreibt über den noch weiten Weg zu einem inklusiven Bildungssystem und dem Menschenrecht auf Inklusion. Mit einem Paradigmenwechsel in der Sonder- und Heilpädagogik habe sich in den letzten Jahren der Blick auf Behinderung verändert. Weg von defizitären Betrachtungsweisen menschlicher Körper, stehen nun soziale und interaktionale Prozesse als Ursache von Behinderungen im Vordergrund.
Nichtsdestotrotz sei das fragmentierte deutsche Schulsystem noch immer einer der Hauptgründe für gesellschaftliche Segregation. Die frühe Trennung von Kindern in unterschiedliche Schulformen habe direkte Auswirkungen auf zukünftige Formen sozialer Exklusion und Marginalisierung sowie auf die Schaffung gesellschaftlicher Solidarität. Ein Befund, der wohl auch auf das österreichische Schulwesen zutrifft.
Ein wichtiger Schritt in Richtung gesamtgesellschaftlicher Inklusion sei laut Köpcke-Duttler die UN-Behindertenrechtskonvention, die als Wendepunkt in der Behindertenpolitik verstanden werden könne. Der viel zitierte Artikel 24 fordert ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen in dem der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung der Regelfall ist (UN-Behindertenrechtskonvention: Art. 24). Köpcke-Duttler diskutiert politische Reaktionen auf die Konvention sowie bisherige Versuche, sie im deutschen Bildungssystem umzusetzen.
Grundschulpädagogik und dialogisches Lernen
Auf einer Tagung an einer Grundschule in Ludwigshafen wurde von LehrerInnen und anderen Interessierten der Status Quo der Schulgestaltung diskutiert. Klassenlehrer Stefan Berzel und Gastvortragender Heinz-Peter Gerhardt berichten von Konfliktfeldern, problemlösungsorientierten Ansätzen und ersten Ergebnissen eines dialogischen Prozesses.
Schule sollte in Ludwigshafen in seinem gesamtgesellschaftlichen Kontext verstanden und SchülerInnen als ExpertInnen ihres eigenen Lebens ernst genommen werden. Konkret wurde danach gefragt, in welche Richtung sich zwischenmenschliche Beziehungen zwischen LehrerInnen und SchülerInnen entwickeln und ob SchülerInnen als Subjekte im Lernprozess wahrgenommen würden. Gemeinsam sollte darauf aufbauend ein neues Schul-Leitbild erstellt werden.
Im Rahmen der Tagung musste zunächst ein Prozess in Gang gesetzt werden, der es ermöglichte, Probleme klar zu artikulieren. Das Durchbrechen einer Kultur des Schweigens (nach Freire) habe es LehrerInnen ermöglicht, in einen offenen Dialog zu treten und Arbeitsstrategien zu entwickeln. Unter dem Motto Fesseln zerschneiden, eine Unterdrückungssituation überwinden wurden unterschiedliche Handlungsansätze wie stufenübergreifender Unterricht oder Veränderung des Raumangebotes als hilfreich erkannt. Dieses spannende Praxis-Beispiel über die Umsetzung einer Grundschulpädagogik im Sinne Paulo Freires bietet vielerlei Reflexionsmöglichkeiten und zeigt Handlungsperspektiven, die laut Berzel und Gerhardt bereits in den Schulalltag integriert wurden.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Dabisch, Joachim (Hrsg., 2011): Spannungsfeld der Moderne. Paulo Freire in heutiger Zeit. Freire-Jahrbuch 13 der Paulo Freire Kooperation. Oldenburg: Paulo Freire Verlag. ISBN 978-3-86585-013-3.