Zwischenmenschliche Beziehungen als transformatives Potenzial für eine nachhaltigere Zukunft.

Wie können wir Freundschaften und Gemeinschaft nachhaltig in einer Welt aufbauen, die Menschen und Beziehungen als Dienstleistungen und Produkte ansieht? Dieser Frage wurde in einem Workshop nachgegangen, der innerhalb der FEM*Powerment Veranstaltungsreihe der FAKtory anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März stattfand. Geleitet wurde er von Nora Krenmayr und Monika Austaller, die das von ihnen mit Luzia Strasser verfasste Kapitel aus dem Buch „Dialogues for Degrowth“ präsentierten: „Just friends: intimate relations in a degrowth future“. Auf Basis dieses Textes ermöglichten sie im Rahmen einer Fishbowl-Diskussion einen Austausch mit den Teilnehmenden.

Das Degrowth-Konzept.

Degrowth ist eine soziale Bewegung und ein theoretisches Konzept, welches den Wachstumsimperativ und die Gewinnmaximierung des neoliberalen Kapitalismus kritisiert. Es wird eine bewusste Reduktion von Produktion und Konsum gefordert, um innerhalb ökologischer Grenzen ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Dabei zielt Degrowth auf eine gesamtgesellschaftliche Transformation ab, um ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und menschliches Wohlbefinden zu verbinden. Die Autorinnen fokussieren sich in ihrem Artikel auf den Bereich menschlicher Beziehungen, denn Degrowth beinhaltet auch ein inklusiveres und rücksichtsvolleres Miteinander.

Liebe und Dating im Zeitalter des emotionalen Kapitalismus.

Liebe und Dating unterliegen heutzutage einer Markt- und Konsumlogik, konstatieren die Autorinnen: Liebe wird konsumiert, symbolisiert durch teure Geschenke und Aktivitäten, und Beziehungen sollen ständig optimiert werden. Dabei müssten keine Verpflichtungen eingegangen werden, denn der Datingmarkt biete ja genug Auswahl. Die Autorinnen beziehen sich hierbei auf die Soziologin Eva Illouz, die dies als „emotionalen Kapitalismus“ beschreibt. Der neoliberale Individualismus wirkt sich somit auch auf zwischenmenschliche Beziehungen aus, die an emotionaler Tiefe und Vertrauen verlieren.

Transformation durch den revolutionären Akt der Liebe.

Mit Bezug auf bell hooks erinnern die Autorinnen daran, das gerade in der heutigen Zeit Liebe umso wichtiger sei. hooks kritisiert manche Strömungen im feministischen Denken, die Liebe missachten würden und sogar als anti-revolutionär abstempelt hätten. Vielmehr verfügt Liebe für sie über ein transformatorisches Potenzial, denn sie ist zutiefst politisch und wichtiger Bestandteil sozialer Bewegungen und Widerstände. Eine gesellschaftliche Transformation verlangt somit auch ein Umdenken von Beziehungen und Liebe. Die Autorinnen geben dabei zu bedenken, dass eine einzige Person nicht all unsere Bedürfnisse erfüllen kann. Hier kommen Freundschaften und Gemeinschaft ins Spiel.

Kollektive Fürsorge als Gegenentwurf zum neoliberalen Individualismus.

Für unser Leben und politisches Engagement ist es wichtig, ein Umfeld zu kreieren, das auf Liebe basiert – nicht nur romantischer Art. Hierfür müssen Gemeinschaften geschaffen werden, innerhalb welcher wir Fürsorge praktizieren können. Diese könne dann als Gegenentwurf zur strukturellen Ungleichheit in menschlichen Gesellschaften, also der systematischen Benachteiligung bestimmter Gruppen wie Frauen oder Migrant*innen, dienen. Jedoch merken die Autorinnen an, dass unbezahlte Sorge-Arbeit in einem kapitalistischen System systemerhaltend wirkt. Durch Gemeinschaft und Freundschaften können die kapitalistischen und patriarchalen Strukturen, die Kernfamilie und Ehe oft charakterisieren, aufgeweicht werden. Daher fordern sie, die Verflechtung von Liebe und Konsum zu hinterfragen und diese durch Solidarität, Verantwortung und das Zulassen von Vulnerabilität zu ersetzen.

Kritische Positionen und ein vorsichtiger Optimismus unter den Teilnehmenden.

Die anschließende Diskussion wurde nach dem Prinzip einer Fishbowl-Diskussion geführt, bei der mehrere Stühle bereitstanden. Ein Stuhl musste dabei immer frei bleiben, damit sich die nächste Person am Gespräch beteiligen kann. Dadurch entstand eine partizipative Diskussion, bei der sich die Moderatorinnen zurückhielten und die Teilnehmer*innen zu Wort kommen ließen.

Dabei trat zu Tage, dass es ein Bedürfnis nach Wandel und kollektiver Gemeinschaft gibt. Zu Beginn erzählten einige der Teilnehmer*innen von ihren Erfahrungen in nicht-monogamen Partnerschaften, und dass diese trotz ihrer Abkehr von traditionellen Paarbeziehungen Machtungleichheiten und kapitalistische Strukturen reproduzieren können. Die Konsumlogik in monogamen Beziehungen beeinflusse auch nicht-monogame Beziehungen. Deshalb sei ein anti-kapitalistisches und dekoloniales Verständnis wichtig, das liberale Ideen von Freiheit und Individualismus und das Patriarchat hinterfragt. Gemeinschaft zu bilden, bedeutet Arbeit und persönlichen Einsatz – von allen Geschlechtern.

Wo sind die Männer?

Eine Person erzählte, dass sie in einem großen Wohngebäude gelebt hat, aber keine ihrer Nachbar*innen persönlich kannte und selbst ein Lächeln dort als merkwürdig aufgenommen wurde. Daraufhin antwortete jemand, dass sie immer diejenige sei, die mit ihren Nachbar*innen spricht – nicht ihr Ehemann. Sorge-Arbeit und unsichtbare emotionale Tätigkeiten werden meist immer noch von Frauen ausgeführt, was sich auch in der geringen Präsenz von Männern im Workshop widerspiegelte. Um jedoch eine Transformation in eine Postwachstumsgesellschaft anzustreben, sei eine gemeinsame und solidarische Beteiligung aller Geschlechter und Gender-Identitäten erforderlich.

Entgegen einer Hierarchisierung von Beziehungen.

Zusätzlich wurde die Hierarchisierung von Beziehungen thematisiert, bei der oft die romantische Partnerschaft an erster Stelle steht. Im Leben begegnen uns aber viele verschiedene Arten von Beziehungen: In der Arbeit, der Familie, mit Freund*innen und Partner*innen. Dabei können wir unterschiedlich lieben und Fürsorge zeigen, ohne dies gegeneinander abzuwägen. Eine Teilnehmerin, die in der Vergangenheit unzufrieden mit ihrer Beziehung war, erzählte, dass sie sich dagegen entschieden habe, diese zu öffnen und stattdessen anfing, sich mehr auf ihre Freundschaften zu fokussieren.

Zeit als mangelnde Ressource.

Dies führte zu der Diskussion um Zeit als Ressource: Wir brauchen mehr Zeit, um uns umeinander zu kümmern und Beziehungen aufzubauen. Dieses wiederkehrende Thema von Zeit als Mangelware wurde von einigen der Teilnehmer*innen aufgegriffen. Freundschaften bräuchten zwar Zeit, aber schenken auch Energie. Man könne gemeinsam auf die Kinder aufpassen oder alltägliche Aufgaben erledigen, wie zum Beispiel putzen oder einkaufen gehen. Zeitmangel löse einen Perfektionsdruck aus, aber Freundschaften und Beziehungen müssten nicht perfekt sein – man solle den Moment gemeinsam genießen, so der Vorschlag einer teilnehmenden Person.

Emotionale Vulnerabilität als Grundbaustein von Gemeinschaft.

Neben Freude sollten aber auch Schmerz und Probleme nicht von einzelnen Individuen allein getragen werden. Es müsse mehr offene Kommunikation geben, vor allem wenn es um „schwierige“ Gefühle geht. Das soziale Gefüge einer Gemeinschaft würde durch diese Reibung verstärkt werden. Jede Person braucht Gemeinschaft, aber es können und müssen nicht alle Wünsche und Bedürfnisse immer erfüllt werden. Freundschaft bedeute, dass man die andere Person genug wertschätzt, um sie an den eigenen Problemen teilhaben zu lassen, weshalb mehr Vulnerabilität und Offenheit gefordert wurde.

Eine neue Wirklichkeit.

Es sei gar nicht möglich, als eine individuelle Person alles im Leben allein zu erledigen, weshalb wir innerhalb einer Gemeinschaft auf unterschiedliche Weise Verantwortung übernehmen können. Dafür bräuchte es mehr alternative Rollenbilder, deren Mangel beklagt wurde, denn selbst die progressivsten und feministischsten Freund*innen würden in romantischen Beziehungen wieder in traditionelle Muster verfallen. Im Zuge dessen wurden alternative Möglichkeiten vorgeschlagen, wie eine Co-Elternschaft oder gemeinschaftliches Wohnen. Familien sollten stärker in die Gemeinschaft einbezogen werden, um nicht innerhalb der nuklearen Familienstruktur zu verbleiben. Gemeinschaftliches Wohnen könnte uns eine neue Wirklichkeit präsentieren, die jedoch durch materielle Bedingungen erst möglich gemacht werden muss.

Als erster Schritt ist es zu wagen, gemeinsame Vorstellungen von einer neuen Welt zu entwickeln, wie es dieser Workshop gezeigt hat.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.  Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Susanne Wagner

 

Weiterführende Links:

zum Buch „Dialogues for Degrowth
zur Rezension von „Lieben lernen. Alles über Verbundenheit“ von bell hooks auf unserer Website

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle, Genderungerechtigkeit.