Das Ende des Kapitalismus denken.

Warum wird trotz multipler Krise der Neoliberalismus nicht in Frage gestellt? Wie könnte das Leben in einer antikapitalistischen Gesellschaft aussehen? Dieser Frage versucht das Buch „Sozial-ökologische Transformationen. Das Ende des Kapitalismus denken“ auf den Grund zu gehen.

Im Rahmen einer internationalen Vortragsreihe des Institutes für Politikwissenschaft, der IPW Lectures, stellte Herausgeber Aaron Tauss am 24. Oktober 2017 sein Buch „Sozial-ökologische Transformationen. Das Ende des Kapitalismus denken“ im Neuen Institutsgebäude der Uni Wien vor. Alina Brand vom Institut für Politikwissenschaft moderierte die Präsentation, bei der Martin Birkner vom Mosaik-Blog und Ulrich Brand, ebenfalls vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, als Diskutanten mitwirkten.

Den Kapitalismus für das gute Leben für alle überwinden.

In insgesamt acht Buch-Beiträgen setzen sich die AutorInnen mit Themen im Bereich der sozial-ökologischen Transformation auseinander. Obwohl sich spätestens seit der Finanzkrise von 2007/2008 immer mehr Krisendynamiken zeigen, kam es bisher zu keiner Krise des Kapitalismus im Generellen beziehungsweise des Neoliberalismus im Speziellen. Was mitunter dazu beitrage, sei -so der Narrativ des Buches – das Fehlen von alternativen Projekten, von der Vorstellung einer postkapitalistischen Gesellschaft. Um diese zu erreichen, müssen nicht nur bestehende Produktions-, Distributions- und Erwerbsweisen überwunden, sondern auch asymmetrischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse sowie strukturell bedingter Wachstumszwang in Frage gestellt werden. Als Möglichkeiten dies zu erreichen, rücken radikale Demokratisierung, Umverteilung, soziale Mobilisierung und eine Neuausrichtung des Wirtschaftsmodells hin zu Commons-based Peer Production (dt.: gemeinschaftliche Produktion durch Gleichberechtigte) und Gemeinschaftsgüter in den Mittelpunkt. Nur so könne man ein gutes, solidarisches und gerechtes Leben für alle schaffen und hegemonialen Bestrebungen entgegensetzen, so Tauss.

Das „ökologisch“ in sozial-ökologische Transformation.

Lange Zeit sei Ökologie innerhalb der ArbeiterInnenbewegungen eher unwichtig gewesen, so Martin Birkner. In den letzten Jahren nehme sie aber eine immer wichtigere Rolle ein, da sich mehr und mehr naturwissenschaftliche Aspekte in der Verheerung des Kapitalismus abzeichnen. Das Zusammenspiel von sozialer, ökonomischer und ökologischer Krise werde immer offensichtlicher. Kapitalismus sei angewiesen auf natürliche Ressourcen, jedoch erschöpfe sich die Regenerationsfähigkeit natürlicher Stoffe nach und nach. Ein „green new deal“ (dt. grüner neuer Deal) würde als Antwort auf die Problematik an der Frage vorbeizielen, da dieser darauf baue, die Lebenserwartungen der kapitalistischen Produktionsweise und des imperialen Lebensstils zu verlängern. Man fokussiere sich nach wie vor auf Wachstum, das unweigerlich mit Kapitalismus verknüpft sei. So würden auch Regierungen letztendlich durch das Paradigma des uneingeschränkten Wachstums eingeschränkt, meinte Birkner und nannte als Beispiel den Bau der Piste 3 am Flughafen Wien-Schwechat. Ulrich Brand machte im Bezug auf den Begriff „Wachstum“ noch darauf aufmerksam, dass dieser in der Semantik im europäischen Kontext als „Zunahme von Verbrauch von Geld beziehungsweise Materialien“ gesehen wird. In Latein Amerika hingegen impliziert der Begriff viel klarer den Herrschaftscharakter. Dieser fehle in der degrowth-Debatte (dt.: Wachstumsrücknahme-Debatte), so Brand.

Erosion repräsentativer Demokratie.

Auch kam die Frage auf, wo denn hinsichtlich der multiplen Krise politische Gegensteuerung passieren könne. Diesbezüglich erkenne man im Wirken von Parteien und Gewerkschaften schrumpfende Möglichkeiten, steuernd einzugreifen und wirksam zu werden, so Birkner. Als denkbare Antwort sehe er soziale (Massen)-Bewegungen. Diese könnten AkteurInnen in der politischen Sphäre einsetzen, um Reformen umzusetzen. Ein anderer Ansatz wäre der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Kräftespiel. Gewissen Formen der Gesellschaftlichkeit könnten hinter sich gelassen und alternative nicht-kapitalistische Formen von Leben und Wirtschaften ins Leben gerufen werden. Dazu müssten jedoch bestehende institutionalisierte Strukturen zerstört und gewisse Ströme des Kapitals unterbrochen werden, betonte Birkner.

Sozial-ökologische Transformation als elitäres Thema?

In der abschließenden offenen Diskussion mit dem Publikum nahm man Bezug auf die vergangenen Nationalratswahlen in Österreich und dem damit verbundenen Ausscheiden der Grünen aus dem Nationalrat. Generell haben sozial-ökologische Fragen wenig bis keine Präsenz in der Parteipolitik. Einerseits werden Parteien, die sich mit diesen oder verwandten Themen befassen, häufig als Bedrohung wahrgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie über individuelle Gewohnheiten und Alltagspraxen bestimmen wollen. Zudem verursache diese Thematik bei vielen das Gefühl eines elitären Diskurses und das Bild von ExpertInnentum. Grund dafür könnte sein, dass das Wissen um sozial-ökologische Fragen oft mit Bildung und damit auch mit sozialer Klassenzugehörigkeit in Verbindung gebracht werde, so Birkner.

Globalisierung in der Kritik.

Wie fast immer, wenn sozial-ökologische Transformationen besprochen werden, kam auch diesmal wieder Globalisierung zur Sprache. Durch das Auslagern von Produktionsstätten in Billiglohnländer und Erschöpfen von Ressourcen anderswo kommt sie immer wieder in die Kritik. Jedoch sei globaler Aktivismus, so Brand, nach wie vor legitim, denn um globale Probleme gemeinsam zu lösen, gebe es keine andere Wahl.

 

Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

 

Weiterführende Links:

Tauss_Sozial_oekologische_Transformationen.pngLink zum Buch: https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/sozial-oekologische-transformationen/

 

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