Wie Wissenschaft den Wandel schafft – getreu diesem Motto trafen sich Entwicklungsforscher/innen, um ihre Projekte zum Thema „sozial-ökologische Transformationen“ vorzustellen. In 11 Vorträgen wurden diverse Methoden, Erkenntnisse und Perspektiven aus Forschungen in Lateinamerika, Asien und Afrika geboten.
Am 19. Mai 2017 fand das Treffen der Entwicklungsforscher/innen im Großen Saal des Österreichischen Austauschdienstes (OeAD) statt. Als Vorveranstaltung zur 7. Österreichischen Entwicklungstagung, die im November 2017 in Graz stattfinden wird, trafen sich ForscherInnen, um ihre Projekte zum Thema „sozial-ökologische Transformationen“ vorzustellen.
Andreas Obrecht von der Kommission für Entwicklungsforschung (KEF) begrüßte die rund 60 Anwesenden und stellte Entwicklungsforschung als Feld vor, welches eine Vielfalt von Organisationen und Ansätzen transdisziplinär verbinde. Mit den Sustainable Development Goals (SDGs, Nachhaltige Entwicklungsziele der Vereinten Nationen) sei ein neuer Rahmen für sozial-ökologische Transformationen, also nachhaltige Veränderungen an der Schnittstelle von Ökologie und Sozialem, geschaffen worden.
In seiner darauffolgenden Begrüßung gedachte Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) der 2013 verstorbenen Atiye Zauner, welche die Vernetzungstreffen der Entwicklungsforscher/innen initiiert und die Veranstaltungsreihe maßgeblich geprägt hatte. Anschließend wurden 11 Forschungsarbeiten vorgestellt.
Lebensmittelsysteme und Lebensmittelnachhaltigkeit.
Hamid El Bilali (Universität für Bodenkultur, BOKU) und sein Team forschen zur nachhaltigen Entwicklung von Lebensmittelsystemen, der sie eine bedeutende Rolle für sozial-ökologische Transformation beimessen. Einen wertvollen Ansatz sieht El Bilali im SDG 2 („Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“), da es die globale Entwicklung von Agrarkultur mit dem Bestreben verbinde, Hunger zu beenden. Dieses Ziel sei auch mit vielen anderen SDGs verwoben, zum Beispiel mit der Bestrebung nachhaltige Produktions- und Konsumverhalten zu etablieren, wie im 12. Ziel. Eng verbunden seien auch Lebensmittelsicherung auf individueller Ebene und die globale Lebensmittelnachhaltigkeit, so El Bilali.
Umweltrechte sind Menschenrechte.
Im darauffolgenden Vortrag wurde die Schnittstelle von Feminismus und Ökologie in den Fokus genommen. Thays Ricarte Lopes (Universitat Rovira I Virgili) kritisierte die kapitalistische „Weltmentalität“ scharf, zum Beispiel, weil diese einen Preis auf natürliche Bedürfnisse wie Sauerstoff und Nahrung erhebe. Daher forderte die Wissenschaftlerin zum Widerstand gegen das kapitalistische Weltsetting auf. In diesem Zusammenhang werden kritische „Weltfragen“ jedoch häufig entweder auf Menschenrechts- oder Umweltrechtsebene gestellt, kritisierte Ricarte Lopes weiters. Die Verbindungen und Abhängigkeiten dieser Komponenten möchte sie mit ihren Forschungsaktivitäten aufdecken und dabei vor allem Genderfragen Beachtung schenken, betonte Ricarte Lopes abschließend.
In einer Diskussionsrunde zu diesen beiden Präsentationen der ersten Vortragseinheit waren sich Publikum und Vortragende einig, dass sich unsere Einstellungen zu Lebensmitteln gänzlich ändern müssen, da sie nicht lediglich Narrative seien, sondern das Leben und Überleben von Menschen mitentscheiden. Auch das Verständnis von Expertise solle herausgefordert werden, damit zum Beispiel Bauern und Bäuerinnen mit sehr viel Wissen und praktischer Erfahrung als ExpertInnen für Agrarthemen wahrgenommen werden.
Systematisierung von Erfahrungen.
Die Einbeziehung von AlltagsexpertInnen passiert im folgenden Forschungsprojekt bereits. Katrin Aiterwegmair (Paulo Freire Zentrum) ist Teil eines inter- und transdisziplinären Forschungsteams in Mexiko und Kuba. „Wie wird traditionelles und innovatives agroökologisches Wissen von den BäuerInnen (re-)konstruiert, angewandt und geteilt?“ lautet ihre Forschungsfrage. In der Präsentation des Projektes erläuterte sie ihre Forschung als Zusammenspiel von Wissenschaft und Alltagsexpertise auf horizontaler Ebene.
Diese partizipative Aktionsforschung fußt methodisch auf den Prinzipien Paulo Freires. Das Ziel sei es, Realitäten nicht nur zu erforschen, sondern diese durch Erkenntnisgewinn zu verändern. Durch die Methode der partizipativen Forschung und durch die Dialoge mit den LandwirtInnen kam ebenfalls heraus, dass die globale Wirtschaft als zentrales Problem wahrgenommen werde. Daher forderte auch Aiterwegmair einen Wandel des weltweiten Lebensmittelsystems und ein Hinterfragen der „kapitalistische Weltmentalität“.
Partizipation, Dialog und Befreiung.
Ebenfalls bezugnehmend auf partizipative Forschung stellte Heidi Dumreicher (OIKODROM – Vienna Institute for Urban Sustainability) ihre gemeinsamen Forschungsaktivitäten mit Bettina Kolb in Mexiko und Vietnam vor. In den Forschungsprojekten wird mittels der Methode „Fotointerview“ das Empowerment (dt.: Befähigung) von Frauen im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit erforscht. Dumreicher erläuterte, dass sie dabei ihre Position als Forscherin aufgebe und viel eher als Dialogpartnerin fungiere, im Gespräch über die von den InterviewpartnerInnen selbst erstellten Fotografien. Eine Erkenntnis Dumreichers ist, dass Empowerment-Projekte häufig als Raum für Möglichkeiten gesehen werden.
Nach den Präsentationen wurden beide Forscherinnen auf ihre jeweiligen Bestrebungen zur „Systematisierung von Erfahrungen“ angesprochen. Aiterwegmair betonte, dass diese Systematisierung der Verbesserung der Lebenssituationen von partizipierenden Bäuerinnen und Bauern dienen solle. Ähnlich sei für Dumreicher die Systematisierung durch fotografische Methoden ein Instrument der Bewusstwerdung von Unterdrückung, aber auch von Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Befreiung.
In der anschließenden Pause mit Imbissen kamen ForscherInnen und BesucherInnen ins Gespräch und führten die angeschnittenen Diskussionen im Dialog oder in kleinen Gruppen fort. Während im ersten Teil der Regionalfokus auf Lateinamerika lag, führt der zweite Teil dieser Blitzlichter österreichischer Entwicklungsforschung nach Asien und Afrika.
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Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Welt im Ohr: Radiosendung über das Treffen der Entwicklungsforscher/innen
– Kommission für Entwicklungsforschung (KEF): https://kef-research.at/
– Österreichischer Austauschdienst: https://oead.at/
– 7. Österreichische Entwicklungstagung, 17. bis 19. November 2017, in Graz: www.entwicklungstagung.at
Fotos: © Kommission für Entwicklungsforschung (KEF)