Es besteht ein grundsätzlicher Widerspruch. Auf der einen Seite haben wir einen ungeheuren stofflichen Reichtum, dies wäre das Potenzial für ein gutes Leben für alle. Auf der anderen Seite wird dieser in einer Form produziert, der genau dieses gute Leben verhindert.
Lesen Sie Teil I.
Nun zu uns
Wir sind zutiefst Teil dieser kapitalistischen Gesellschaft und seiner Grundsäulen Erwerbsarbeit, Waren, Geld, Bedürfnisschaffung, Konkurrenz …, denn wir haben diese Form des Miteinanders von klein auf verinnerlicht. Und weil wir halt überleben müssen, reproduzieren wir diese Säulen tagtäglich. Deswegen wollen und können wir so schwer den oben angesprochenen harten Kern erkennen, deswegen erscheint er uns zur Natur des Menschen zu gehören.
Ich nehme mich da überhaupt nicht aus, auch wenn es bei den Menschen individuell durchaus Unterschiede gibt, welche Aspekte dieses lebensfeindlichen Miteinanders stärker, welche schwächer entwickelt sind. Verinnerlicht haben wir
den Ellbogen (~ Neid, Missgunst …)
das Sich-selbst-verkaufen (Marke Ich)
das Haben statt des Seins (in einer Gesellschaft, die ständig Bedürfnisse erzeugen muss, damit die Waren- und Geldketten nicht zerbrechen)
die Unselbstständigkeit als belieferungsbedürftiges Mängelwesen (das heißt, dass man sich eben nichts mehr zutraut und alles dem Prozess des Ankaufens überlässt ~ Trägheit)
dass man vom zentralen Lebensmittel Geld abhängig ist
das Denken in den Kategorien der Gesellschaft, etwa dass wir Arbeit haben müssen, anstatt dass wir froh sein könnten, wenn Arbeit erledigt ist ,
dass alles seinen Preis hat, widrigenfalls es nichts wert ist,
Dämonen
Solange dieses System bei uns (in der globalen Peripherie war dies sowieso nie der Fall) so halbwegs funktioniert hat, war es möglich, Dämonen der jüngsten Vergangenheit klein zu halten. Nun aber, mit dem drohenden Auseinanderbrechen dieses Systems, das wir als naturgegeben betrachten, treten Abwehrmechanismen auf.
Beispiel Antisemitismus: Die immer schon vorhandenen Widersprüche werden in äußere Mächte hineinprojiziert, in eine Verschwörung der Multis, der herrschenden Klasse, Auch ich habe lange in diesen Kategorien gedacht. Stutzig bin ich erst geworden, als andere auch mit diesen Bildern dahergekommen sind und diese dann weiter gedacht haben: mit den Zirkeln, in denen die Herren der Multis drinnen sitzen, mit der Ostküste,
Rassismus: Die von vielen so heiß verteidigte Konkurrenz wird in einem System, in dem man zusätzliches Tätigkeitspotenzial nicht als Hilfe, sondern als Bedrohung der Verkaufbarkeit der eigenen Arbeitskraft erleben muss, zum Motor für Rassismus;
… die alltägliche Gewalt des Systems wird hineinprojiziert in einzelne MigrantInnengruppen (Stichwort TschetschenInnen),
… das tägliche Leid entfremdeter Erwerbsarbeit wird hineinprojiziert in die MinderleisterInnen und die faulen ZigeunerInnen
Was tun? Perspektiven?
Das oben Beschriebene ist im Grunde nicht neu. Das spüren viele Menschen, auch wenn der Austausch etwa über den ungeheuren Druck, der auf uns allen lastet, kaum erfolgt. Da aber das, was da in der Krise aufbricht, tief in der Grundstruktur verankert ist, liegen auch die Handlungsmöglichkeiten nicht so ohne weiteres auf der Hand. Ein paar Gedanken dazu:
1. Es gilt, Räume des Austauschs, des gegenseitigen Helfens, des Innehaltens zu nutzen, zu erhalten, zu schaffen. Das können gewerkschaftliche Kurse, Stammtische und andere Gesprächsrunden, Kirchen, Aktionen wie Am Krisenherd sein,
2. Reflexion: Notwendig ist ein Überdenken und eine Kritik der unser gesamtes Denken durchziehenden gesellschaftlichen Grundmuster (Bedürfnisse, Staat, freedom und democracy, Markt, Arbeit, Konkurrenz, ). Dies ist alles andere als Passivität, dies erfordert einen wachen Geist, ist aber auch zunehmend lustvoll Und indem man entdeckt, wie sehr man selbst des Systems Kind“ ist, sieht man auch im anderen (z.B. Manager/innen) immer weniger das Böse als vielmehr das Zahnrädchen einer Maschinerie. Dies erfordert aber auch, die Widersprüchlichkeit der Situation aushalten zu können, dass man einerseits einem unglaublichen Räderwerk ausgeliefert ist, andererseits im Hier und Jetzt für ein gutes Leben eintreten muss. Ein Motto, das mir sehr hilft: Sand statt Öl im Getriebe sein!“
3. Die absurden Widersprüche ansprechen, so wie es das Kind im Märchen von Des Kaisers neue Kleider“ tat. Immer mehr Menschen empfinden, dass etwas“ nicht stimmt, aber weil alle schweigen, scheint es so, als sei man selbst verrückt. Wieso aber soll man in einer so reichen Gesellschaft den Gürtel enger schnallen? Wieso sollen auf einmal einfachste Dinge wie die Post, Nebenbahnen, ein öffentliches Gesundheitssystem etc. nicht mehr leistbar sein? Das hilft, ganz unmittelbar und praktisch für das einzutreten und zu kämpfen, was man zum Leben braucht. DieVerwertungslogik des Kapitalismus muss einem zwar klar sein, sie sollte aber nicht als Leitlinie, sondern als zu überwindende Grenzziehungen gelten!
4. Letztlich kommen wir aber nicht darum herum, eine Form des lebensbejahenden Wirtschaftens (neu) zu entwickeln. Ansätze gibt es in der Idee der Solidarökonomie Dazu muss das Rad nicht immer neu erfunden werden. Oft wird es reichen, Räume, die bisher von der Kapitalverwertung frei bzw. halbwegs frei waren, frei zu erhalten (Saatgut, Wasser, Bildung, Gesundheit, eigene Vereine, Beziehungen, ). Tagtäglich erleben wir ja auch eine andere Praxis, die wir ins Bewusstsein holen müssen und die wir natürlich auch kritisch anschauen müssen: In der Familie, ja auch am Arbeitsplatz. Wenn wir alle nur so funktionieren würden, wie uns das System vorgibt, ginge nichts mehr.
Der Autor arbeitet im ÖIE Kärnten/Bündnis für Eine Welt.
Der Artikel ist im ÖIE Aktuell, November 2009, erschienen. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.