Von Migration als Lebensrealität und Bildung als Grenze

Erzeugt ein fragmentiertes Schulsystem Parallelgesellschaften? Über individuelle Erfahrungen migrantischer Lebensläufe und strukturelle Grenzen des Bildungssystems diskutierten nach einem Vortrag von Erol Yildiz am 6. November 2012 Podium und Publikum im C3-Centrum für Internationale Entwicklung. Rund 40 Personen nahmen an der Veranstaltung des Paulo Freire Zentrums und der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) teil.

Es geht um mehr als nur Deutschkenntnisse!

Wenn in Österreich von Migration oder Integration gesprochen werde, stünde die Diskussion um mangelnde Deutschkenntnisse im Vordergrund, so Hakan Gürses, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei ÖGPB. Er führte als Moderator durch den Abend und problematisierte gleich zu Beginn die essentialisierende Verwendung von Begriffen wie MigrantIn und Migrationshintergrund. Ariane Sadjed, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin der ÖGPB, sprach von gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen, die durch die unreflektierte Verwendung von diesen Begriffen zementiert werden könnten.

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Hakan Gürses, Ariane Sadjed (ÖGPB); Foto: Gerald Faschingeder

Kritisiert wurde auch Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP), dem es laut Hakan Gürses gelungen sei, das ganze Problem auf die Sprache zu reduzieren. Auch Erol Yildiz kritisierte die defizitorientierte Fokussierung, die sowohl in Österreich als auch in Deutschland mangelnde Deutschkenntnisse zum Hauptthema der Integrationsdebatte mache. Dabei werde einerseits übersehen, dass die große Mehrheit der MigrantInnen ohnehin über ausreichend Deutschkenntnisse verfügt, und andererseits nicht wahrgenommen, welches Potential Mehrsprachigkeit birgt.

Keine Stadt ohne Migration

Der Ausgangspunkt für Erol Yildiz Vortrag war das städtische Wachstum, denn ohne geographische Mobilität sei Stadtentwicklung kaum vorstellbar. Als Beispiel nannte er Wien, dessen Bevölkerung von 240.000 EinwohnerInnen im Jahr 1820 auf 2,05 Millionen im Jahr 1910 anstieg. Eine Entwicklung, die ohne Migration nicht zu erklären sei. Stadtbild und Lebenswirklichkeiten würden sich durch Mobilität verändern.

In diesem Kontext stellte Yildiz die Frage, wie sich Bildung im urbanen Raum gestaltet und in welcher Wechselwirkung Schule und Gesellschaft stehen. Kritisch betrachtete er den Begriff Parallelgesellschaften, der in den letzten Jahren eine Hochkonjunktur erfahren habe. Die Bezeichnung sei eine wissenschaftliche Erfindung, die eine Eigendynamik entwickelt und mittlerweile in fast allen (populär-)wissenschaftlichen Publikationen Einzug gefunden habe. MigrantInnen würden dabei als Abweichung von einer idealisierten kulturell-homogenen Gesellschaft gedacht. In den Schulen würde ihnen automatisch abgesprochen, die passenden Bildungsvoraussetzungen mitzubringen.

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Foto: Gerald Faschingeder

Abstellgleis Sonderschule

Ob Eltern ihre Kinder ins Gymnasium oder auf eine Hauptschule schicken, hat Auswirkungen auf deren beruflichen und persönlichen Werdegang. Die institutionelle Trennung sei nach Yildiz nachteilig für migrantische SchülerInnen, die bereits früh im Bildungsweg ausselektiert und eher in Haupt- oder Sonderschulen abgestellt würden. Er nannte diese Praxis Ausschluss durch Einbeziehung, in der SchülerInnen zwar formell ins schulische Bildungssystem eingebunden, dadurch aber gleichzeitig vieler ökonomischer und gesellschaftlicher Möglichkeiten beraubt würden.

Hinzu kämen Bildungsinhalte, die eine demotivierende Wirkung auf SchülerInnen mit Migrationshintergrund hätten. Anhand von Unterrichtsmaterialien veranschaulichte Yildiz, wie MigrantInnen national- und defizitorientiert dargestellt würden. Dabei gebe es eine auffällige ethnisierende und kulturalistische Komponente, indem nur bestimmten Personengruppen ein Migrationshintergrund zugeschrieben würde. Sprachschwierigkeiten von französischen DiplomatInnenkindern würden anders diskutiert, als jene von Kindern einer türkischen Arbeiterfamilie. 

Entwicklungsforschung in Wien

Erol_Yildiz_012a.JPGMit Schule und Bildung im städtischen Kontext beschäftigte sich auch das Projekt Ungleiche Vielfalt, das Sebastian Howorka, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Paulo Freire Zentrums, an jenem Abend vorstellte. Er betrachtete das Projekt in Wien als Entwicklungsforschung, obwohl dieser Bereich üblicherweise mit Ländern des globalen Südens assoziiert würde. Interessante Fragen im eigenen Land würden hingegen leicht übersehen.

Sebastian Howorka; Foto: G. Faschingeder

Im Projekt Ungleiche Vielfalt wurden Alltagsstrategien im Umgang mit Vielfalt von SchülerInnen einer Kooperativen Mittelschule (KMS) im Vergleich zu SchülerInnen eines Gymnasiums analysiert. Die beiden benachbarten Wiener Schulen hatten bis vor Kurzem, trotz ihrer geographischen Nähe, wenig bis gar keinen Kontakt. Es stellte sich heraus, dass die wahrgenommenen Differenzen und Unterschiede  sowohl bereichern, als auch strukturelle Grenzen hervorbringen können strukturelle Grenzen, die von den betreffenden SchülerInnen aber nicht als solche wahrgenommen würden. Handlungsmöglichkeiten würden auf individuelle Entscheidungen zurückgeführt und strukturelle Ungleichheiten ausgeblendet.

Ein Hauptproblem der österreichischen Schule in ihrer momentanen Form sei nach Sebastian Howorka ihre Ausrichtung auf familiäre und ökonomische Ressourcen. SchülerInnen, die keine Unterstützung von zuhause erhalten zum Beispiel beim Erledigen der Hausübungen oder durch Inanspruchnahme von Nachhilfe , würden im jetzigen Bildungssystem leichter untergehen. Die Aufgabe der Schule sei es, gerade diesen vorhandenen unterschiedlichen Ausgangsbedingungen ausgleichend entgegenzuwirken. Im aktuellen österreichischen Bildungssystem sei dies kaum möglich, weshalb Howorka für eine Gesamtschule mit Ganztagesbetreuung plädierte.

Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten für diversitätsbewusstere Bildungskonzepte wurden in einem Workshop am darauffolgenden Tag vertieft. Hier geht’s zum Bericht.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Entwicklungsforschung, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.