Warum blüht die Erde nicht?

Ist es zu träumerisch, sich eine blühende Zukunft auszumalen, während die Erde brennt und die Demokratie unter Druck gerät? Ohne kritische Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Strukturen kann es keine Veränderung geben. Feministische Theorien befassen sich mit der Dekonstruktion patriarchaler Geschlechterverhältnisse unter Berücksichtigung anderer Kategorien sozialer Ausgrenzung wie Rassismus oder Klassismus, und betrachten auch die ökologische Frage im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit.

Über das Schaffen einer gerechteren und integrativeren Welt unterhielten sich die ökofeministische Theologin Geraldina Céspedes Ulloa und die queer-feministische Ökonomin Karin Schönpflug am 05. Oktober im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Österreichischen Lateinamerika Institut (LAI). Mit einem Fokus auf die Verbindung zwischen Umweltzerstörung und geschlechtsspezifischer Gewalt teilen die beiden Forscherinnen ihre Einblicke in die Kämpfe des Feminismus und ihre Visionen für eine bessere Zukunft.

Geraldina Céspedes Ulloa arbeitet als Theologin in Guatemala und Mexiko. Sie ist Ordensschwester der „Hermanas Misioneras Dominicas del Rosario“ und Mitglied des „Amerindia“ Netzwerks für dialogische und interreligiöse Zusammenarbeit. Karin Schönpflug ist Mitarbeiterin des Instituts für Höhere Studien in Wien und Dozentin im Institut für Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Gender und feministische Ökonomie und Diversität.

Alles klar. Aber was sollen die Begriffe heißen?

Feministische Theologie und Queerfeminismus teilen ähnliche Ziele, indem sie traditionelle Geschlechternormen in Frage stellen, um eine gerechtere und inklusivere Gesellschaft zu fördern. Dabei kritisieren sie die Gewalt, die dazu beiträgt, diese Normen aufrechtzuhalten. Sie setzen sich dafür ein, die Gesellschaft in eine verbesserte Version zu verwandeln, die ihre Vorstellungen von Gleichberechtigung und Akzeptanz widerspiegelt. Gewalt stellt ein Hindernis auf diesen Weg dar, aber sie kann auch als Auslöser für Veränderung dienen.

Obwohl beide Zugänge das Patriarchat kritisieren, unterscheiden sie sich in ihren Ansätzen. Die feministische Theologie betrachtet die Befreiungserfahrung von Frauen* im religiösen Kontext, während der Queerfeminismus die Kategorien Geschlecht und heteronormative Sexualität auf grundlegende Weise hinterfragen.

Die ökofeministische Theologie untersucht die Beziehung zwischen Geschlecht, Spiritualität und Umwelt. Sie argumentiert, dass Umweltprobleme und Unterdrückung der Frauen* zusammenhängen. Die queer-feministische Ökonomie erweitert diese Perspektive um eine nicht-heteronormative Konzeption von Sorgeverantwortung für Menschen und Natur, die nicht an heterosexuelle Mutterschaft gebunden ist. Sie beschäftigt sich insbesondere mit unsichtbaren und meist unbezahlten Formen von Arbeit.

Feministische Theologie, Ökofeministische Theologie, Queer Feminismus und queer-feministische Ökonomie… Hierbei ist es wichtig zu verstehen, wie all diese Forschungsbereiche verknüpft sind. Sie teilen die Kritik und den Widerstand gegen das Patriarchat und die Gewalt, die etwa durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen oder durch die Unsichtbarkeit der Pflegearbeit in der Familie im kapitalistisch-neoliberalen Wirtschaftssystem ausgeübt wird. Gleichzeitig befassen sie sich mit einem neuen Verständnis davon, wie die Beziehung zwischen Menschen und der nicht-menschlichen Umwelt gestaltet werden sollte. Sie suchen nach alternativen Wegen, die auf Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit basieren und bestehende Normen in der Gesellschaft hinterfragen.

Die sozio-ökologische Krise und die Frauen*.

Auch wenn die Corona Krise vorbei zu sein scheint, sind Klimakrise, geopolitische Krisen, Hungerkrise, Wirtschaftskrise und vielen andere immer noch Teil unseres Alltags und unserer Realität. Ganz pragmatisch betrachtet handelt es sich für Geraldina Céspedes Ulloa um eine einzige, komplexe sozio-ökologische Krise. Dabei sollten wir ihrer Ansicht nach auf zwei Klagen hören: der Klage der Erde und der Klage der Armen, welche vom kapitalistischen Ausbeutungssystem ständig ausgegrenzt und ausgenutzt werden.

Wenn sich Analysen der Umweltkrise auf die „Armen“ als kollektives und neutrales Subjekt beziehen, würden sie die Intersektionalität des Leidens vergessen. Die Armen würden so zu einem unpersönlichen und verallgemeinerten Begriff, der jedoch Probleme der Identität, des Geschlechts und der Herkunft mit sich bringt. Da Frauen* am meisten ausgeschlossen würden, entstehe dadurch eine Feminisierung der Armut.

Laut Céspedes Ulloa trägt der Ökofeminismus dazu bei, den Zusammenhang zwischen allen Formen der Unterdrückung, insbesondere von Frauen* und Natur, zu begreifen. Es besteht eine enge Verbindung zwischen der Ausbeutung der Erde und dem Sexismus, unter dem Frauen* leiden. Sowohl die Erde als auch die Frau* werden vom patriarchalen kapitalistischen System zu Objekten gemacht und ausgenutzt. Sie verlieren dadurch ihre Eigenschaft als lebendiges Wesen, sobald sie als fruchtbar angesehen werden. Somit manifestiere sich die Aneignung durch das Patriarchat in der Superausbeutung der Erde als Ware und in der Kommodifizierung der weiblichen Sexualität.

Care, Pflege und Kümmern.

Stellen wir uns erstmal vor, die heteronormative Kleinfamilie ist Teil der kapitalistischen Lokomotive. Karin Schönpflug erklärte, diese Vorstellung von Familie stelle eine heteronormative und patriarchale Institution dar und könne als kleine Fabrik betrachtet werden. Diese Fabrik erzeuge Kinder und stelle daher die Arbeiter*innen von morgen zur Verfügung. Den hegemonialen Vorstellungen in unserer Kultur zufolge sollten Frauen* also Männer* heiraten. Sie bleibt zuhause und erledigt die Hausarbeit, während der Homo Oeconomicus, der rationale Wirtschaftsagent, arbeiten geht. Ihre Arbeit bleibt unbezahlt. Man spricht von Love Labor (Liebesdienst) oder Care Arbeit (Pflegearbeit), traditionellen Verpflichtungen einer Frau*, die als selbstverständlich angesehen werden und unsichtbar bleiben.

Diese gesellschaftliche Struktur basiere auf Heteronormativität und werde durch Traditionen kulturell verstärkt, so Karin Schönpflug. Die queerfeministische Ökonomie jedoch erkenne die Vielfalt an Familienentwürfen an und lehne das anthropozentrische, heteronormative, patriarchale und kapitalistische Herrschaftsmodell ab, das über Spaltung funktioniere. Die zentrale Frage für Schönpflug ist: wie können wir von einem „System that might kill us all [System, das uns alle umbringen könnte] zu einem, das die Erde zum Blühen bringt?“.

Lösungsansätze für einen blühenden Planeten.

Nach dieser Konfrontation mit der Realität der Geschlechterverhältnisse fühlt man sich fast hoffnungslos. Die Aussichten scheinen düster zu sein, aber Geraldina Céspedes Ulloa betont, dass Utopien mit kleinen Formen des Widerstands beginnen: mit dem zusammen Lernen, mit dem Gemeinschaftsleben oder mit dem Konsumverhalten. Die Theologin verwies auf das transformative Potential, das dem Zusammenleben außerhalb der patriarchalen Familienstrukturen innewohnt. Sie wendet sich gegen die Überzeugung, dass jede Frau* innerhalb von vier Wänden leben solle, sei es jene des Hauses, des Klosters oder figurative soziale Normen. Familie erhält für sie die Bedeutung einer „familia humana“ („Menschenfamilie“), in der man sich für das Wohlergehen aller Menschen einsetzt, egal ob diese blutsverwandt sind oder nicht.

Karin Schönpflug hält fest, dass es „keine konkrete Lösung, nur Inspiration“ gebe. Sie hinterfragt unser System der Geldschöpfung  und schlägt vor, statt von „Currency“ (Währung) über „Carency“ (Wortspiel, Pflege- oder Kümmer-Währung) zu sprechen. Das heißt, Kriterien für die Geldschöpfung sollten nicht auf monetäre Gewinnaussichten, sondern die Bedeutung einer Tätigkeit für das menschliche Leben bezogen sein.

Dieses inspirierende Gespräch bot also Einblicke in die Veränderung, die wir für eine gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft herbeiführen können.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Nichole Sobeck

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle, Genderungerechtigkeit.