Der Begriff der Krise ist allgegenwärtig. Umso wichtiger ist es, sich mit dem Phänomen genauer auseinanderzusetzen. Es gilt, innezuhalten und zu fragen: Wo stehen wir? Wohin entwickeln wir uns? Welche Perspektiven geben wir uns?
Meine zentrale These ist, dass zur Zeit etwas AUFBRICHT, was schon immer den Kern unseres Gesellschaftssystems ausgemacht hat und was sich jetzt in verschiedenen Krisenfeldern Ressourcenkrise, Umweltkrise, Klimakrise, Sozialkrise, Entwicklungskrise, Krise der Arbeit, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Krise der Werte zeigt. Damit meine ich, wie von der Gesellschaft her angelegt ist, wie wir miteinander umgehen.
Symptome
Miteinander umgehen klingt für ein politisch geschultes Ohr im ersten Moment vielleicht ein bisschen flapsig, aber ich werde gleich darauf eingehen. Zunächst aber die Symptome:
1. Symptom: Wir die Menschheit wie auch die gesamte Mitwelt sind in ökologischer Hinsicht mit einem Fuß schon über dem Abgrund. Dies zeigt sich an einem Datum: Am 25. September 2009 war ein denkwürdiger Tag, nämlich der World Overshoot Day“ (in etwa: Welt-Erschöpfungstag). Wir die Menschheit, das ist in diesem Zusammenhang aber im wesentlichen die eine Milliarde Menschen, die nach unserem Konsummuster lebt haben in diesem Jahr das, was die Erde an Verbrauch verkraftet, ausgeschöpft. Den Rest des Jahres leben wir ökologisch gesehen auf Pump.
2. Symptom die soziale Krise: Laut Welternährungsorganisation FAO hungern heuer erstmals über eine Milliarde Menschen.
3. Symptom: Zunahme des Hasses, sichtbar etwa im Zulauf bei den Wahlen für Hassprediger.
Das alles kennen wir, auch wenn wir immer wieder ohnmächtig zucken, viele von uns sich auch Tag für Tag engagieren und dabei aufreiben. Nun zur Behauptung, dass ökologische Krise, soziale Krise (Hunger) und die Krise im Zusammenleben (Hass) nicht verschiedene Krisen sind, sondern Symptome EINER Krise unseres kapitalistischen Systems. Schauen wir uns dazu den World Overshootday noch einmal an: Der Tag, an dem wir die Erde erschöpft haben, war heuer der 25. September, im Vorjahr war es der 23. September. Heuer sind wir also um zwei Tage sorgfältiger mit unserem Planeten umgegangen, das klingt ja wie ein kleiner Fortschritt? Haben wir vielleicht vernünftiger gewirtschaftet? Die Antwort ist banal: Nein, es war die Wirtschaftskrise!
Was heißt das aber? Auf der stofflichen Ebene des Wirtschaftens ist tatsächlich das eingetreten, wofür viele ökologisch engagierte Menschen einstehen für Konsumkritik, für weniger Konsum.
Damit zeigt sich aber nun etwas, was gar nicht ernst genug zu nehmen ist: Wenn wir so handeln, wie wir müssten, dann bekommen wir ein Problem! Wir können zwar im einen oder anderen Fall anders konsumieren, wir können aber nicht weniger konsumieren, wir sind dazu verurteilt, GIERIG nach immer neuen Waren zu sein! Bedürfnisbefriedigung, Bescheidenheit, ist nicht vorgesehen.
Damit sind wir beim zweiten Symptom, der schon erwähnten sozialen Krise, die sich an der Zunahme des Hungers zeigt: Ursache ist laut FAO nicht, dass zuwenig Lebensmittel produziert wurden, das Produktionsniveau konnte gehalten werden. Vielmehr ist wieder laut FAO die Wirtschaftskrise am Hunger schuld, viele Menschen können sich einfach die Lebensmittel nicht mehr kaufen.
Klingt logisch aber ist es das? Denn dann müsste man eine der größten Perversitäten der letzten Jahre, die so genannte Verschrottungs- oder Abwrackprämie, in einem anderen Licht sehen, man müsste sie rehabilitieren: So gesehen heißt mehr Autos Kampf gegen die Wirtschaftskrise und damit tatsächlich Hilfe für die Hungernden der Welt?! Bedeutet Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts, ja sogar Umweltschutz, denn wenn die Wirtschaft wächst, können wir uns Umweltschutzmaßnahmen leisten komisch?
Der harte Kern: Äquivalententausch
Damit bin ich endgültig beim Kern: Wir müssen uns unbedingt anschauen und ich ersuche, die Formulierung zu beachten was die Logik unseres Systems uns allen an Regeln vorgibt, wie wir miteinander umzugehen haben: Der Kern ist der Tausch. Nicht irgendein Austausch, sondern der Tausch. Das klingt harmlos, das kennen wir alltäglich, das ist unsere ständige Praxis: Ich darf dir nur geben, wenn ich etwas im gleichen Wert, das heißt, in etwa im gleichen Ausmaß an Arbeit bekomme. Vermittelt wird das über das Geld. Das ist der Kern des Marktes
Ob Supermarkt, Tauschkreis, Biobauernmarkt, es gilt: Wer nichts hat, bekommt nichts. Die Ausnahme der Mildtätigkeit bestätigt diese Regel. Diese Regel ist zunächst einmal verheerend für die Einen, die Bedürftigen. Das ist aber auch verheerend für die Anderen, die AnbieterInnen von Waren: Denn wenn nichts weitergegeben werden kann, dann stockt der Kreislauf. Denn dann kann der/die VerkäuferIn auch nichts mehr kaufen. Das ist der Grund, warum es Bankenmilliarden, Verschrottungsprämie u.ä. nach dieser Logik des Tausches geben MUSS.
Äquivalententausch heißt aber auch: Ich MUSS Bedürfnisse schaffen. Werbung ist insofern systemlogisch. Das ist der harte Kern der so gar nicht naturgegebenen Endlosigkeit unserer Bedürfnisse. Aber irgendwelche Relevanz haben diese Bedürfnisse nur, wenn hinter ihnen Kaufkraft steckt, wenn sie also zur Nachfrage werden.
Tausch heißt aber auch: Ich konkurriere darum, meine Ware an den Mann / die Frau zu bringen. Und für die meisten von uns ist diese Ware gar kein stoffliches Ding, das ich angreifen kann, sondern für die meisten ist diese Ware die eigene Arbeitskraft. Arbeit wird so zu einer eigenen Ware ich biete meine Arbeitskraft feil.
Das ist also das erste Nadelöhr, durch das wir miteinander verbunden, besser: aneinander gekettet sind in einer Wirtschaft, die nicht durch Vereinbarung, Empathie und Ausreden gekennzeichnet ist, sondern durch den Tausch und das Medium Geld, das quasi zwischen uns vermittelt. Beachte: Diese Form des Wirtschaftens gilt nur für einen Teil unseres Lebens, einen jedoch, der alle anderen Lebenssphären dominiert.
Der Zwang zum Profit
Dazu kommt ein zweites Nadelöhr: Der Zwang zur Mehrwertproduktion (zu Gewinn / zu Profit). Die eingesetzten Produktionsmittel werden so zu Kapital, das heißt, sie müssen dazu dienen, aus eingesetztem Kapital am Ende mehr Kapital zu machen. Dafür sorgt alleine schon die Peitsche der Konkurrenz. Wer dagegen verstößt, muss auf Dauer untergehen. Das Immer-Mehr ist gesellschaftliches Grundprinzip im Kapitalismus, die GIER in anderen Gesellschaften eine bekämpfte Eigenschaft ist Kardinalstugend. Insofern ist natürlich der Vorwurf von den gierigen ManagerInnen absurd! Das hat aber auch noch andere Konsequenzen: Die ungeheure Wachstumsdynamik macht einerseits den Kapitalismus so attraktiv, aber auf Dauer ist er genau deswegen mörderisch für den gesamten Planeten.
Zusammenfassung: Es besteht ein grundsätzlicher Widerspruch. Auf der einen Seite haben wir einen ungeheuren stofflichen Reichtum, dies wäre das Potenzial für ein gutes Leben für alle. Auf der anderen Seite wird dieser in einer Form produziert, der genau dieses gute Leben verhindert.
Zu Teil II.
Der Autor arbeitet im ÖIE Kärnten/Bündnis für Eine Welt.
Der Artikel ist im ÖIE Aktuell, November 2009, erschienen. Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.