Die Diskussion um eine nachhaltige Energie- und Verkehrswende ist in Hinblick auf globale Ressourcenknappheit und die drängende Klimakrise hoch aktuell. Aber wie soll diese Wende aussehen? Und welche Auswirkungen hat das auf rohstoffreiche Länder wie Bolivien? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Diskussionsveranstaltung “Grüner“ Extraktivismus für die Energie- und Verkehrswende? in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik in Wien. Unter der Moderation von Iris Frey (Attac Österreich) diskutierten Pablo Villegas vom Centro de Documentación e Información Bolivia (CEDIB), Karin Küblböck von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und Laila Kriechbaum von Fridays for Future Vienna zusammen mit den Teilnehmenden der Veranstaltung.
Extraktivismus und die Rohstoffpolitik der EU.
Extraktivismus beschreibt eine Strategie der Rohstoffausbeutung, die das Produktions- und Konsumationsniveau im Globalen Norden absichert. Der Rohstoffabbau in den Ländern des Globalen Südens erfolgt hierbei fast ausschließlich zum Export auf dem Weltmarkt, wodurch sich die Verarbeitungsprozesse und damit der größte Teil der Wertschöpfung auf den Globalen Norden konzentrieren. Die schwerwiegenden sozialen und ökologischen Folgen werden von den Bevölkerungen rohstoffreicher Länder getragen, wo nur die Eliten vom Rohstoffexport profitieren.
In den letzten Jahren ist der Bedarf an bestimmten Rohstoffen stark angestiegen. Das liegt vor allem daran, dass der Globale Norden bei der Frage nach einem nachhaltigen Mobilitätskonzept den Fokus auf die Produktion von E-Fahrzeugen legt. Die Batterien für solche Fahrzeuge bestehen aus vielen unterschiedlichen Rohstoffen, wie beispielsweise Lithium und Nickel, die der Globale Norden hauptsächlich aus Ländern des Globalen Südens bezieht.
Rohstoffexpertin Karin Küblböck sprach über die Geschichte der europäischen Rohstoffpolitik: Im Globalen Norden glaubte man lange Zeit, über uneingeschränkten Zugriff auf Rohstoffe in anderen Weltregionen zu verfügen. Erst als die beteiligten Akteur*innen bemerkten, dass die Rohstoffvorkommen begrenzt sind und auch andere Länder, wie beispielsweise China, vermehrt Rohstoffe importieren, wurden spezifische Rohstoffstrategien entwickelt. 2011 erstellte die EU eine Liste kritischer Rohstoffe, die abbilden soll, bei welchen Rohstoffen der Zugriff für Europa unsicher sei. Der Critical Raw Materials Act von März 2023, der im Rahmen des Grünen Industrieplans erarbeitet wurde, ist der erste gesetzgeberische Beschluss der EU im Bereich der Rohstoffpolitik. Dieser Rechtsakt will einerseits dem globalen Wettlauf um begrenzte Rohstoffe durch eine offensive Handlungspolitik begegnen, um den Zugriff der EU auf Rohstoffe im Globalen Süden zu sichern. Andererseits sollen beispielsweise Batterien vermehrt in Europa produziert werden, um in diesem Bereich unabhängiger von Importen, insbesondere aus China, zu werden.
Die Klimaaktivistin Laila Kriechbaum erzählt von einem Dilemma, das sich auch innerhalb von Klimabewegungen abbildet. „Wir müssen reflektieren, auf wessen Rücken eine Energiewende vorangetrieben wird“, forderte die Aktivistin. Ein „grüner“ Extraktivismus, der die Rohstoffe des Globalen Südens für ökologisch nachhaltige Formen der Energieversorgung und Mobilität nutzt, sei keine Lösung, weil er globale Netzwerke der Ausbeutung und Ungleichheiten festschreibt. Viele der benötigten Rohstoffe würden zudem auch in europäischen Ländern vorkommen, was erneut die Frage nach der Durchführbarkeit einer innereuropäischen Produktion aufwirft. Die EU muss globale Verantwortung für ihre Umsetzung einer nachhaltigen Energie- und Verkehrswende übernehmen.
Globale Zusammenhänge – Bolivien.
„Die Rohstoffwende braucht eine globale Gerechtigkeitsperspektive“, sagte der bolivianische Rohstoffexperte Pablo Villegas und schilderte die Folgen des derzeitigen „grünen“ Extraktivismus. Von Bolivien möchte der Globale Norden vor allem Lithium beziehen, das zum Beispiel für die Batterien von E-Fahrzeugen verwendet wird. Gleichzeitig sei es auch in Bolivien schwer und selten eine gute Lithiumquelle zu finden.
Die Umwelt in Bolivien und in weiterer Folge das globale Klima leidet unter dem Abbau und der Aufbereitung von Lithium, das besonders in heißen Regionen vorkommt. Abgesehen von der Verunreinigung von Wasserquellen, würden die Wasservorkommen und der Trinkwasserbestand in Bolivien generell zurückgehen, weil Unmengen an Wasser für die Aufbereitung von Lithium verwendet werden. Gleichzeitig wird auch die Gesundheit der Bevölkerung durch den Abbau und die Aufbereitung von Lithium bedroht. Im Zuge der Lithiumgewinnung gelange zum Beispiel Quecksilber in den Boden und das Wasser. Insbesondere junge Menschen seien von Quecksilbervergiftungen betroffen, die genetische Veränderungen und schwerwiegende Auswirkungen auf das Nervensystem zur Folge haben.
Dem Globalen Norden ginge es um die Kontrolle der Rohstoffquellen im Globalen Süden, so Villegas. Hierbei stehen ökonomische Interessen im Vordergrund, da Energie als eine wirtschaftliche Ware mit einem Preis versehen und zur Gewinnmaximierung genutzt wird. Aus diesem Grund entsteht ein Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandsprodukt eines Landes und dessen Energieverbrauch. Je höher das Bruttoinlandsprodukt eines Landes ist, umso mehr Energie verbraucht es. Desto erfolgreicher die Wirtschaft im Globalen Norden ist, umso mehr Rohstoffe werden also gebraucht. In diesem Zusammenhang stellt Pablo Villegas eine wichtige Frage an die Teilnehmenden der Diskussionsveranstaltung: „Wollen wir die Autoindustrie retten, oder den Planeten?“
Was braucht es für eine global gerechte Energie- und Verkehrswende?
Das Problem liegt vor allem dabei, auf welcher Grundlage die EU ihre Strategie für eine nachhaltige Energie- und Verkehrswende erstellt. Im Moment wird weiterhin forciert, dass jede Person im Globalen Norden ein Privatauto nutzt, was den Rohstoffverbrauch erhöht und wiederrum ausbeuterische Strukturen reproduziert. Dieser Fokus auf den Individualverkehr dient wirtschaftlichen Interessen anstelle von ökologischer und sozialer Verantwortung. Um ökologische und soziale Standards umzusetzen, wären außerdem verpflichtende Lieferkettengesetzte ein wichtiger Schritt, doch diese basieren bis jetzt lediglich auf Freiwilligkeit, so Pablo Villegas. Außerdem würden Länder des Globalen Südens nicht in Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden und der Globale Norden nutze die mangelhaften Umweltstandards und niedrigen Löhne in diesen Regionen aus, um den eigenen Energiebedarf möglichst billig zu decken. „Es fehlt der kritische Standpunkt“, mahnte Pablo Villegas mehr Engagement von Seiten der EU ein. Doch auch in Bolivien würden viele Menschen nur bedingt über Wissen zur globalen Rohstoffindustrie verfügen. Dadurch wird auch verunmöglicht, dass Personen im Globalen Süden sich kritisch mit diesen Strukturen auseinandersetzen können, was dazu führt, dass der Globale Norden alleine entscheidet, wie diese Strukturen gestaltet werden. Dadurch werde ein Wirtschaftssystem aufrechterhalten, bei dem die Produktion an erster Stelle steht und soziale und ökologische Strukturen in Ländern des Globalen Südens zerstört werden.
Pablo Villegas beschreibt, dass zivilgesellschaftlicher Einsatz für soziale und globale Gerechtigkeit eine lange Tradition hat und weiter gefördert werden muss. Die Interessen ebendieser zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, die für soziale und ökologische Verantwortung einstehen, müssen der Fokus zukünftiger Weichenstellungen werden, anstelle des Profitstrebens. Oftmals würden Personen noch gar nicht begreifen, vor welchen globalen Ungleichheiten und Problemen die Welt steht. Dadurch würden sie auch daran gehindert, sich als Teil von Lösungen wahrzunehmen. Pablo Villegas sieht wenig Sinn darin, nur Schlagwörter wie „Kolonialismus“ oder „grüne Verkehrswende“ in den Diskurs einzubringen. Stattdessen sollen wir uns die Zeit nehmen, unsere Geschichten wechselseitig kennenzulernen und zu verstehen. Denn durch diesen Prozess entstehe auch Hoffnung für Veränderung und ein Möglichkeitsraum für eine global gerechte Energie- und Verkehrswende.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links zu den Organisator*innen der Veranstaltung:
AG Rohstoffe
Anders Handeln
Netzwerk Soziale Verantwortung (NeSoVe)
Treaty Alliance in Österreich bzw. international
ÖFSE
Das Titelbild zeigt die Drainage einer Mine im Hochland Boliviens, in der Nähe der Bergbaustadt Oruro. Die im Wasser gelösten Schwermetalle sind hochgiftig. © indigo.ird.fr/Jacques Gardon