Kiribati ist ein Inselstaat im Pazifik mit rund einer Million Einwohner*innen. Das Staatsgebiet umfasst viele kleine Inseln nördlich wie auch südlich des Äquators. Kiribati ist auch eines der Länder, das die Konsequenzen des Klimawandels bereits jetzt deutlich zu spüren bekommt.
Der Dokumentationsfilm „Anote’s Ark“ (dt.: Anote’s Arche) zeigt, wie sich die Klimakrise auf die Lebensrealität der Einwohner*innen von Kiribati auswirkt. Bereits der Titel weist auf die Handlung der Dokumentation hin. Anote ist der ehemalige kiribatische Präsident, der eine Rettung für sein im Meer versinkendes Volk sucht, eine Arche. Anote’s Ark wurde 2018 veröffentlicht, hatte seine Premiere am 2018 Sundance Film Festival und stammt vom schweizer Regisseur Matthieu Rytz. Anlässlich des UN Climate Action Summit 2019 (dt.: UN Klimagipfel 2019), der am 23. September 2019 in New York stattfindet, lud das United Nations Information Service (UNIS) Vienna in Kooperation mit der Ständigen Mission der Schweiz bei den Vereinten Nationen, this human world film festival und dem Topkino zu einer Filmvorstellung von Anote’s Ark mit anschließender Podiumsdiskussion ein. Am Podium diskutierten Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und der Politik. Diese sprachen unter Moderation von Martin Nesirky (Direktor, UNIS Vienna) einerseits über den Film, andererseits über den Kampf gegen die Klimakrise generell und die Rolle, die Österreich hierbei einnimmt. Im Anschluss stellte das Publikum den Diskutant*innen Fragen.
Klimakrise und Migration.
Die Symptome der Klimakrise sind vielfältig. Für die Menschen in Kiribati sind vor allem das Steigen der Meeresspiegels sowie Zyklone und Taifune eine existenzielle Bedrohung. Immer wieder werden die Inseln überschwemmt, verwüstet und die dort ansässigen Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage. Berechnungen gehen davon aus, dass der Inselstaat in den nächsten Jahrzehnten überschwemmt und dadurch nicht mehr bewohnbar sein wird. Doch was passiert mit den Bewohner*innen, deren gesamtes Leben sich auf eben diesen Inseln abspielt? Anote’s Ark folgt diesem Zusammenspiel aus Klimakrise und (erzwungener) Migration.
Eine Frage des Überlebens.
Mit Sermary Tiare steht eine Frau im Mittelpunkt des Films. Ihr Leben verbildlicht die Bedrohung Klimawandel. Sermary Tiare ist Mutter von sechs Kindern. Nachdem ihr Zuhause wiederholt von Taifunen zerstört worden ist, sucht sie einen Ausweg. Durch ein neuseeländisches Programm, das I-Kiribati aufnehmen soll um ihnen Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel zu bieten, gelingt es ihr, alleine nach Auckland auszuwandern und eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Dort ist sie zwar von Naturkatastrophen geschützter als auf Kiribati, muss jedoch einer schlecht bezahlten und körperlich anstrengenden Arbeit als Erntehelferin nachgehen, um genug Geld zu sparen, um ihre restliche Familie ebenfalls in Sicherheit zu bringen.
Anote’s Ark erzählt neben Sermary Tiare’s Schicksal noch eine zweite Geschichte: die des ehemaligen Präsidenten von Kiribati, Anote Tong. Dieser hatte das Präsidentenamt von 2003 bis 2016 inne und stand an vorderster Front, um weltweit auf die Risiken des Klimawandels aufmerksam zu machen. Die Dokumentation zeigt seine Bemühungen in der internationalen Politik, um das kiribatische Volk und dessen Kultur zu schützen. Sehr treffend meint er im Film: „Ich möchte betonen, dass Klimawandel kein politisches Thema ist. Es ist kein vollkommen ökonomisches Thema. Es ist ein Thema des Überlebens. Vielleicht heute für Länder wie meines. Aber in der Zukunft für den Planeten als Ganzes.“ (Originalzitat in Englisch, Übersetzung der Autorin). Und auch wenn in Anote’s Ark zu sehen ist, dass Anote Tong immer wieder auf Schwierigkeiten stößt, so ist es ihm doch gelungen, die Zukunft Kiribatis zu einem Thema der Öffentlichkeit zu machen. Neben dem Kampf um Aufmerksamkeit und Bewusstsein hat er auch Land auf Fiji erworben, wohin die Bewohner*innen von Kiribati ziehen können, wenn ein Leben auf Kiribat nicht mehr möglich wird. Der aktuelle, 2017 gewählte, Präsident Taneti Maamau verfolgt jedoch einen etwas anderen Ansatz. Sein Fokus liegt darauf, die Lebensqualität in Kiribati zu erhöhen und mehr Geld durch internationale Hilfe, wachsendes Tourismus- sowie Fischereigewerbe und Kokosnusshandel zu generieren, um die Kosten, die durch die Klimakrise entstehen, zu decken.
Die Verbildlichung einer Katastrophe.
Regisseur Matthieu Rytz erzählt in Anote’s Ark die Geschichte Kiribatis nicht selbst, sondern lässt den Protagonist*innen Raum zu sprechen. Der Film zeigt keine klassischen Interviews vor der Kamera und stellt keine konkreten Fragen, auf die geantwortet werden muss. Das Erzählte ist fesselnd und oftmals erschütternd. So auch die Bilder. Sie zeigen, wie ein scheinbares Paradies von weißen Stränden und türkisem Wasser unter Naturkatastrophen kollabiert. Hinzu kommen private Videoaufnahmen von Einwohner*innen. Sie zeigen, wie die Klimakrise Existenzen zerstört. Das Zusammenspiel aus individuellen, persönlichen Erzählungen und eindrucksvollen Bildern macht die komplexe Thematik des Films für die Zuseher*innen greifbar und verständlich. Vor allem durch Sermary Tiare bekommt die abstrakte Idee der Klimakrise eine konkrete Gestalt. So spricht der Dokumentationsfilm auch die emotionale Ebene der Zuseher*innen an. Jedoch bleiben Informationslücken, vor allem im Erzählstrang rund um den ehemaligen kiribatischen Präsidenten Anote Tong. Dieser wird von Matthieu Rytz hauptsächlich zu öffentlichen Auftritten und Presseveranstaltungen begleitet, was einen als Zuseher*in manchmal den „Blick hinter die Kulissen“ vermissen lässt.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Zur Website des Films: https://www.anotesark.com/
Foto: © Anote’s Ark