Die Stadt Wien und Südwind luden am 28. November 2019 dazu ein, das UN-Nachhaltigkeitsziel Nummer vier zu diskutieren. Dieses strebt bis 2030 eine inklusive, chancengerechte und qualitative Bildung für alle an. Die Referent*innen diskutierten Maßnahmen und gaben praktische Einblicke.
Wer finanziert Schulbildung?
Bilal Barakat, leitender Politikanalyst beim Global Monitoring Report (GEM), zweifelte die Erreichung des Sustainable Development Goal (SDG) vier bis 2030 an. Viele Schüler*innen würden die Schule abschliessen, ohne wirklich etwas gelernt zu haben. Zudem seien die Ausgaben im Bildungsbereich in den einkommensschwachen Ländern vergleichsweise sehr gering. Deswegen tragen Familien ein Drittel der Bildungskosten selbst. Hinzu kommt, dass Gelder der Entwicklungszusammenarbeit immer weniger direkt an Bildungsinstitutionen fliessen. Schulbildung ist demnach stark von den finanziellen Möglichkeiten des Staates und des familiären Systems abhängig.
Bildung spiegelt globale Ungleichheiten wieder.
Das Bildungssystem sprach Leon Tikly, Bildungsprofessor an der Universität Bristol, an. Bis heute prägten koloniale Strukturen das Schulsystem in Sub-Sahara Afrika. Immer noch werde eurozentrisches Wissen vermittelt. Schüler*innen lernen nicht, demokratische Mitglieder der Gesellschaft zu werden. Nachhaltige Bildung muss gegen aktuelle Missverhältnisse ankämpfen, forderte Tikly. Sie bedeutet für ihn Chancengerechtigkeit, hohes Niveau und das Einbeziehen von Umweltschutz. Auch das SDG Ziel vier schreibt das Fördern nachhaltiger Bildung fest, als die Fähigkeit zu nachhaltigen Lebensweisen, Friedenskultur und Gewaltfreiheit.
Transformative Bildung in Österreich.
Irene Katzensteiner vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung berichtete über die Umsetzung des SDG vier in Österreich und legte einen besonderen Fokus auf Transformative Bildung. Erste Schritte seien in Österreich bereits gelegt worden: etwa mit Unterrichtsmaterialen der Bildungsstelle BAOBAB für Globales Lernen. Um nachhaltige Bildung in Österreich zu ermöglichen, brauche es aber mehr Maßnahmen.
Bildung hat sich zu Ausbildung verschoben.
Margarita Langthaler von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), betonte, dass strukturelle Massnahmen für eine nachhaltige Bildung in Österreich fehlen. Gleichzeitig werde deren Durchsetzung erschwert, weil unterschiedliche Behörden für pädagogische Konzepte zuständig sind. Bei nachhaltiger Bildung liegt der Schwerpunkt auf ökologischer Nachhaltigkeit, was kurzfristig zu Lasten des Globalen Südens geht. So wird eine eurozentrische Sichtweise fortgesetzt und kaum hinterfragt. Bildung habe sich mehr zu Ausbildung und ökonomischer Verwertung verschoben.
Ausbildung von Berufsschullehrer*innen in Äthiopien und Uganda.
Als Projektmanagerin von „Jugend eine Welt“ in Äthiopien und Uganda präsentierte Irita Opara die Angebote ihrer Organisation: Sie setzt sich für die Ausbildung von Berufsschullehrer*innen für Solarenergie ein. Das Berufsschulwesen in Sub-Sahara Afrika sei schlecht aus-gebaut, Berufsschullehrer*innen vielfach ungenügend ausgebildet und oft fehle praktische Erfahrung. „Jugend eine Welt“ versucht mit der fachlichen Ausbildung von angehenden Berufsschullehrer*innen jungen Menschen eine Zukunftsperspektive zu geben und Nachhaltig-keit zu fördern.
Lernen mit Tablets im Libanon und Sudan.
„Can’t wait to learn“ (dt. Ich kann es nicht erwarten, zu lernen) ist das zweite Projekt, welches Flutra Gorana vorstellte. Sie führt die Organisation „War Child“ im Libanon und entwickelte ein Lernprogramm für Kinder auf Tablets. Bei der Programmentwicklung wurden Kinder aktiv in den Prozess miteingebunden und die Lehrer*innen spezifisch dafür geschult. Das Lernprogramm ist ans Curriculum angepasst und wird in verschiedenen Krisenregionen wie im Libanon oder Sudan verwendet. Es dient zur Ergänzung des regulären Schulunterrichts und ermöglicht den Kindern, auf eine spielerische Art zu lernen.
Inwiefern diese beiden Projekte zu nachhaltiger Bildung beitragen können, ist schwer zu beantworten. Auf unterschiedliche Art und Weise teilen sie das Ermächtigungsbestreben der Schüler*innen und angehenden Berufsschullehrer*innen sowie den Beitrag zur Verbesserung des Bildungssystems.
Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Foto Tagung „Nachhaltige Entwicklung braucht Bildung für alle“ © Stadt Wien: https://www.wien.gv.at/politik/international/aktivitaeten/eza/fachtagung.html.
Weiterführende Links:
Österreichische UNESCO-Kommission. 2019. Positionspapier zur Umsetzung von SDG 4 in Österreich.
BAOBAB
Jugend eine Welt
War Child