Transformatorische Bildungsarbeit benötigt kritische Analysen. Sozial-ökologische Transformation erfordert Handlungen. Wie kann beides zusammenfinden? Welche Bildungspraxis brauchen wir, um sozial-ökologische Transformation zu erlernen und zu lehren – wurde im Workshop 7 am 18. Nov. 2017 erörtert.
Zu diesem Thema fand im Rahmen der 7. Österreichischen Entwicklungstagung 2017 am 18. Nov. 2017 ein Workshop statt, der von Astrid Schmid (Afro-Asiatisches Institut Salzburg), Franz Gmainer-Pranzl (Universität Salzburg) und Nancy Andrianne (Universität Salzburg) angeleitet wurde.
Bevor der Workshop zu Lernen und Lehren von sozial-ökologischer Transformation losgehen konnte, musste natürlich zunächst einmal die hierarchische Frontalbestuhlung in einen Sitzkreis ‚transformiert‘ werden. Es folgte eine Vorstellungsrunde der TeilnehmerInnen: Anwesend waren nicht nur bildungspolitische Nichtregierungsorganisationen und Lehrpersonal von Schulen und Universitäten, sondern auch interessierte Studierende.
„In Umbruchsituationen kühlen Kopf bewahren“.
Dann begann die Diskussion darüber, wie die sozial-ökologische Transformation mit der Gesellschaft in die Gesellschaft getragen werden kann. Dies könne keineswegs von oben herab passieren, hielt Franz Gmainer-Pranzl gleich zu Beginn fest. Und dabei müsse berücksichtigt werden, wie komplexe politische Lagen wahrgenommen werden. Es kommt darauf an, „in Umbruchsituationen kühlen Kopf [zu] bewahren“, so Gmainer-Pranzl. Hier brauche es intersektionale Analysen. Also solche, die die Überlagerung von verschiedenen Formen von Diskriminierung verstehen helfen. Erst dadurch könnten die tatsächlichen Machtverhältnisse aufgedeckt werden. Und nur so könne zum Beispiel vermieden werden, dass die Emotion Angst im Verlauf des politischen Diskurses zu einer Stärkung von Nationalismus führt.
Konkrete Fallbeispiele dekonstruieren.
Wie so etwas passieren kann, führte daraufhin Nancy Andrianne aus. Sie plädierte für eine stärkere Verwendung von Fallanalysen in der Bildungspraxis. An einem konkreten Fall würde die volle ge-sellschaftliche Breite und politische Relevanz von Themen sichtbar. So könne über rein formelles Wissen hinausgegangen werden. Beispielhaft führte sie den Fall der Kölner Silvesternacht 2015/16 an. In der gesellschaftlichen Diskussion darüber habe sehr schnell eine rassistische Reduktion auf ‚muslimische Männlichkeit‘ als Ursache stattgefunden. Diese schnelle Reduktion greife viel zu kurz: Nicht diskutiert wurde zum Beispiel die eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe „solcher Männer“, so Andrianne. Ohne die Probleme dadurch zu relativieren, solle bedacht werden, dass gleichzeitig über eine Verschärfung der Asylgesetzgebung diskutiert wurde. So habe dieser vereinfachte, rassistische Diskurs also dazu beigetragen, eine Brutalisierung von Asylregimen zu legitimieren. Stattdessen hätte es eine viel breitere gesellschaftliche Diskussion benötigt, die auch Machtverhältnisse und Ressourcenverteilung einschließt.
Perspektiven eröffnen.
Astrid Schmid stellte in der Folge globales Lernen als Antwort auf die Problematik der Globalisierung vor. Hier komme es vor allem darauf an, den Zusammenhang von Lokalem und Globalem zu vermitteln. Außerdem müssten Perspektiven eröffnet und gezeigt werden, wie von Wissen zu Handeln übergegangen werden könne. Die Herausforderung bestehe vor allem darin, trotz komplexer Ambiguitäten handlungsfähig zu bleiben. Dazu müssten Diskurse erkenntnisoffen geführt werden. Zentral sei dafür, Vielfalt akzeptieren zu lernen, indem die eigene kulturelle und gesellschaftliche Prägung reflektiert wird. Und dann, so Schmid, müsse auch wieder vom Handeln gelernt werden. Gerade auch im Alltag. Beispielsweise indem die hier vorgefundenen Machtverhältnisse reflektiert würden. Es komme also nicht nur darauf an ‚neutrales‘ Wissen zu diskutieren, sondern immer auch die Handlungsoptionen selbst.
An diesem Punkt schalteten sich dann unmittelbar die anderen TeilnehmerInnen ein: Darf transformatorische Bildungspraxis Handlungsoptionen bereits vorgeben? Neutralität könne dazu führen, dass konkrete, bereits vorhandene sozial-ökologische Perspektiven auf eine Ebene gestellt werden mit business-as-usual. Dagegen wurde gehalten, dass Lösungen oft nur scheinbar klar seien: Hilft etwa der Boykott von ausbeuterisch produzierter Kleidung? Hier müsse zunächst Kontakt mit den ArbeiterInnen aufgenommen werden, die das gegebenenfalls ganz anders sehen könnten. Franz Gmainer-Pranzl warnte, dass man nicht bei einem reinen Pluralismus, also dem bloßen Nebeneinander verschiedener Meinungen, stehen bleiben könne. Es komme schließlich darauf an, zu konkreten Veränderungen beizutragen.
Bildung und Gesellschaft.
Nancy Andrianne stellte hier die Frage danach, was Bildung eigentlich bedeuten soll in der Gesellschaft: Soll sie nur, wie derzeit, Menschen für den Markt zertifizieren? Oder soll sie zu Emanzipation, Autonomie und Persönlichkeitsentwicklung beitragen? Andrianne plädierte so für einen humanistischen Bildungsbegriff: Bildung als Emanzipation von Herrschaft. Hier warfen TeilnehmerInnen ein, dass dies im gegebenen Bildungssystem unmöglich umsetzbar sei. Zwar könnten vereinzelte Lehrkräfte kleine Akzente setzen, seien aber immer mit engen Grenzen konfrontiert.
Es wurde auch eingewendet, dass Bildung vielleicht nur aus einer privilegierten Klassenposition als Lösungsstrategie erscheint. Die sozio-ökonomische Position der meisten Lehrenden werde über den angeblichen Bildungsgrad legitimiert und (gegen andere) durchgesetzt. So sei es dann auch kein Wunder, wenn etwa die FPÖ eine Identität jenseits dieses Diskurses ‚erfolgreich‘ anbiete.
Abschließend wurde also dazu aufgerufen, die eigene Prägungsmacht in Bildungsprozessen kritisch und offen zu reflektieren und sozial-ökologische Transformation mit demütiger Radikalität gemeinsam zu lernen und zu lehren.
Der Autor studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at
– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm
Fotos: Fabian Franta © Paulo Freire Zentrum