Pablo Solón über ganzheitliche Bildung.

Im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und ungleiche Entwicklung“ sprach der bolivianische Globalisierungskritiker Pablo Solón am 12.11.2018 über systemische Ansätze für eine alternative holistische Bildung.

Krise als systemisch verstehen und ganzheitlich überwinden.

Pablo Solón erkennt bei aktuellen Krisen wie der ökologischen Krise eine soziale, politische und ökonomische Dimension. Es handle sich um eine systemische Krise und erfordere eine ganzheitliche Lösungsstrategie. Eine ganzheitliche oder holistische Sicht erlaubt es, über Symptome hinaus, auch Ursachen zu erfassen. Das Pariser Abkommen 2015, welches den Treibhausgasausstoß begrenzen soll, sieht Solón als einen anti-holistischen Weg, um mit dem Klimawandel umzugehen.

Technische Lösungen für die ökologische Krise greifen zu kurz.

Es werden viele neue Technologien entwickelt, um die Natur zu bewahren. Mexiko hat seine Windenergie ausgebaut, damit weniger CO2 ausgestoßen wird. Weitet man den Blick von einer reinen CO2-Rechnung, tauchen aber andere Probleme auf: Wenn Windenergieanlagen in zu großer Zahl gebaut werden, schädigen sie das lokale Ökosystem. Sie stören heimische Vogelarten bei ihrer Fortpflanzung und Brut. Deswegen versuchten mexikanische Grassroot-Bewegungen, sich eine Alternative zu Windenergie zu überlegen. Diese Initiativen wurden aber verhindert, da große Konzerne eine führende Rolle beanspruchten. Laut Solón würden bei solchen technischen Lösungen der Klimakrise Machtungleichgewichte nicht neu ausgehandelt.

Patriarchat und Anthropozentrismus als ideologische Basis.

Derartige „Alternativen“ bestehen innerhalb eines Systems und stellen es nicht in Frage. Die ökologische Krise wurzelt aber in einer ideologischen Krise: Reduziert man die ökologische Krise nicht nur auf Treibhausgase, sondern denkt soziokulturelle Aspekte mit, lassen sich patriarchale und anthropozentrische Muster erkennen: Die Welt wird aus der Perspektive des Menschen oder vielmehr des Mannes interpretiert. Die Natur als alles nicht-menschliche spielt bei dieser Interpretation eine untergeordnete Rolle. Ähnlich wie bei der Beziehung zwischen Mann und Frau in patriarchalen Gesellschaften, nimmt die „Natur“ die weibliche Rolle ein, die der Unterdrückten und als Eigentum gehandelten. Aus ökofeministischer Sicht ist der Mensch, auch der Mann, Teil der Natur und auch die Natur besitzt Rechte, die es stellvertretend für sie einzuklagen gilt.

Es braucht vielfältige komplementäre Alternativen.

Öko-Feminismus, De-Growth, Deglobalisierung oder Dezentralisierung sind allesamt Alternativen zur systemischen Krise. Technische Lösungen bauen auf einem anthropozentrischen Weltbild auf, verfolgen also menschliches Interesse. Dennoch seien einzelne dieser Konzepte nicht zu verwerfen, sondern zu einer Cosmo-Vision zusammen zu denken. Eine Cosmo-Vision verfolgt die Logik, ein Gleichgewicht herzustellen, das zu einem harmonischen Zusammenleben führt. Dafür seien verschiedene Theorien und Konzepte als komplementäre Alternativen zu betrachten, die sich nicht gegenseitig ausschließen müssen, sondern sich ergänzen könnten.

Bildung um Krisen zu meistern.

Kritische Menschen sind krisenresistenter. Aber welche Bildung braucht es dafür? In vielen Teilen des globalen Südens wird eine gute Bildung mit einer westlichen Bildung gleichgestellt, so Solón, nach dem Prinzip je teurer, desto besser. Viele gut ausgebildeten jungen Menschen wandern dann in den globalen Norden aus, um mehr zu verdienen. Solón kritisiert alle „Alternativen“, die nicht auf einer ganzheitlichen Vision eines Gleichgewichts aufbauen, sondern auf kapitalistischen und monetären Werten. Solange Bildung einen Preis habe und der Marktlogik unterworfen sei, könne auch Bildung keine tatsächliche Alternative sein.

Solóns Fazit: Bildung sollte nicht zum Ziel haben, Humankapital am effizientesten auszuschöpfen, sondern die Idee eines Gleichgewichtes vermitteln, das zu einem besseren Verständnis der Welt befähige.

Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at


Pablo Solón hat ein Buch über „Systemwandel“ und Alternativen zum globalen Kapitalismus herausgegeben, mit Beiträgen von Buen Vivir über Degrowth bis zum Ökofeminismus. Monika Austaller hat mit ihm darüber gesprochen. Zum Artikel


Weiterführende Links:

Fundación Solón

Buch “Systemwandel. Alternativen zum globalen Kapitalismus.”


Fotos: © Daniela Klemencic

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle, Themen.