Warum Nachhaltigkeit nicht auf Bewahrung, sondern auf Veränderung setzen sollte, Bildung der Schlüssel zur Veränderung ist und wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit besser wirkt als der erhobene Zeigefinger: Ulrike Gelbmann (Uni Graz) ruft dazu auf, Spaß an der Veränderung zu wecken.
Die Nachhaltigkeitsforschung in Europa hat sich aus den Umweltwissenschaften entwickelt und weist einen sehr starken Ökologiefokus auf. Noch immer meinen einige NachhaltigkeitsforscherInnen, oberstes Ziel der Nachhaltigkeit sei Klimaschutz. Gleichzeitig aber sieht das Dreisäulen-Modell der Nachhaltigkeit ökonomische, ökologische und soziale Aspekte als gleichberechtigt an. Das sehen auch offizielle Vereinbarungen (z.B. EU CSR-Strategie 2011) und third-party Dokumente (z.B. ISO 26000 Social Responsibility) so.
Ökologie, Ökonomie und Soziales: Einklang oder Widerspruch?
Ökologie und Soziales stehen oft im Einklang, wenn sich etwa durch einen ökologisch bewussten Anbau von Gütern wie Kakao etc. und gleichzeitig faire Preise die Lebensumstände der ProduzentInnen verbessern. Doch es gibt auch Konkurrenzsituationen zwischen sozialen und ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit, wenn etwa in sogenannten „Entwicklungsländern“ intensiver Anbau von Rohstoffen für Ökotreibstoffe etc. in Wettbewerb tritt mit für Nahrungsmittelproduktion für die einheimische Bevölkerung.
Leider gibt es keine generelle Regel, was vorzuziehen ist. Klassische ökonomische Entscheidungsregeln scheitern an Informationsmangel oder daran, dass auch ethisch-normative Aspekte eine Rolle spielen. Diese Aspekte bedürfen einer grundlegenden Regelung, oft durch die Politik, die ihrerseits auch wieder von mehr oder weniger „objektiven“ Einschätzungen ihrer BeraterInnen aus Wissenschaft, NGOs, Politikberatung oder Wirtschaft abhängig ist, die ihrerseits normative Präferenzen aufweisen. „Einfache“ Lösungen werden dadurch schwierig und oft (ökologisch, sozial und wirtschaftlich) ineffizient – wie etwa der unreflektierte Ersatz von Kunststoffverpackungen durch z.B. Einwegglas zeigt. So kann die Berücksichtigung vieler (sozialer und ökologischer) Aspekte oft nur zu Lösungen für den Einzelfall führen.
Fokus auf Veränderung, nicht Bewahrung.
Nachhaltigkeit darf deshalb aber weniger auf Bewahren denn auf Reflektieren und Verändern gerichtet sein. Es ist zwar nicht immer klar, was sich ändern muss und wie man die Menschen dazu bringen soll, sich und ihren Lebensstil zu ändern. Doch (Sozialökologische) Transformation bedeutet, dass weniger das Bewahren (von Ressourcen), das Schützen (des Klimas) im Fokus der Aufmerksamkeit stehen darf als das Nachdenken darüber, wie sich unsere Einstellungen, Motive und letztlich unserer Lebensweise verändern müssen – und die Umsetzung dieser Veränderungen (Holling 2001).
Sozialökologische Transformation meint also, Strategien zu entwickeln, wie man die Menschen dazu bringen kann, ihr Handeln zu ändern. Ansätze der Sorte: „Die Menschen müssen verzichten lernen“ oder „… weniger mit dem Auto fahren“ führen (meist mit einem zumindest virtuell erhobenen Zeigefinger) erschreckende Statistiken, Bilder oder sonstige Beispiele vor. Doch die Erfahrung lehrt, dass sich dadurch wenig ändert. Diese Taktik löst bei vielen bestenfalls kurzfristige Betroffenheit und vielleicht den Wunsch aus, Geld zu spenden, um sich quasi von der eigenen Verantwortung freizukaufen. Die Menschen „müssen“ sich nicht ändern, will man ihnen nicht jede Änderung durch Gesetze und Sanktionen vorschreiben. Und eine solche von Zwang getriebene Gesellschaft wollen wir ja auch nicht.
Bildung für Nachhaltigkeit als Herausforderung und Chance.
Bildung ist ein geeignetes Mittel, mit dem die Verantwortlichen aus Politik, öffentlicher Verwaltung, NGOs und nicht zuletzt auch der Wissenschaft, Veränderungen bewirken können, und zwar Bildung, die Spaß macht und „sexy“ ist, die quasi im Nebenher mitgenommen werden kann, und die das Bewusstsein der Menschen für ihre Umgebung auch im globalen wie lokalen, im ökologischen wie sozialen Sinn schärft. Im Vordergrund stehen dabei Kompetenzen wie Reflexionsfähigkeit, Empathie mit Menschen und Themen, die Bereitschaft und der Mut sich einzulassen oder die Fähigkeit, eine „kluge“ Auswahl aus einem komplexen Bündel an Informationen zu treffen (de Hahn et al. 2007).
Vor dem Hintergrund einer sich mehr und mehr dynamisierenden Gesellschaft ist dies Herausforderung und Chance zugleich: Die Herausforderung besteht darin, die Menschen überhaupt zu erreichen, denn das Tempo, in dem sie ihre Einstellungen und Meinungen bilden und verändern, ist enorm. Doch gerade darin besteht auch ein enorme Chance, denn in einer Gesellschaft, die sich selbst permanent im Wandel befindet, kann auch die Idee einer nachhaltigen Verantwortung gut „eingeschleust“ werden, und nicht zuletzt Social Media und neue Formate Menschen zusammenzubringen eröffnen eine Vielzahl an Möglichkeiten.
Relevanz von MultiplikatorInnen, Kampagnen und (Entwicklungs-)Tagungen.
Aus universitärer Sicht können wir durch unsere Forschung, aber auch durch die Ausbildung unserer Studierenden zu MultiplikatorInnen beitragen, dass diese mit neuen Ideen und Methoden ihre Aufgabenbereiche in Unternehmen, der öffentlichen Verwaltung, in NGOs, in Bildungseinrichtungen und in der Wissenschaft verändern. Nicht zuletzt wirken wir an Bildung für die „Öffentlichkeit“ und somit an deren sozial-ökologischer Transformation mit: für die breite Öffentlichkeit (für die wir im Rahmen von Lehrveranstaltungen mit Studierenden Konzepte entwickeln, etwa „Das Globale T-Shirt“, in dem neben einer intensiven Informationskampagne über Social Media auch kleinere Aktionen sowie ein großes „Fair Fashion Festl“ organisiert wurden). Oder, wie im Rahmen der Österreichischen Entwicklungstagung, für ein interessiertes und auch nicht-wissenschaftliches Fachpublikum.
Ulrike Gelbmann widmet sich am Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung der Universität Graz vor allem Fragen der Abfallwirtschaft, nachhaltigkeitsorientierter Unternehmensführung, Resilienz und der Bewusstseinsbildung für Nachhaltigkeit. Sie ist Vorsitzende der Curriculakommission des Masterstudiums Global Studies an der Uni Graz. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Quellen:
– De Haan, G. et al. (2007): Orientierungshilfe. Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Sekundarstufe I. Begründungen, Kompetenzen, Lernangebote. de Haan, G. (Hrsg.): Berlin: FU Berlin.
– Holling, C.S. (2001): Understanding the complexity of Ecological, Economic, and Social Systems. Ecosystems (2001) 4: 390-405 DOI: 10.1007/s10021-00 -0101-5.
Ulrike Gelbmann wird bei der Entwicklungstagung im Anschluss an den Vortrag von Tessa Khan („Frauen an vorderster Front: warum nachhaltige Entwicklung von Gendergerechtigkeit abhängt.“) am Podium mit Beatriz Rodríguez Labajos (Universität Barcelona) diskutieren.
11:15-12:00 Uhr: Tessa Khan (Climate Litigation Network): Frauen an vorderster Front: warum nachhaltige Entwicklung von Gendergerechtigkeit abhängt.
12:00-13:00 Uhr: Panel mit Ulrike Gelbmann (Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung, Karl-Franzens Universität Graz) und Beatriz Rodríguez Labajos (Universität Barcelona).
Moderation: Petra Dannecker, Institut für Internationale Entwicklung, Universität Wien.