Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. (II)

Liegt die Priorität beim sozialen oder beim ökologischen Aspekt der sozial-ökologischen Transformation? Mit dieser Frage beschäftigt sich Andreas Obrecht (Leiter der KEF) im zweiten Teil seiner Artikelserie. Er betont: der Hebel für Transformation wird eine technologiegetriebene „ökologische Lösung“ sein.

Die sozial-ökologische Transformation wird nicht ideologie- sondern technologiegetrieben sein – wie die meisten gesellschaftlichen Transformationen in der Geschichte der Menschheit. Seit Rio`92 wissen wir, dass sich die Organisation der sozialen Sphäre nicht von der Organisation der ökologischen trennen lässt, aber der „Hebel“ für die Transformation, oder modisch ausgedrückt der Narrativ, wird nicht die soziale Frage sondern die „ökologische Lösung“ sein.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die „soziale Frage“ aufgeworfen. Nicht nur marxistischen Denkern wurde klar, dass der Kapitalismus nicht nur enorme Technologie- und Produktivitätsschübe fabriziert, sondern auch ein Moloch, ein Untier ist, das seine innovatorische Stärke auf Kosten des Proletariats und der Menschen in den Kolonien entfesselt. Alle sozialen Bewegungen – von der Sozialistischen Internationalen bis hin zur katholischen Soziallehre – wollen dieses Untier domestizieren. Reformatoren wollen durch letztlich demokratisch legitimierte Gesetzgebung die destruktiven Auswirkungen des Kapitalismus – etwa durch Umverteilung – zügeln, bei gleichzeitigem Erhalt bzw. bei Erhöhung der Produktivkraft. Revolutionäre wollen den Kapitalismus abschaffen. Nur in den „realsozialistischen“ Ländern wurde dieser Versuch gewagt, mit – wie ein Blick auf das 20. Jahrhundert zeigt – nicht nur unrühmlichen, sondern verheerenden Konsequenzen.

Die „ökologische Frage“ ist auf der Agenda.

Kam die „soziale Frage“, so wie wir sie verhandeln, im 19. Jahrhundert auf, so taucht die „ökologische Frage“ Anfang der 1970er Jahre auf. Vorher gab es es sie in unserem heutigen Sinne nicht. Das Problembewusstsein, dass die Welt und unser Leben in ihr ressourcenbegrenzt sind, hängt mit unserer nicht länger als zwei Generationen gewachsenen Vorstellung eines „blauen Planeten“ zusammen, der als komplexes System zu schützen und für nachfolgende Generationen zu erhalten ist. Diese Vorstellung ist ebenfalls ein Produkt von Forschung und Technologieentwicklung: Von der Raumfahrt angefangen, die uns unsere Erde erstmals aus der Perspektive des Orbits, später aus schier unglaublicher Entfernung als verletzbar wirkendes, belebtes Pünktchen in einem undenkbar riesigen Kosmos zeigt, über die Erkenntnisse in der Biologie, Genetik, Kybernetik bis hin zu komplexen theoriebestimmenden Simulationen von ökologischen Interdependenzen und Szenarien in systemanalytischen Modellen.

Die Erkenntnisse der systemimmanenten ökologischen Begrenzung haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Notwendigkeit einer radikalen ökologischen Transformation ganz oben auf den (geo-)politischen Agenden steht. An stetig steigenden Ressourcenverbrauch gekoppeltes exponentielles Wachstum führt zwangsläufig zur Zerstörung der dieses Wachstum ermöglichenden Systembedingungen. Wollen wir weiter von „Wachstum“ reden – etwa im Sinne eines transformierten Wohlstandbegriffes – so nur dann, wenn „Wachstum“ von steigendem Ressourcenverbrauch entkoppelt ist.

Fundamentaler Paradigmenwechsel.

Aller Kritik an der Konferenzrhetorik und an dem zögerlichen politischen Handeln zum Trotz meine ich, dass ein fundamentaler Paradigmenwechsel bezüglich der Wahrnehmung der Lebensbedingungen in unserer Welt aufgrund eines vor nicht länger als maximal 60 Jahren erkannten Problems eine große menschliche Leistung darstellt. Der Zug ist schon längst in Richtung dieses Paradigmenwechsels abgefahren. Kein Politiker, kein Staatsmann – mit Ausnahme Donald Trumps, dessen anachronistischer Kapitalismusbegriff im Nationalismus, Protektionismus und dem Technologieverständnis des 19. Jahrhunderts wurzelt – bezweifelt ernsthaft die Notwendigkeit der radikalen transformativen und damit zu einem Gutteil technologischen Umgestaltung um den ökologischen Kollaps unseres Planeten zu verhindern. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft – und damit der Mobilität, der Energiegewinnung, der Produktion von Industrie- und Verbrauchsgütern etc. – bis zum Ende unseres Jahrhunderts ist beschlossene Sache (G7-Gipfel-Beschluss-2015: 50 % – 70 % bis zum Jahr 2050, 100 % bis zum Jahr 2100).

Die_G7_Verhandler_vor_dem_bayrischen_Schloss_Elmau_Copyright_Spiegel_Online_Reuters.jpg

Die G7-Verhandler vor dem bayrischen Schloss Elmau am 8. Juni 2015. Ein historischer Tag: Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft im Volumen von 50 % – 70 % bis zum Jahr 2050 und 100 % bis zum Jahr 2100 ist beschlossene Sache. Flash-Back-Politiken werden diese Vorgaben nicht desavouieren, die Umstrukturierungen in Produktion, Mobilität, Energiedienstleitung etc. haben längst begonnen.Copyright: Spiegel Online, Reuters. Quelle: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bild-1037763-858722.html

Wir stehen damit am Anfang eines gigantischen transformativen Experimentes, das enorme Investitionen in die Gegenwart und die unmittelbar bevorstehende Zukunft voraussetzt.

Im nächsten Teil seiner Artikelserie beschreibt Andreas Obrecht, wie die notwendigen Investitionen aussehen:

*** Hier geht es zum Teil II des Artikels *** 

 

Univ.Doz. Dr. Andreas J. Obrecht leitet die Geschäftsstelle der Kommission für Entwicklungsforschung und ist verantwortlich für die Abteilung „Bildung und Forschung für Internationale Entwicklungszusammenarbeit“ in der OeAD-GmbH. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Andreas Obrecht wird die Diskussion zur Keynote von Andreas Novy: Illusionen grenzenloser Globalisierung am Samstag morderieren:

09:00-09:45 Uhr: Andreas Novy (WU Wien, GBW): Illusionen grenzenloser Globalisierung.



09:45–10:45 Uhr: Kommentare von entwicklungspolitischen SprecherInnen aus dem Nationalrat, Diskussion.

Moderation: Andreas Obrecht, Kommission für Entwicklungsforschung.  

 


 

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Themen.