Demokratisierung von Wissen und Wissenschaft

Eine Präsentation der Diplomarbeit „Demokratisierung von Wissen und Wissenschaft. Die Anfänge der Volkhochschulbewegung in Wien im institutionellen und geschlechtsspezifischen Vergleich.“ von Sonja Breinhölder.Um die Anfänge der Volkshochschulbewegung im historischen Kontext verstehen zu können, beschreibt die Autorin Wien um das Jahr 1900. Kennzeichnend für diese Zeit ist vor allem der große Bevölkerungsanstieg, der als Folge der Industrialisierung gesehen werden müsse. Tausende ArbeiterInnen seien in die Stadt geströmt, dort jedoch mit extrem schlechten Bedingungen konfrontiert worden.

Die Wohnungssituation und der Gesundheitszustand der ArbeiterInnen sei katastrophal gewesen. Die prekäre Lage der Arbeiterschaft spielt bei der Betrachtung der Volksbildungsbewegung eine bedeutende Rolle.

Institutionen der Volksbildungsbewegung

Die Dezemberverfassung von 1867 habe erstmals die Gründung von Vereinen ermöglicht und sei somit Voraussetzung für die Entstehung des Wiener Volksbildungsvereins im Jahr 1893 gewesen. Anfangs sei das Zurückdrängen von "Schundliteratur" im Vordergrund gestanden. Zu diesem Zweck seien Volksbibliotheken errichtet und populärwissenschaftliche Vorträge initiiert worden. Letztere hätten zu Beginn vor allem auf Themen fokussiert, die mit dem alltäglichen Leben der HörerInnen zu tun hatten. 1890 habe das Lehrangebot bereits sieben Kurse beinhaltet, deren Leitung in vielen Fällen Universitätsprofessoren zugekommen sei. Das Angebot habe unter anderem Gesetzes- und Verfassungskunde, Geschichte und Chemie umfasst. Unter Bürgermeister Lueger habe sich die Situation des Vereins jedoch verschlechtert, da die Förderungsbeträge beträchtlich gekürzt worden seien.

Denken lehren

1895/96 hätten zum ersten Mal Kurse im Rahmen der "Volkstümlichen Universitätsvorträge (VUV)" stattgefunden. Lehrende der Universität Wien forderten, so die Autorin, eine wissenschaftliche Volksbildung. Neutralität, Wissenschaftlichkeit und der Anspruch "Denken zu lehren" seien dabei im Zentrum gestanden. Lehrende mussten sich an festgelegte Regeln halten. Verzicht auf Verwendung wissenschaftlicher Begriffe sei gefordert worden, ebenso freies Sprechen und ein Bewusstsein dafür, dass keine Kenntnisse vorausgesetzt werden dürften.

Humboldt für den Mittelstand

Die Wiener Urania lässt sich nicht so einfach in dieses Gefüge eingliedern. Nach vorhergehenden Gründungen in London und Magdeburg, entstand das dritte Institut in Wien. Die Bewegung habe ihr Konzept hauptsächlich auf Basis der öffentlichen Vorträge ("Kosmos-Vorlesungen") Alexander Humboldts entwickelt. Aufgrund des eher bürgerlichen, konservativen Charakters der Urania habe das Publikum mehrheitlich aus dem gebildeten Mittelstand bestanden. In der Anfangsphase sei großer Wert auf Unterhaltungsprogramm gelegt worden, was später allerdings wieder in den Hintergrund gerückt sei.

Selbstorganisiertes Lernen

Das Besondere an der Entstehung des Vereins Volksheim (1901) sei gewesen, dass die Bemühungen um die Gründung von der HörerInnenschaft der Volkstümlichen Universitätsvorträge selbst ausgegangen sei. Der Volksbildungsverein und die VUVs wurden im Gegensatz dazu vom liberalen Bürgertum ins Leben gerufen. Das Volksheim habe Lernen, Forschen und auch Experimentieren in diversen Fachgruppen ermöglicht. Die Qualität dieser Fachgruppen, in denen die Inhalte der Kurse vertiefend bearbeitet wurden, sei sehr hoch gewesen. Als charakteristisch habe vor allem der Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden und die Förderung der Selbstorganisationsfähigkeit der Gruppe gegolten. Nach Fertigstellung der Bauarbeiten 1905 konnte das neue Haus in Wien Ottakring bezogen werden. Die Ausstattung der Laboratorien, die teilweise sogar die Räumlichkeiten der Universität in den Schatten gestellt habe, faszinierte die TeilnehmerInnen. Während im Programm des Volksheims die Naturwissenschaften an erster Stelle gestanden sei, habe der Volksbildungsverein auf Fremdsprachen fokussiert.

Die Wahl des Ortes habe ein zentrales Kriterium für den Erfolg der Volksbildungsbewegung darstellt. Viele ArbeiterInnen konnten sich die Kosten für öffentliche Verkehrsmittel nicht leisten und seien somit von der Nähe der Veranstaltungsorte abhängig gewesen.
Das Volksheim sei bei der ArbeiterInnenschaft am beliebtesten gewesen. 50 Prozent der TeilnehmerInnen seien aus dieser Bevölkerungsschicht gekommen. Eine Befragung im Rahmen der Volkstümlichen Universitätsvorträge zum Thema HörerInnenmotivation habe ergeben, dass in vielen Fällen Horizonterweiterung als Beweggrund angegeben worden sei. Berufliche Aufstiege und somit Verbesserung der sozialen Lage hätten für die HörerInnen eine unbedeutende Rolle gespielt.

Bildung für alle?

Um die 30 Prozent der BesucherInnen von Volksbildungseinrichtungen seien Frauen gewesen, die mehrheitlich ais dem Bürgertum gekommen seien. Zu dieser Zeit habe es nur wenige gesellschaftlich anerkannte Freizeitaktivitäten gegeben, die Frauen außerhalb des Hauses ausüben durften. Die Teilnahme an Kursen und Vorlesungen, die für beide Geschlechter möglich war, seien hingegen akzeptiert worden. Zwar habe die Thematisierung von Frauenwahlrecht und Emanzipation gefehlt, dennoch spielten Frauen- und Volksbildungsbewegung oft zusammen. Es ist zu beachten, so die Autorin, dass Arbeiterinnen die Kursangebote aufgrund der Doppelbelastung Beruf Haushalt und des Rechtfertigungsdrucks kaum nutzen konnten.

Neben einem historischen Überblick geht Sonja Breinhölder auf die Beweggründe ein, die am Beginn der Volksbildungsbewegung standen. Sie beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit primär mit der Frage, wodurch der Prozess der Demokratisierung von Bildung in Gang gesetzt wurde. Unter Verwendung zahlreicher Quellen schuf sie einen sehr interessanten Überblick, der einen Bogen von der Institutionalisierung der Volksbildung bis hin zur Frage der Rolle der Frauen in der Bewegung spannt.


Sonja Breinhölder: Demokratisierung von Wissen und Wissenschaft. Die Anfänge der Volkhochschulbewegung in Wien im institutionellen und geschlechtsspezifischen Vergleich. Wien, [Diplomarbeit an der Universität Wien] 2003.


Die Autorin studiert Politikwissenschaft an der Universität Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen.