Hegemonie bilden – Mit Antonio Gramsci über aktuelle Bildungsdebatten nachdenken.

„Jedes Verhältnis von Hegemonie ist notwendigerweise ein pädagogisches Verhältnis“, so der italienische Schriftsteller, Politiker und Philosoph Antonio Gramsci. Am 9. November 2023 diskutierten Maria do Mar Castro Varela, Natascha Khakpour und Jan Niggemann anhand der von ihnen herausgegebenen Veröffentlichung Hegemonie bilden – Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci (2023), was Gramscis Schriften für aktuelle Herausforderungen in Bildung und Pädagogik bedeuten. Ziel des Sammelbandes sei nicht, eine einzige richtige Deutung von Gramscis Texten zu vertreten, sondern den Versuch zu wagen, sich seine Ideen für die heutige Zeit anzueignen. Hierbei kommen sowohl Autor*innen aus dem Globalen Norden als auch Globalen Süden in der Publikation zu Wort. Alle Beiträge sind auf Deutsch übersetzt, unter anderem um eine breite Rezeption im deutschsprachigen Raum zu erleichtern. Die Inputs der Herausgeber*innen bei der Buchvorstellung gaben Anstoß zur Reflexion und eröffneten Raum für Aspekte und Fragen, die über den Veranstaltungsrahmen hinausgehen.

Was ist Hegemonie?

Gramsci zufolge wird ein Herrschaftsverhältnis auf zwei Ebenen aufrechterhalten: Durch Zwang und Konsens. Als Hegemonie beschreibt Gramsci den Konsens, der auf zivilgesellschaftlicher Ebene abgesichert wird. Während Zwang und Gewalt vorrangig über institutionalisierte Organisationen, wie etwa Einrichtungen der Exekutive ausgeübt werden, kommt Konsens innerhalb der Zivilgesellschaft, etwa durch das Wirken von Vereinen, Kirchen und Schulen zustande. Gleichzeitig würden sich Zwang und Konsens aber auch gegenseitig bedingen und jeweils durch den Einsatz des anderen gefestigt und gerechtfertigt werden.

Innerhalb eines Herrschaftssystems entspricht bei Gramsci Hegemonie den Meinungen und der Ideologie der herrschenden Gruppe und wird durch den sogenannten „Alltagsverstand“ gefestigt. Dieser Alltagsverstand transportiert bestimmte Annahmen, Glaubens- und Handlungsweisen, die der erwünschten Weltanschauung entsprechen und durch die die herrschende Hegemonie reproduziert wird. Die Hegemonie leistet also einen zentralen Beitrag zur Aufrechterhaltung von Macht und den damit verbundenen Ungleichheiten. Für Gramsci ist  Hegemonie dementsprechend auch umkämpft. Unterschiedliche Interessensgruppen ringen um ihre Definition, wodurch deutlich wird, dass Hegemonie fortwährend geschaffen wird und nicht naturgegeben ist.

Auch wenn Gramscis Denken eine große Bedeutung für den aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurs hat, bleiben seine Ansätze etwa im Bereich der Bildung oft marginalisiert. Dabei nimmt Bildung eine zentrale Rolle in seinem Werk ein: Sie ist ein Teil von Hegemonie, indem sie etwa soziale Selektion sicherstellt. Gleichzeitig können durch Bildung aber auch Herrschaftsverhältnisse verschoben werden.

Die Publikation, die am 9. November vorgestellt wurde, bezieht sich vor allem auf die von Gramsci geschriebenen Gefängnishefte. Dabei handelt es sich um Texte, die er während seiner Gefangenschaft in Bari verfasste, nachdem er 1926 als politischer Gegner des faschistischen Regimes Mussolinis inhaftiert wurde. Der Fokus des Buches liegt auf dem Bildungsbereich, wo es unter anderem Ungleichheiten beim Bildungszugang durch eine hegemonietheoretische Linse untersucht.

Bildung und Hegemonie.

Bildung umfasst mehr als nur den schulischen Kontext. Die Herausgeber*innen verwenden einen breiten Bildungsbegriff, der Bildung als ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis definiert. Trotzdem lasse sich Gramscis Blick auf Bildung anhand der Schule beispielhaft darstellen. Die Referent*innen beschrieben jene Teile der Gefängnishefte, die sich mit der Schule auseinandersetzen, als kontinuierlich und nachvollziehbar im Vergleich zu anderen Texten, die Gramsci unter den menschenunwürdigen Bedingungen der politischen Gefangenschaft verfasste.

Eine zentrale bildungspolitische Forderung Gramscis ist es, alle Menschen zu Regierungstätigkeiten zu befähigen. Auch wenn ihm selbstverständlich bewusst war, dass nicht alle Personen gleichzeitig regieren können, sollten alle Menschen dazu erzogen werden, sich politisch einbringen zu wollen und die Fähigkeiten zu erlernen, die sie dazu benötigen. Im Falle der Schule befürwortete Gramsci in diesem Zusammenhang das Modell der Einheitsschule. Dieses Bildungssystem sollte nicht bereits früh zwischen Kopf- und Handarbeit unterscheiden und die entsprechenden spezialisierten Ausbildungen einleiten, sondern die Menschen möglichst lange möglichst umfassend bilden. Das Modell ist in zwei Ebenen gegliedert, wobei sich alle Lernenden in der ersten Ebene gewisse Arbeitstechniken aneignen sollten. Dabei handele es sich um eine Form der geistigen und körperlichen Disziplin, die Menschen dazu befähigen soll, sich auch für einen längeren Zeitraum stillsitzend und fokussiert mit einem Sachverhalt auseinanderzusetzen. Dadurch kann sichergestellt werden, dass auch Personen, die diese Fähigkeit etwa nicht durch ihr familiäres Umfeld vermittelt bekommen, dazu in der Lage sind, später an einer Universität zu studieren. Diese Möglichkeit , sich auf Basis einer einheitlichen und umfassenden Bildung zwischen verschiedenen Formen der weiterführenden Ausbildungen zu entscheiden, stellt schließlich die zweite Ebene der Einheitsschule dar, bei der eigene Schwerpunkte gesetzt werden sollen.

Die Herausgeber*innen betteten diese Überlegungen Gramscis auch historisch ein. Bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde etwa in Deutschland von den Alliierten eine Veränderung des bestehenden Schulsystems eingefordert, weil ein stark zergliedertes Bildungssystem durch die frühe Trennung von Hand- und Kopfarbeit Ungleichheiten und Faschismus fördere. Trotz dieser Kritik blieb weitgehend ein System bestehen, das früh zwischen Kopf- und Handarbeit unterscheidet.

Einheit trifft auf Unterschiede.

Im Anschluss an die Buchvorstellung gab es Raum für weitere Diskussionen und Austausch zum Thema Hegemonie, Bildungssystem und Bildungszugang. Ein spannender Aspekt, der zu weiterem Nachdenken anregte, war, dass der Begriff „Disziplin“ oft von politisch linker und intellektueller Seite als negativ gewertet wird. Aus diesem Grund wird oft gegen jegliche Form der Disziplinierung argumentiert. Diese Kritik komme allerdings besonders von Personen, die eine Disziplinierung wie von Gramsci beschrieben erfahren und dadurch etwa gelernt haben, lange stillzusitzen und sich mit einem Lerninhalt zu beschäftigen. Unter anderem durch diese Fähigkeiten waren sie in der Folge dazu im Stande, universitäre Lernprozesse erfolgreich zu absolvieren. Es fehle oft das Verständnis dafür, dass eben diese Fähigkeiten weitere Bildung erst ermöglichen. Wenn Personen das Erlernen dieser Methoden verwehrt wird, werden sie dadurch von Bildung ferngehalten.

Aus heutiger Sicht wirft dieses Thema für die Autorin des Artikels, die sich auch mit Fragen der Inklusion beschäftigt hat, die Frage nach Chancengerechtigkeit auf. Auch wenn alle Menschen dieselben Lernstrategien und -methoden erlernen, sind diese nicht für alle Menschen gleichermaßen geeignet. Es unterscheiden sich nicht nur die familiäre Unterstützung, sondern auch kognitive Verarbeitungsprozesse. Die Erfahrungen neurodivergenter Personen, wie etwa Menschen mit Legasthenie oder ADHS, werden gesellschaftlich oft problematisiert und denormalisiert. In diesem Zusammenhang eröffnet sich die Möglichkeit, mit Hilfe von Gramsci darüber nachzudenken, welche Art hegemonieller Verhältnisse derzeit in Formaten von Wissen, Lernen, Bildung oder Regieren besteht. Welches Verständnis von Wissenschaft haben wir? Was bewerten wir als ernstzunehmende Formate der Wissensproduktion und –vermittlung? Sind stillsitzendes Lesen und Schreiben die einzigen legitimen Formen der Wissensaneignung? Um wirklich alle Personen einheitlich dazu ermächtigen zu können, Regierende zu sein, braucht es auch Sensibilität und Toleranz für Unterschiede.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Die Publikation ist über die Website der Beltz-Verlagsgruppe kostenfrei als E-Book zugänglich!

Das Titelbild zeigt eine Wandmalerei in der Via Gramsci in der sardischen Stadt Orgosolo.
© Carlo Pelagalli, Wikimedia Commons.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Gutes Leben für Alle.