Befähigung zum Dialog.

PF_100W.jpgDer Titel des bekanntesten Werkes Paulo Freires enthält bereits jenen zentralen Begriff, um den sich Fragestellung und Argumentation drehen: Unterdrückung. Geprägt von seinem erfolgreichen Engagement im Bereich der Alphabetisierung und den Veränderungen in seinem Heimatland Brasilien durch den Militärputsch 1964, der Paulo Freire ins chilenische Exil zwang, beschäftigte sich der Autor mit der Entwicklung einer Pädagogik der Befreiung.

In den Mittelpunkt dieses Entwicklungsprozesses stellt er die Rolle der Unterdrückten:

„Das zentrale Problem heißt so: Wie können die Unterdrückten als gespaltene, unechte Wesen an der Entwicklung einer Pädagogik ihrer Befreiung mitwirken? [] Die Pädagogik der Unterdrückten ist ein Instrument der Entdeckung, dass in ihnen und in ihren Unterdrückern die Enthumanisierung Gestalt angenommen hat.“ (S. 36)

Unterdrücker*innen und Unterdrückte.

Unterdrückte charakterisiert Paulo Freire als gespaltene Menschen, als „Behauser“ der Unterdrücker*innen. Durch die Verwendung dieses Begriffes wird schon zu Beginn klar, dass Freire die Auswirkungen unterdrückerischer Herrschaftsausübung nicht an der Oberfläche sucht, sondern in der Tiefe menschlicher Persönlichkeiten. Indem das Bewusstsein des Unterdrückers verinnerlicht werde, existiere dieser neben dem eigentlichen „Selbst“. Der Unterdrücker erkennt Unterdrückte nicht als Subjekte an, sondern mache sie zu Objekten, die er folglich als Besitz betrachtet. Dieser Materialismus, wo das Sein nur in Verbindung mit Haben gedacht wird, enthumanisiere letztendlich beide. Im Prozess der Befreiung müssten die Unterdrückten ihren Glauben an die (vermeintlich) unumstößliche Übermacht der Unterdrücker ablegen und dürften Selbsterniedrigung nicht mehr länger zulassen. Als beispielhafte Darstellung des mangelnden Vertrauens in sich selbst zitiert Freire an dieser Stelle einen Landarbeiter, der im Interview seine eigene Unfähigkeit und Unwissenheit betont.

Der notwendige Befreiungskampf kann nur in der Praxis stattfinden. Praxis beinhaltet sowohl Aktion als auch Reflexion: „Reflexion auf die Welt und Aktion an der Welt“ (S. 38). Die Methode, die den Willen zur Befreiung erwecken soll, ist der Dialog und damit verbunden eine humanisierende Pädagogik. Die Beschreibung dieses Bildungskonzeptes gehört vor allem deswegen zu den spannendsten Kapiteln des Buches, da direkte Vergleiche mit der eigenen „Bildungsgeschichte“, und in Folge deren Infragestellung, unumgänglich sind.

Lehrer*innen-Schüler*innen und Schüler*innen-Lehrer*innen.

Freires Kritik gilt dem „Bankiers-Konzept“ der Bildung, in welchem LehrerInnen und SchülerInnen eindeutig abgegrenzte Funktionen übernehmen. Während erstere als ÜbermittlerInnen agieren, sollen sich letztere vor allem auf das Auswendiglernen der übermittelten Inhalte konzentrieren.

„Noch schlimmer aber ist es, dass sie dadurch zu „Containern“ gemacht werden, zu „Behältern“, die vom Lehrer „gefüllt“ werden müssen.“ (S. 57)

Weil sich „Anlage-Objekt“ (Schüler*in) und „Anleger*in“ (Lehrer*in) gegenüber stehen, wird diese Form der Erziehung als „Bankiers-Konzept“ bezeichnet. Schüler*innen verfügen hier über einen begrenzten Handlungsspielraum, der nur so weit geht, „[] die Einlagen entgegenzunehmen, zu ordnen und aufzustapeln“ (S. 57). Dabei wird vollkommen ignoriert, dass Wissen vor allem durch eigene Erfahrung und eigenes Forschen wächst. Die wichtigste Aufgabe der SchülerInnen im „Bankiers-Konzept“, das Stapeln der Einlagen, führt folglich nicht zur Entwicklung eines kritischen Bewusstseins, sondern dient vor allem zur Formung angepasster Menschen.

Dem gegenüber steht das Konzept der „problemformulierenden Bildungsarbeit“, das mit neuen Begriffen arbeitet: „Lehrer*in-Schüler*in“ und „Schüler*in-Lehrer*in“. Es bleibt nicht einzig und allein der Lehrkraft vorbehalten zu lehren, im Dialog lehren auch die Schüler*innen. Nur im Dialog kann die Welt von allen benannt und somit schöpferisch gestaltet werden.

Bildung als Praxis der Freiheit.

Wie das dialogische Prinzip der Bildung umgesetzt werden kann, erläutert Paulo Freire anhand eines Erwachsenenbildungsprogramms, das im Hinblick auf Alphabetisierung von Landarbeiter*innen entstand. Mit dem Ziel den „Code“ (Verhalten, Redensweise, etc.) der untersuchten Gegend zu entziffern, werden zu Beginn Beobachtungen durchgeführt. Einwohner*innen, die vorab über Ziele und Gebrauch des Programms informiert wurden und deren Vertrauen unerlässlich ist, spielen bei anschließenden „Auswertungszusammenkünften“ die Rolle der Assistent*innen. Unterschiedliche „Dekodierung“, also Wahrnehmung und Interpretation bestimmter Situationen, fördert den Dialog und das kritische Denken: „In diesem Augenblick überdenken sie an Hand der Erwägungen der anderen ihre eigene vorhergegangene Erwägung“ (S. 94). Die dadurch aufgedeckten Widersprüche, mit denen Einwohner*innen der Gegend ständig konfrontiert sind, werden kodiert (Skizzen, Fotografien, auch Worte) und dienen folglich als didaktisches Material. Dieser Prozess gestattet das Auffinden sinnvoller Themen, die die Lebenswelt von Landarbeiter*innen widerspiegeln und letztendlich verschiedene Dekodierungsmöglichkeiten zulassen.

„Die Thematik, die von den Leuten kam, kehrt zu ihnen zurück nicht als Inhalte, die eingelagert werden, sondern als Probleme, die es zu lösen gibt. “ (S. 103)

Im Vordergrund steht der Wunsch, Menschen zur Erkenntnis zu verhelfen, dass das Denken in ihren eigenen Händen liegt, sich im Dialog entfaltet und dadurch nach und nach Zusammenhänge ins Bewusstsein rücken.

Die Eigenwahrnehmung als Subjekt mit Veränderungspotential, eine der wichtigsten Aufforderungen der „Pädagogik der Unterdrückten“, leitet Leser*innen automatisch zum Überdenken der eigenen Lebensweise. Haben wir nicht selbst oft das Gefühl, unveränderlichen Strukturen, Autoritätspersonen und deren Wissen ohnmächtig gegenüber zu stehen? Im Dialog voneinander lernen und so die Welt verändern diese menschliche Fähigkeit führt uns die „Pädagogik der Unterdrückten“ deutlich vor Augen und ist deshalb mehr als wertvoll, wenn wir nach Antworten auf die Frage nach der eigenen Handlungsmöglichkeiten suchen.

Die Autorin studiert Politikwissenschaft in Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg 1990 [1970]: Rororo.

 

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen.