Wie kann Bildung als Katalysator für Ermächtigung dienen? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Pädagogik Paulo Freires und gewinnt angesichts der zunehmenden Erfahrungen von Machtlosigkeit in unserer Welt an Bedeutung. In einer Ära, die von verschiedenen Krisen geprägt ist und Individuen sowie Gesellschaften mit einem überwältigenden Gefühl der Erschöpfung konfrontiert hat, tritt die Notwendigkeit der Ermächtigung durch Bildung und Forschung heute deutlicher hervor denn je.
Zum Abschluss der Freireanischen Woche im November 2023 organisierte das Paulo Freire Zentrum das Symposium „Research and Education in the Spirit of Freire Today“. Die Veranstaltung richtete sich an Pädagog*innen, Aktivist*innen, Akademiker*innen und all jene, die von Paulo Freires Befreiungspädagogik fasziniert sind. Ziel war es, einen Austausch von Erfahrungen und Reflexionen über den Umgang mit Krisen mit Konzepten emanzipatorischer Pädagogik zu fördern.
Dialog als Leitlinie.
Das Symposium zielte in erster Linie darauf ab, die zeitgenössische Relevanz von Freires Denken in den Bereichen Bildung und Forschung zu erkunden. Gemeinsam sollte darüber nachgedacht werden, was Freire für die sich wandelnde Bildungslandschaft bedeutet und wie sein Erbe moderne Forschungsansätze gestalten kann.Die Veranstaltung gliederte sich in drei Abschnitte. Jeder Abschnitt begann mit einer „Questioning Note“, die von einer*m Gastvortragenden präsentiert wurde. Dabei wurde bewusst auf den üblichen Begriff „Keynote“ verzichtet, um die Suggestion zu vermeiden, dass einzelne Fachleute den Schlüssel zur Lösung sämtlicher Probleme besäßen. Denn für Freire ist Forschen und das Suchen nach Antworten ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, das nicht nur einer akademischen Elite offenstehen sollte. Nach Jeder „Questioning Note“ folgte eine Runde im „World Café“-Format, das eine einladende Atmosphäre für Diskussionen in kleinen Gruppen schuf und einen bereichernden Dialog entfachte.
Anhand der Versuche zur Bewältigung der weit verbreiteten Krisenmüdigkeit untersuchte das Symposium das transformative Potenzial von Bildung. Dabei entstand eine Schlüsselfrage: Bringt die Auseinandersetzung mit Freire eine andere Perspektive auf Krisen? Diese Frage lädt die Teilnehmer*innen zum Nachdenken ein, wie Freires Prinzipien neue Energie in die Diskussion über den Umgang mit Krisen im Kontext von Bildung und Forschung einbringen könnten, um Perspektiven, die auf den Erhalt des Status quo abzielen, herauszufordern. Zusätzlich strebte das Symposium danach, die Auswirkungen von Freires Pädagogik in Krisenzeiten zu beleuchten. Zwei zentrale Fragen erheben sich dabei: Inwiefern bewährt sich Freires Ansatz im Kontext pädagogischer Praxis während einer Krise? Und wie lassen sich die Gedanken Freires wirkungsvoll in wissenschaftliche Bestrebungen integrieren?
Esperançar (Hoffen).
Der Bildungsphilosoph Walter Kohan führte einen tiefgreifenden Dialog mit zentralen Konzepten aus dem Werk Paulo Freires. Dabei konzentrierte er sich auf die philosophischen Grundlagen der politischen Bedeutung von Bildung inmitten aktueller Krisen. Diesen zentralen Konzepten näherte er sich über eine kindliche Pädagogik des Fragens an. In seiner Betrachtung reflektierte Kohan über Freires Buch „Literacy: Reading the Word & the World“ (dt.: Alphabetisierung: Das Wort und die Welt lesen lernen. Keine deutschsprachige Ausgabe vorhanden). Darauf aufbauend sprach er von den Grundlagen eines emanzipatorischen, befreienden und demokratischen Bildungsansatzes, der in den Elementen Gleichheit, Liebe, Hoffnung, Träume und Kindheit verkörpert sei. Diese Prinzipien prägen gemeinsam die Form, den Ort, die Zeit, den Rhythmus und die Einstellung zur Bildung.
Kohan stellte Bildung als Streben nach Gleichheit dar, wobei der Fokus nicht auf einer Annahme von Gleichheit in der Bildung, sondern auf Gleichheit als Ziel liegt, das Bedingungen für universelles Lernen schafft. Liebe wird nicht nur als individuelles Gefühl, sondern als kollektive Verpflichtung dargestellt, die Stärke in Gemeinschaft bietet und einen holistischen Blick auf die Welt fördert. Die besondere Aufmerksamkeit, die Freire dabei dem Verb „esperançar“ (ein Neologismus des Nomens Hoffnung oder Esperança) widmet, hebt Hoffnung als aktives Verb hervor, das durch Bildungspraxis geschaffen wird. Hoffnung muss für Freire damit mehr sein als ein passiver Glaube. Darüber hinaus führt Kohan das Konzept einer Pädagogik der unmöglichen Träume ein, das seinen von der Kindheitsphilosophie inspirierten Zugang widerspiegelt, und gleichzeitig Freires Engagement für den Kampf für sowohl mögliche als auch unmögliche Träume unterstreicht. Die Kindheit wird dabei als integraler Bestandteil von Leben und Bildung positioniert, wobei konventionelle Vorstellungen herausgefordert werden, indem Freire, wie Kohan erinnert, ein „permanentes Kind“ darstellt. Letztendlich betont Walter, dass Schule, Kindheit und auch Bildung tiefgreifende politische Erfahrungen sind.
Autonomie und Inklusivität.
Ceane Andrade Simões’s Erkundung einer diasporischen Schulerfahrung im Amazonas beleuchtete die praktische Anwendung von Freires Ideen. Sie stellte den Kontext des Amazonas vor, wobei der Fokus auf der Escola Prof. Waldir Garcia lag, die sich im Bereich einer Igarapé in einem marginalisierten Viertel von Manaus befindet. Igarapé sind flache Bäche, die in großer Zahl im Amazonasbecken vorkommen. In städtischen Gebieten leiden sie oft unter der Ansammlung von Müll und ungeklärten Abwässern. Die Grundschule bietet als Ganztagsschule einen vielfältigen Lehrplan an und wird meist von Schülern aus der Gemeinde besucht. Ceane Andrade Simões beschreibt die Escola Prof. Waldir Garcia als diasporische Schule, da die Schulgemeinschaft hauptsächlich aus Migrant*innen, beispielsweise aus Haiti oder Venezuela, besteht. Das Schulleben ist gekennzeichnet durch Praktiken, die darauf abzielen, öffentliche Bildungspolitiken und schulische Vorgehensweisen zu transformieren und den Bedürfnissen der Schulgemeinde anzupassen.
Trotz zahlreicher Schwierigkeiten wie Gentrifizierung oderräumlicher Segregation der Gemeinde am Fluss bildet die Schule ein Kollektiv von Familien, die sich für integrative und demokratische Bildung einsetzen. Die Schulgemeinschaft sensibilisiert für die Themen, mit denen sich die Gemeinde beschäftigt, und Schule werde in dieser Art und Weise zu einem Ort von Erinnerungen und Erfahrungen, zu einem Ort des Dialogs. Solidarität, Aufnahme, Zusammenarbeit, Autonomie und Empathie sind Konzepte, die von der Schule gelebt werden. Freire hilft dabei, die emanzipatorische Schulpraxis in dem gegebenen gesellschaftlichen Kontext zu verstehen.
In ihrem Beitrag erweiterte Viktoria Vanek den Diskurs auf das Thema Klimabildung und warf dabei eine zentrale Frage auf: „Ist Klimabildung eine Form der kritischen Bildung?“ Die Antwort: „Es kommt darauf an“. In ihrer empirischen Arbeit analysierte Vanek das Projekt „makingAchange“, das eine Kooperation von Wissenschaft und Schulen der Sekundarstufe ins Leben rief, um Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Handeln junger Menschen zu verankern. Anhand von Beobachtungen in beteiligten Schulen überprüfte sie, inwieweit das Projekt mit einer unter anderem von Freire inspirierten Konzeption kritischer Bildung kompatibel ist. Es zeigte sich, so die Studienautorin, dass die Schüler*innen zwar ihr naturwissenschaftliches Hintergrundwissen vertiefen konnten und persönliche Betroffenheit angesichts der Folgen der Klimakrise zeigten, internationale und historische Dimensionen der Klimagerechtigkeit allerdings im Projekt zu kurz kamen. Zudem wurden die Jugendlichen in den Forschungsprozess, selbst wenig einbezogen, sodass ihre eigene Perspektive auf für sie besonders relevante Themen wie die Repräsentation der Klimakrise auf Social Media oder das Phänomen der Klimakleber*innen unterrepräsentiert war, gab Vanek zu bedenken. Freires Forderung nach einer Bildung, die zum Verständnis und zur Veränderung der Welt ermächtigt, ist also auch nicht in jenen Projekten automatisch erfüllt, die eine explizit kritische Zielsetzung verfolgen. Vielmehr zeigten die Ausführung Vaneks, dass das Spannungsfeld Bildung und Selbstbestimmung ein sehr komplexes ist, und die Auseinandersetzung damit eine intensive Beschäftigung mit den Betroffenen erfordert.
Die Vorstellung von Freires Prinzipien, wie sie von Forscher*innen wie Walter Kohan, Ceane Andrade Simões und Victoria Vanek hervorgehoben wurden, betonte die Werte der Gleichheit, der Liebe, der Hoffnung und der inklusiven Bildung als wesentliche Komponenten im andauernden Kampf um politische und pädagogische Autonomie. Sie lieferten damit die Grundlage für spannende Debatten in den Kleingruppen des Weltcafé-Formates sowie im Plenum. So konnte das Symposium nicht nur Freires Erbe würdigen, sondern auch als Aufruf zum Handeln dienen, um seine Prinzipien in zeitgenössische Bildung und Forschung zu integrieren und letztlich für einen ganzheitlichen und ermächtigenden Bildungsansatz in Zeiten der Krise einzutreten.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at .
Das Titelbild zeigt eines der Plakate, das von den Kleingruppen im Rahmen des Weltcafé-Formats des Symposiums erarbeitet wurde.