Das I.L.A. Kollektiv arbeitet zur Imperialen Lebensweise und solidarischen Alternativen und hat im Februar 2019 „Das Gute Leben für alle. Wege in die solidarische Lebensweise“ herausgegeben. Jutta Bichl hat mit Christoph Ambach und Christopher Beil aus dem Kollektiv über das Buchprojekt, alternative Lebensentwürfe und das gute Leben für alle gesprochen.
Jutta Bichl: Das I.L.A. Kollektiv ist Herausgeber*in des Buchs „Das Gute Leben für alle. Wege in die solidarische Lebensweise“. Was ist das I.L.A. Kollektiv und was sind eure Ziele?
I.L.A. Kollektiv: Das I.L.A. Kollektiv ist ein lockerer Zusammenschluss von circa 35 Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen aus dem Bereich der globalen sozialen und ökologischen Gerechtigkeit. Unser Ziel ist es, die Konzepte der imperialen Lebensweise wie auch der solidarischen Lebensweise einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wir wollen diese Themen aus der wissenschaftlichen Blase heraus bringen und möglichst verständlich aufarbeiten.
Jutta Bichl: Gab es einen bestimmten Anlass zum Verfassen des Buches? Was war beziehungsweise ist die Intention?
I.L.A Kollektiv: Es gibt bereits eine Publikation des I.L.A Kollektivs mit dem Titel „Auf Kosten anderer. Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“, die das Konzept der imperialen Lebensweise zum Thema hatte. Da das erste Projekt gut angekommen ist, entstand die Idee eines Folgeprojekts. Unsere Intention war es, Utopien zu entwerfen und ein Hoffnungsnarrativ zu schaffen. Unser Buch soll Mut machen und zeigen, welche Alternativen es bereits gibt.
Jutta Bichl: Der erste Teil des Buches befasst sich mit Prinzipien, Projekten und Prämissen der solidarischen Lebensweise. Wie versteht ihr das Konzept der solidarischen Lebensweise?
I.L.A. Kollektiv: Wichtig ist, im Kopf zu behalten, dass das Konzept selbst keine Blaupause sein soll, sondern eine reale Utopie. Es soll ein Kompass sein für Leute, die aktiv werden wollen und ihnen eine mögliche Richtung anzeigen. Auch gibt es nicht die eine richtige solidarische Lebensweise, sondern eine Diversität an möglichen solidarischen Lebensweisen. Das Konzept orientiert sich an fünf Prinzipien: Diese sind Demokratisierung, Commoning, Dependenz, Suffizienz und Reproduktion. Diese Prinzipien sind nicht klar voneinander abgetrennt und müssen gemeinsam betrachtet werden. Auch gibt es wahrscheinlich noch weitere Prinzipien, die in einer solidarischen Zukunft mitgedacht werden müssen.
Jutta Bichl: Im Buch werden verschiedene Bereiche angesprochen, in denen die solidarische Lebensweise teilweise schon umgesetzt wird. Gibt es gemeinsame Nenner in all diesen Projekten?
I.L.A.Kollektiv: Auf abstrakter Ebene lässt sich sagen, dass die vorgestellten Projekte und Alternativen die fünf Prinzipien schon ziemlich gut umgesetzt haben oder umsetzen, auch wenn nicht jedes der Projekte alle Prinzipien gleichermaßen verfolgt. Im Konkreten streben sie nach dem guten Leben für alle und realisieren solidarische Alternativen im Hier und Jetzt.
Jutta Bichl: Der zweite Teil der Publikation beschäftigt sich mit Wegen in die solidarische Lebensweise. Welche grundlegenden Veränderungen braucht es für ein solidarisches Miteinander und wie könnten diese gelingen?
I.L.A.Kollektiv: Solidarische Lebensweisen befinden sich noch in Nischen und müssen breiter und verallgemeinerbar werden. Hierzu ist es wichtig sich zu verbinden, Fähigkeiten und Kompetenzen zu teilen sowie Netzwerke und Austausch zu schaffen. Auch braucht es politische, institutionelle und finanzielle Unterstützung für solidarische Projekte. Zusätzlich dazu ist ein kultureller Wandel von Nöten, es müssen alternative Narrative und Normen verbreitet werden.
Jutta Bichl: Welche Rolle spielen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und das Individuum auf dem Weg hin zum einem „guten Leben für alle?“
I.L.A. Kollektiv: Zunächst sollten diese Sphären nicht getrennt voneinander gesehen werden, auch wenn das im Moment noch häufig der Fall ist. Sie sollten zusammen gedacht werden. In allen Bereichen braucht es Veränderung, wichtig wäre ein ganzheitlicher Ansatz. So muss beispielsweise nicht nur Politik demokratisiert werden, sondern auch Bildungseinrichtungen und vor allem auch die Wirtschaft. Bezüglich der Rolle des Individuums ist zu sagen, dass es persönliche Grenzen gibt, an die man stößt. Die ökologische Krise zum Beispiel lässt sich gerade nicht allein durch den Kauf von Bio-Produkten im Supermarkt lösen. Daher braucht es kollektive Lösungen um gemeinsam an einem guten Leben für alle zu arbeiten. Die Verantwortung, dass dies möglich wird, tragen wir alle gemeinsam.
Jutta Bichl: Welche Gefahren und Hindernisse sind auf diesem Weg zu finden und wie könnten sie bewältig werden?
I.L.A. Kollektiv: Ein großes Hindernis ist momentan die Vorherrschaft und auch eine gewisse Attraktivität der imperialen Lebensweise, die zurückgedrängt werden muss. Auch werden solidarische, alternative Projekte nicht von der aktuellen rechtlichen Lage unterstützt. Ein weiteres Problem sind Scheinlösungen (prominent gerade zum Beispiel die E-Mobilität), die der Bevölkerungen angeboten werden. Diese befinden sich innerhalb der kapitalistischen Logik und folgen der Idee der Profitmaximierung und des Wachstumszwangs. Im Endeffekt wird dadurch sehr wenig verändert.
Jutta Bichl: Gibt es von eurer Seite noch etwas, was ihr unseren Leser*innen mitgeben wollt?
I.L.A. Kollektiv: Steckt den Kopf nicht in den Sand, engagiert euch und denkt positiv! Fragt euch „Was ist mir wichtig?“, schaut wo ihr euch vernetzen könnt, macht euch und eure Anliegen sichtbar und entwickelt Solidarität. Bei all dem ist es auch essentiell aufzupassen, dass man nicht ausbrennt und bewusst mit seinem Aktivismus umgeht. Und zu guter Letzt noch ein Veranstaltungshinweis: Am 21. Mai veranstalten wir um18:30 Uhr an der Wirtschaftsuniversität Wien eine Buchpräsentation, zu der wir alle Menschen herzlich einladen. Außerdem läuft gerade in Österreich eine weitere Schreibwerkstatt zur imperialen Lebensweise mit dem Fokus Arbeit.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
„Das Gute Leben für Alle. Wege in eine solidarische Lebensweise“ im oekom Verlag
Buchpräsentation am Dienstag, 21. Mai 2019
Periskop Schreibwerkstatt
Fotos © Valentina Duelli