Grünes Wirtschaftswachstum im Rahmen ökologischer Grenzen setzt radikale Reduktion des Bevölkerungswachstums voraus. Diesen Zusammenhang erklärt Andreas Obrecht in seinem vierten und letzten Teil der Artikelserie. Außerdem berichtet er von seiner eigenen Arbeit im Sinne der sozial-ökologischen Transformation.
Ende des exponentiellen Bevölkerungswachstums.
Eine weitere Voraussetzung, dass es überhaupt Sinn macht, über die sozial-ökologische Transformation zu schreiben und eine Konferenz darüber abzuhalten ist der natürlich extrem ungleich verteilte, aber dennoch empirisch eindeutig konstatierbare globale Wohlstandsgewinn. Und damit die sinkende Fertilität aufgrund sinkender Kindersterblichkeit. Der höchst korrelierende Faktor, der den exponentiellen Anstieg des Bevölkerungswachstums bedingt, ist die Anzahl der Kinder, die in den ersten 5 Lebensjahren – zumeist aufgrund leicht vermeidbarer Krankheiten – sterben. Sinkt dieser Anteil unter 10 % so kann mit Hilfe begleitender Maßnahmen – Bildung, Zugang zu Kontrazeptiven, Familienplanung etc.– eine demografische Wende herbeigeführt werden, so wie es in vielen, vor allem asiatischen Staaten geschehen ist.
Quelle: https://ourworldindata.org/child-mortality/
Ich kann mich selbst noch erinnern, als Mitte der 1980er Jahre für das Jahr 2000 9 Milliarden Menschen auf diesem Planeten prognostiziert wurden, tatsächlich waren es etwas mehr als 6 Milliarden. Heute leben rund 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt und selbst vorsichtige Prognosen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung in spätestens zwischen 25 bis 30 Jahren die Spitze mit maximal 11,5 Milliarden Menschen erreicht haben wird. Andere seriöse Prognosen gehen von einem „Peak“ von 9,5 Milliarden in kürzerer Zeit aus. Nach diesem „Peak“ wird die Weltbevölkerung allmählich zurückgehen – die absolut notwendige Voraussetzung für die Sinnhaftigkeit einer sozial-ökologischen Transformation, die auch lebenswerte Bedingungen für erst in vielen tausenden von Jahren geborene Menschen sicherstellen soll und möglicherweise auch kann.
Auch dieses Faktum verdanken wir der herrschenden – und das im doppelten Wortsinn – ökonomischen Ordnung auf unserem Planeten und der Tatsache, dass ökonomisches Wachstum – zwar in viel zu geringem Ausmaß aber doch – in Basisinfrastrukturen und Grundversorgungen fließt. Gäbe es diese ultimative Grenze des Weltbevölkerungswachstums nicht, wir hätten keine Chance, wir bräuchten auch keine Artikel mehr zu schreiben oder Konferenzen abzuhalten, denn die Konsequenz wäre entweder ein buchstäblich devastierter Planet, der Leben verunmöglicht, oder eine Eskalation von Gewalt im hobbesschen Sinn „Homo homini lupus“.
Warum sieht das denn keiner?
Warum sieht das denn keiner?, fragt der Physiker und Kulturphilosoph Johannes Schmidl, der zwei ausgezeichnete Bücher über Utopien und Dystopien bezüglich des Umgangs mit natürlichen Ressourcen geschrieben hat, in einem unlängst veröffentlichten Standard-Artikel. Darin heißt es: „Lebten 1900 noch 85 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, sind es 2015 weniger als 10 Prozent. Die Armut verschwindet mit großer Geschwindigkeit, die ärmsten Länder wachsen am schnellsten; die Lebenserwartung steigt weltweit, allein in Afrika hat sie sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts auf über 60 Jahre verdoppelt. Starb um 1800 noch die Hälfte der Kinder vor dem fünften Lebensjahr, sind es heute weniger als 4%. Und damit nimmt die Wachstumsrate der Menschheit dramatisch ab: von 2,1% pro Jahr Mitte der 60er Jahre auf heute etwa die Hälfte dessen. Warum sehen wir das nicht? Warum lassen sich diese Geschichten nicht erzählen? Wir haben in Europa vieles aus den kühnsten Erzählungen der Utopien verwirklicht. Der Rest der Welt holt jetzt aber deutlich auf, die vormals Unterprivilegierten steigen in unseren vormaligen Adelsstand auf – und damit werden wir alle allmählich zu wohlsituierten Erden- oder Weltbürgern. Europa geht nicht unter, sondern, wenn man so will: es triumphiert durch die Früchte seiner globalisierten Aufklärung weltweit. Prinzipien und Methoden der Rationalität und die wesentlich auf deren Basis entwickelten Technologien setzen sich durch – im Widerstand gegen die eingesessenen Macht-, Clan-, und Stammeskulturen und die etablierten machtbewussten Religionen.“ (Johannes Schmidl/derstandard.at/Sind wir reif für die Insel? vom 5. August 2017)
Tägliches Bemühen um sozial-ökologische Transformation.
Unsere Arbeit in der Abteilung „Higher Education and Research for International Development“ in der „Austrian Agency for International Cooperation and Research“ (OeAD GmbH) besteht aus drei Bereichen. Sowohl in der „Commission for Development Research“ (KEF, www.kef-research.at) als auch in dem „Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development“ (APPEAR, www.appear.at), das von der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit finanziert wird, geht es um
– die Förderung, Anbahnung und Organisation von partizipativen Partnerschaften in Forschung und Lehre zwischen österreichischen Hochschulen/wissenschaftlichen Institutionen und Universitäten/ wissenschaftlichen Institutionen in Less und Least Developed Countries im Bereich der Entwicklungsforschung,
– die Sichtbarmachung der Entwicklungsforschung als breites transdisziplinäres Forschungsfeld, das ergebnisorientiert und zielgruppenspezifisch die Lebensbedingungen der Menschen in den Partnerländern verbessert und die Kapazitätenentwicklung in Wissenschaft und Forschung fördert, und um
– Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzungsaktivitäten in Österreich, die zu einer breiteren Akzeptanz der Entwicklungsforschung als wichtiger Beitrag zur Verwirklichung der Sustainable Development Goals (SDGs) führen.
In Beantwortung der letzten Frage lässt sich sagen, dass wir tagtäglich darum bemüht sind, eine kritische, transdisziplinäre Wissenschaft in den Dienst der absolut notwendigen Transformation und damit in den Dienst der Zukunftsfähigkeit unserer Welt zu stellen.
Univ.Doz. Dr. Andreas J. Obrecht leitet die Geschäftsstelle der Kommission für Entwicklungsforschung und ist verantwortlich für die Abteilung „Bildung und Forschung für Internationale Entwicklungszusammenarbeit“ in der OeAD-GmbH. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Andreas Obrecht wird die Diskussion zur Keynote von Andreas Novy: Illusionen grenzenloser Globalisierung am Samstag morderieren:
09:00-09:45 Uhr: Andreas Novy (WU Wien, GBW): Illusionen grenzenloser Globalisierung.
09:45–10:45 Uhr: Kommentare von entwicklungspolitischen SprecherInnen aus dem Nationalrat, Diskussion.
Moderation: Andreas Obrecht, Kommission für Entwicklungsforschung.