Viktor Matejka und die Demokratisierung des Buches (III)

Viktor Matejkas Bemühungen gegen das Vordringen des Nationalsozialismus brachten ihn mehrer Jahre ins Konzentrationslager. Dort versuchte er, mit der Einführung und Erweiterung von Lagerbücherein, das Leben der Häftlinge erträglicher zu gestalten.

Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Matejka verhaftet und bereits im April 1938 mit dem ersten Österreichertransport in das Konzentrationslager Dachau befördert. Matejka wusste, dass es nun galt, Geist, Überlebens- und Widerstandswillen gegen ein KZ-System aufrechtzuerhalten, in dem nicht nur Mord, Totschlag und Vernichtung durch Arbeit auf der Tagesordnung standen, sondern zuallererst die Zerstörung menschlicher Individualität. Die Teilhabe an der Kultur sollte die Menschen befähigen, den tagtäglichen Demütigungen standzuhalten und ihnen Kraft und Selbstbewusstsein vermitteln. In den sechs Jahren KZ-Haft wurde Matejka auf diesem Gebiet mehrfach findig und konnte damit nicht nur sich selbst, sondern auch viele seiner Kameraden immer wieder von neuem aufrichten.

Zeitschriften als Überlebenshilfe.

Möglichst bald nahm er seine gewohnten dokumentaristischen Aktivitäten in Form des Ausschneidens von Zeitungsartikeln auf. Dabei stand ihm anfangs nur der Völkische Beobachter zur Verfügung. Da es aber möglich war, mit den in das Lager überwiesenen Geldbeträgen von Angehörigen Zeitschriften zu abonnieren, konnte er bereits im Jahr 1939 diese Sammeltätigkeit intensivieren, da der Lagerkommandant den Bezug von Lokal-, Provinz- und Kunstzeitschriften bewilligte. Der KZ-Kamerad Ferdinand Abbe vom Arbeitskommando Häftlingsbad war Matejka bei der Aufbewahrung in Verstecken neben den Baderäumen behilflich. Diese Aktivität sollte nicht Selbstzweck bleiben, sondern auch den anderen Häftlingen zugute kommen.

Geschichte der Lagerbücherein.

Im Herbst 1933 begannen Häftlinge mit dem Betrieb der Lagerbücherei. Den Grundstock bildete eine Spende des katholischen Pfarrers von Dachau. Die SS war bestrebt, in großen Mengen nationalsozialistische Literatur einzustellen. Die Häftlinge fanden immer wieder Wege zur Aufbesserung des Buchbestandes; so wurden Bücher aus der Effektenkammer geschmuggelt und eine 1936/37 durchgeführte Geldsammlung brachte eine weitere Ergänzung. Im Jahr 1943 wurde von der SS ein Häftlingskommando zusammengestellt, das 17 000 Bücher, die waggonweise aus geraubten jüdischen Privatbibliotheken herbeigeschafft worden waren, sortieren sollte. Nach Kriterien der Lagerverwaltung brauchbare Literatur sollte der SS-Bibliothek einverleibt, der Rest vernichtet werden. Den Häftlingen gelang es, viele wertvolle Bücher, die zur verbrannten und verbotenen Literatur im Nazi-Reich zählten, zu retten und in die Lagerbücherei zu schmuggeln.

Matejka berichtete darüber: Im Lauf der Jahre wurde manches Buch in die Bücherei eingeschmuggelt, das nie dort hätte aufgestellt werden dürfen. Natürlich mussten in solchen Fällen dem Buch die Zähne gezogen werden. Der jüdische Autor verschwand. Das Buch hatte dann vielleicht noch einen unvorsichtigen Titel, aber keinen Autor. Und so geschah es eines Tages, dass sogar Karl Kraus Einzug in Dachau hielt.

Pickbücher.

Nach einem kurzen Aufenthalt im KZ Flossenbürg nahm sich Viktor Matejka auch wieder der Sammlung von Zeitungsausschnitte an: In Dachau zurück, überlegte ich eine bessere Ordnung nach Themen. Dieser Zusammenfassung sollte eine feste Form, eine Bindung gegeben werden, die das Weiterreichen von Leser zu Leser möglich machte und dafür sorgte, dass die Ausschnitte nicht zu verstreut wurden. So kam ich auf das Pickbuch. So genannt, weil der schon gedruckte Text auf Papier gekleistert, geklebt, gepickt wurde. Im Format 15 mal 21 cm der handlichen Größe der meisten Bücher der Lagerbücherei. Vielleicht, so dachte ich, könnten die Pickbücher eines Tages direkt in die Lagerbücherei eingestellt und dort verliehen werden. Es kam später dazu, wenn das auch nur für einzelne Bücher möglich war aus politischen Gründen, aus Gründen der Vorsicht. Die meisten Pickbücher kursierten nur unter politisch absolut verlässlichen Häftlingen, im Untergrund. Meine Arbeit bestand also nicht nur darin, die Zeitungen zu sammeln, zu lesen und auszuschneiden, sondern auch die Ausschnitte auf Oktavformatpapier zu kleben und sie der Buchbinderei anzuvertrauen. Ohne die Freunde Alois Peter und Bruno Furch, ehemalige Spanienkämpfer, die für die Leitung des Arbeitskommandos Lager-Buchbinderei verantwortlich waren, wären die Pickbücher nie zustande gekommen.

Politische Bildung aus dem Widerspruch.

Insgesamt hat Matejka mehr als zwanzig solcher Pickbücher (auch mit Lyrik und Prosa) gestaltet, von denen vier der Nachwelt erhalten geblieben sind und im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) eingesehen werden können. Hier war der Volksbildner einmal mehr in seinem Element. In seiner Autobiografie nennt er die Methode Politische Bildung aus dem Widerspruch.  Matejka vertrat die Meinung, dass es zur Bekämpfung eines Gegners unerlässlich sei, dessen Texte kritisch zu lesen. Als Konsequenz dieser Haltung verfocht er bereits während der zwanziger Jahre die Notwendigkeit der Lektüre von Hitlers »Mein Kampf«; nun stellte er ein Pickbuch zusammen, das aus Teilen und Sätzen von Hitler-Reden montiert war, um Widerspruch anzuregen. Das hohle Pathos von Wehrmachtsberichten, die ebenfalls ein Pickbuch füllten, sollte den Kameraden Hoffnung machen und ihnen das Ende des Dritten Reiches vor Augen führen.

Rückblickend meinte Viktor Matejka: Die Lagerbücherei gehörte auf jeden Fall zu den segenreichsten Einrichtungen im KZ. Auch die rücksichtsloseste Zensur und Bücherverbrennung im Dritten Reich konnte die Bücherei im KZ Dachau nicht so sterilisieren und kastrieren, dass sie zu absoluter Unfruchtbarkeit verurteilt gewesen wäre. Es sorgte also die Bücherei in erster Linie für geistige Nahrung, wenn schon die körperliche Nahrung miserabel war.

Der Autor ist Bibliothekar der Büchereien Wien.

Lesen Sie weiter über Viktor Matejka und die Demokratisierung des Buches (IV).


Alle Zitate aus: Viktor Matejka, Widerstand ist alles. Notizen eines Unorthodoxen, Wien 1984, 89-112.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.