„Ich fühle mich wertgeschätzt und verwirrt.“ Die Fähigkeit des Fragenstellens in der revolutionären Bildung.

“Lasst uns damit beginnen, Fragen zu stellen”, lud der Bildungsphilosoph Walter Omar Kohan seine Hörer*innen ein. Entgegen der Annahme, dass Fragen dafür da sind, um am Ende eines Vortrags den Unwissenden zu erklären, was sie noch nicht verstanden haben, stellte Kohan die inhaltlichen Fragen der Teilnehmenden an den Anfang. Dadurch brach er unmittelbar den Rahmen dessen auf, was das mit den Formaten akademischen Wissensaustauschs vertraute Publikum wohl von einer Vorlesung erwartet hätte. Die Veranstaltung Paulo Freire, Childhood and a Revolutionary Education wurde am 15. November vom Paulo Freire Zentrum in Kooperation mit dem Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien im Rahmen der Freireanischen Woche veranstaltet.

Stellen wir Fragen um Antworten, oder um neue Fragen zu erhalten?

Wenn wir eine Antwort erhalten, wird das Thema einer Frage als abgeschlossen und als vollendet betrachtet, so Kohan. Wie könnte ein Lernprozess aussehen, der den Schwerpunkt auf Fragen anstelle von Antworten legt? Um diesen anderen Blickwinkel erfahrbar zu machen, führte Kohan gemeinsam mit den Teilnehmenden eine Übung durch, bei der zu Beginn jede Person eine Frage zum Titel der Veranstaltung notierte. Nicht nur die Gesprächskultur des Vortrags, sondern auch die damit verbundene Sitzordnung wurde auf diese Weise aufgebrochen. Denn die Tische waren in einem Kreis aufgestellt, wodurch eine frontale Gegenüberstellung von Unwissenden und Wissenden vermieden werden sollte. Der Form der Wissensvermittlung wird in diesem Zusammenhang genauso viel Bedeutung beigemessen wie dem Inhalt. Mit dieser Perspektive schließt Kohan an Freire an, der davon ausging, dass eine kritische Bewusstseinsbildung maßgeblich davon abhängig ist, einen wertschätzenden Dialog auf Augenhöhe zu ermöglichen. Erst durch diese dialogischen Strukturen werde es möglich, sich kritisch mit Inhalten auseinanderzusetzen. Die Zettel mit den Fragen wurden anschließend in der Runde weitergegeben und jede*r sollte nun zu der Frage einer anderen Person zwei neue Fragen hinzufügen. Zuletzt erhielten alle ihre ursprünglichen Fragen zurück und formulierten eine weitere Frage, die die erste Frage mit den ergänzten Fragen verbinden sollte. Dieser Austausch war die Basis für die anschließende Diskussion.

Kohan beschrieb anhand dieser Methode die Bedeutung von kollektivem Hinterfragen. Wenn Menschen gemeinsam Fragen stellen, haben sie die Möglichkeit, die Reaktionen anderer zu erfahren und erkennen dadurch Aspekte, die zuvor außerhalb ihrer eigenen Vorstellung lagen. Diese Vorgehensweise setzt voraus, dass alle Personen offen dafür sind, Fragen zu stellen und anderen Fragen zuzuhören, jedoch nicht, dass alle Fragenden dasselbe Verständnis für die verwendeten Begriffe teilen. So teilten auch die Teilnehmenden der Veranstaltung nicht zwangsläufig dasselbe Verständnis von „Kindheit“, oder „Revolution“, waren dadurch aber nicht daran gehindert, sich zum Thema auszutauschen. Gerade durch das stellen von Fragen wurde die Möglichkeit geschaffen, auch Unsicherheiten zu Themen oder Begriffen zuzulassen und zu behandeln. Kohan fasste diesen Zugang schließlich als childlike and philosophical pedagogy of the question, also eine kindliche und philosophische Pädagogik der Frage zusammen. Das „kindliche“ beziehe sich hierbei nicht auf ein Alter, sondern auf eine zugrundeliegende Haltung der Neugierde und Offenheit, die nicht durch die zeitliche Begrenztheit einer Lebensphase eingeschränkt wird.

Auch der Freire-Forscher und Aktivist Azril Bacal, der an der Veranstaltung teilnahm, wies auf die Bedeutung des Hinterfragens hin. Bestehende Herrschaftsverhältnisse und Ungleichheiten würden darauf aufbauen, dass Menschen sie als normal akzeptieren und nicht eigenständig über die Strukturen, in denen sie leben, reflektieren. „Sie wollen nicht, dass die Menschen denken, sie wollen, dass sie wiederholen“, sagte Bacal über Unterdrückungsmechanismen. Kohan ermutigte die Teilnehmenden dazu, auf ihre Fähigkeit, Fragen zu stellen, zu vertrauen, sie zu erproben und zu üben.

Können wir uns eine revolutionäre Bildung vorstellen?

Auch wenn sich die Teilnehmenden nicht auf eine einheitliche Bedeutung aller verwendeten Begriffe einigten, bestand innerhalb der Gruppe der Konsens, dass es Veränderung in der Bildung und in der Art und Weise, wie sie vermittelt wird, braucht. Auf dieser Basis entstanden durch die Diskussion über die Fragen verschiedene Ansätze, die für eine revolutionäre Bildung von Bedeutung sind.

In vielen Fällen stelle die Schule keinen sicheren Raum dar, innerhalb dessen sich Schüler*innen dazu ermutigt fühlen, ihre Gedanken zu teilen. Kohan erinnerte daran, dass das Stellen von Fragen ein überaus persönlicher Prozess ist, der einen solchen Raum benötigt. Unsere Fragen seien ein Teil unserer Identität. „Was mit meiner Frage gemacht wird, wird auch mit mir gemacht“, sagte Kohan. So wie wir eine Frage behandeln, so behandeln wir also auch den Menschen, der sie gestellt hat. Lernräume müssten dementsprechend so gestaltet sein, dass jede Person sich dort als fragend zu erkennen geben und sich darauf verlassen kann, dass ihre Frage respektvoll behandelt wird. Es müsse in Ordnung sein, auch Dinge zu sagen, die als „dumme Fragen“ eingestuft werden könnten. Während der Veranstaltung gab es auch Zeit dafür, die Frage einer teilnehmenden Person genauer zu behandeln, wobei sie zahlreiche neue Fragen erhielt, die sich auf ihre ursprüngliche Frage bezogen. Anschließend wurde sie gefragt, wie es ihr mit diesem Prozess gegangen ist. „Ich fühle mich wertgeschätzt und verwirrt“. Diese Aussage zeigte für die Anwesenden auf, wie wichtig es in Schulen und anderen Lernräumen ist, Fragen zuzulassen und sie als etwas Wertvolles anzunehmen und zu behandeln, anstatt durch eine Antwort die Neugierde zu zerstören.

„Was bedeutet es ‚zu wissen‘?“

„Was ist es, das wir gelernt haben? Was bedeutet es ‚zu wissen‘?“, antwortete Kohan mit Fragen, als sich die Teilnehmenden gegen Ende der Veranstaltung fragten, was sie in den letzten zwei Stunden erarbeitet haben. Haben sie Wissen produziert? Haben sie etwas gelernt? Oder haben sie nur nachgedacht? Kohan beschreibt die Trennung zwischen Wissen und Denken als einen komplexen Sachverhalt. Es gebe kein Denken ohne Wissen und kein Wissen ohne Denken. Wir würden auch Neues über Themen erfahren, ohne nach Antworten zu suchen, indem wir sie lediglich hinterfragen.

Veranschaulicht wurde dieser Prozess durch den Wandel der von den Teilnehmenden gestellten Fragen. Alleine durch den Austausch von Fragen, die sich aufeinander bezogen, veränderten sich die ursprünglichen Fragen in ihrer Formulierung. Sie erweiterten sich um neue Blickwinkel und Aspekte, verabschiedeten sich von Vorannahmen und Vorurteilen oder wurden klarer in ihrer Intention und Bedeutung. Kohan bezeichnete dies als eine Art von „Bewegung“, die eine wertvolle kollektive und wechselseitige Lernerfahrung darstellt, bei der sich die eigene Perspektive erweitert. Auch ohne Antworten auf ihre Fragen zu erhalten, veränderten sich die Gedanken, Annahmen und als solches auch das Wissen der Anwesenden.

Am Ende der Veranstaltung stand nicht die Antwort auf die Frage, was revolutionäre Bildung ist oder was eine kindliche philosophische Pädagogik der Frage dafür tun kann. Stattdessen begann am Ende das Nachdenken über neue Fragen. Nicht zuletzt auch darüber, ob die Teilnehmenden im Rahmen der Veranstaltung revolutionäre Bildung bereits ein Stück weit gemeinsam erfahren und erprobt haben.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Das Bild zeigt eine Wandmalerei auf der Escola Municipal Rivadávia Corrêa in Rio de Janeiro https://www.facebook.com/emrivacorrea/ .

 

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.