Wissenschaft und Politik – Rollen für eine sozial-ökologische Transformation.

Die ÖFSE wird 50 – und die Welt ist noch immer nicht gerecht. Welche Rolle Wissenschaft für eine politische Umsetzung der sozial-ökologischen Transformation spielen kann, darüber diskutierten Gäste aus Wissenschaft, EZA und Politik im Rahmen einer Konferenz zum 50-jährigen Jubiläum der ÖFSE.Am Freitag, 13. Oktober 2017, fand der zweite Teil der Jubiläumskonferenz zum 50-jährigen Bestehen der ÖFSE in der C3 Bibliothek statt. Nach der Eröffnung am Abend davor, wurden am Freitag in zwei Podiumsdiskussionen und zwei Panels Herausforderungen und Bedeutung der nachhaltigen Entwicklungsziele in Bezug auf eine sozial-ökologische Transformation diskutiert. Dieser Bericht handelt vom Vormittagsplenum mit dem Titel: “From concept to practice: science-policy interfaces for promoting social-ecological transformation”, also vom Zusammenspiel von Forschung und Politik als Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation.

Gewissheit oder Geschwindigkeit.

Wie sich Wissenschaft und Politik zu einer sozial-ökologischen Transformation gegenseitig beflügeln könnten, führte Professor Daniel Barben in seinem Beitrag aus. Er ist Professor für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaftsstudien an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Für Klimapolitik mussten sich PolitikerInnen lange rechtfertigen, so Barben. Es bedeute Einschnitte in die Rechte von Konzernen, etwa in deren Eigentumsrechte. Gerade in den Vereinigten Staaten Amerikas werde oft Wettbewerbsfähigkeit gegen Klimapolitik ausgespielt. Klimapolitik werde meist folgendermaßen umgesetzt: Eine Möglichkeit sei, auf Vorhersagen zu warten, um entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Dies bedeute aber eine lange Wartezeit auf wissenschaftliche Gewissheit. Im Gegensatz dazu könne man auch den Anspruch für wissenschaftliche Gewissheit zurückschrauben, Politiken durchführen und diese anschließend evaluieren.

Die SDGs im Spannungsfeld.

Barben fuhr fort: Die nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) befänden sich in einem Spannungsfeld von konkurrierenden Narrativen wie Grünes Wachstum, Post-Wachstum, Transformation, Ansätze zu bottom-up oder top-down. Es stelle sich die Frage, ob eine Transformation der Gesellschaft auch eine Transformation der Wissenschaft erfordere. Auf jeden Fall zu berücksichtigen seien in diesen gesellschaftlichen Umbrüchen die Strukturen von Wohlstand und Macht bei der Entscheidungsfindung. Außerdem gäbe es verschiedene Formen von Wissen, neben Wissenschaft. Auch Wissenschaft sei eine Institution innerhalb der Gesellschaft, also nicht unabhängig von ihr.

Erfahrungen aus der Praxis der EZA.

Wie PraktikerInnen der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) mit Wissenschaft umgehen, darüber berichtete Erwin Künzi von der Austrian Development Agency (ADA). Aus eigener Erfahrung erzählte Künzi, dass sowohl Entwicklungstheorie als auch Post-Development-Theorie durchaus im Bewusstsein der PraktikerInnen präsent sei. Jedoch bestimmten die Partnerländer großteils selber ihren nationalen Entwicklungsplan. In der Wissenschaft bestehe außerdem ein enormes Ungleichgewicht: Einflussreiche Thinktanks seien meist im Globalen Norden angesiedelt. Besonders Afrikanische Institute seien kaum im internationalen Netzwerk verankert.

Visionen statt Probleme.

Was es seiner Meinung nach brauche, seien regelmäßige Foren, in denen sich VertreterInnen von Wissenschaft und Politik austauschen könnten. Die Stockholmer Wasserwoche sei ein gutes Beispiel dafür: Jedes Jahr treffen sich schwedische ForscherInnen und PolitikerInnen, um über die aktuelle Lage bezüglich Wasser im Land zu reden. Um die nachhaltigen Entwicklungsziele, auch Agenda 2030 genannt, in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, brauche es hedonistische Element im Diskurs. Klimaschutz und globale Gerechtigkeit bringe uns allen etwas. „Statt immer nur auf Probleme zu schauen, brauchen wir Visionen!“, so der langjährige ADA-Mitarbeiter Künzi.

Persönlich miteinander reden.

Veronika Haschka, Abteilungsleiterin für Wissenschaft, Forschung, Technologie und Bildung im Bundeskanzleramt, sah vor allem mehr Bedarf an persönlichen Beziehungen zwischen WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen. „Wenn etwas wirklich wichtig ist, treffe ich mich mit den Betroffenen persönlich“, so Haschka. Auch sie brachte nordische Länder als Vorbild. Derartige Treffen, wo es PraktikerInnen und ForscherInnen möglich ist, miteinander zu diskutieren, gäbe es in Österreich nicht. Es fänden zwar unzählige Veranstaltungen und Aktionen zu den nachhaltigen Entwicklungszielen statt. Meist seien diese aber langweilig gestaltet und überwiegend von Männern besucht. Die Notwendigkeit einer anregenden Auseinandersetzung mit sozial-ökologischen Transformationen ist jedoch offensichtlich: Die Diskussion um die dritte Piste am Flughafen Wien-Schwechat habe fast damit geendet, Wachstum in die österreichische Verfassung zu schreiben. Die Frage stelle sich daher, ob wir überhaupt eine sozial-ökologische Transformation wollen!

Aktion von unten und politische ForscherInnen.

„Für eine sozial-ökologische Transformation brauchen wir neue Institutionen.“, forderte Haschka. Sowohl der „Gutes Leben für alle“-Kongress und die „Wachstum im Wandel“-Konferenz, beides im Februar dieses Jahres an der Wirtschaftsuniversität Wien, gingen in die richtige Richtung. Beide Initiativen wurden von der Zivilgesellschaft getragen. Werner Raza, Leiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), zog folgende Conclusio: „Wenn Wissenschaft relevant für eine sozial-ökologische Transformation werden will, müssen sich ForscherInnen selbst organisieren und sich promoten!“. In der Klimaforschung gäbe es etwa bereits das „Climate Change Center Austria“. Das letzte Wort des Vormittags von Raza: „WissenschaftlerInnen müssen auch politisch handeln!“.


Die Autorin studiert ‚Socio-Ecological Economics and Policy‘ und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 






Weiterführende Links:

–    Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs): https://sustainabledevelopment.un.org/sdgs

–    Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE): https://www.oefse.at/

–    Austrian Development Agency (ADA): https://www.entwicklung.at/

–    Zur Umsetzung der SDGs von Seiten des Bundeskanzleramtes: https://www.bundeskanzleramt.gv.at/implementierung

–    SDG Watch Austria, eine NGO die sich für die Umsetzung der SDGs in Österreich einsetzt: https://www.sdgwatch.at/de/

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Foto: Copyright ÖFSE

 

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