Bilder, die vom Lehren und Lernen erzählen.
“Wer weiß wirklich über Lehren und Lernen? Wie sieht Pädagogik aus? Wie fühlt sich Pädagogik an?” wird am Ende von Kim Seniors und Bianca Hills “Teaching to Learn. A Graphic Novel” (dt.: Lehren um zu lernen. Ein illustrierter Roman) gefragt. Wie der Titel bereits verrät, ist das Buch im Format einer Graphic Novel gestaltet und nimmt die Leser*innen mit in die Welt eines Projekts, das Kim Senior mit ihrer Kollegin Mary Dixon an einer Schule in Australien angeleitet hat. Lehramtsstudierende und Schüler*innen arbeiteten ein Jahr gemeinsam Seite an Seite, voneinander und miteinander lernend, um der Frage nachzugehen, was gutes Unterrichten ausmacht. Das Buch ist als Teil der Serie „Constructing Knowledge: Curriculum Studies in Action“ (dt.: Wissen konstruieren: Curriculum Studies in Action) bei Sense Publishers erschienen.
Im Sinne Freires problemformulierender Bildung und einer dialogischen Pädagogik zielte das Projekt darauf ab, einen Rahmen zu schaffen, in dem unterschiedliche Akteur*innen gemeinsam lernen und Erfahrungen machen. Wobei sich im Erzählverlauf relativ bald Fragen, Widersprüche und Brüche auftun, die diese Idee einer „common experience“ (dt.: gemeinsame Erfahrung) notwendigerweise hinterfragen.
Auf der Suche nach Antworten.
Das visuelle Material der Graphic Novel speist sich aus Artefakten aus dem Projekt: Fotografien, die für das Buch von Bianca Hill digital bearbeitet wurden, Zeichnungen, Auszüge aus Tagebüchern, E-Mails und Briefe. Senior (re-) kontextualisiert diese in einer Nachzeichnung des Prozesses aus ihrer Perspektive und ergänzt sie im bewährten Comic-Stil mit Äußerungen und Kommentaren, mit den Stimmen der Akteur*innen. Auf knapp hundert Seiten entstehen so Situationen und Momente, die für die Leser*innen erlebbar werden – unabhängig davon, ob man Klassenzimmer und ihre Dynamiken oder partizipative (Forschungs-) Projekte kennt, oder nicht.
Die Szenen sind dabei weniger durch ein durchgehendes Narrativ verbunden, vielmehr sind die einzelnen Geschichten verbunden durch die zu Grunde liegende Frage nach Pädagogik und der immerwährenden Suche nach Antworten. Diese Anordnung lässt somit viel Raum für eigene Assoziationen und Verknüpfungen beim Lesen, verlangt aber auch einen genauen und aufmerksamen Blick auf das Geschehen, als Ausdruck „einer wahren Liebe der Menschheit in den kleinsten Momenten alltäglicher Erfahrung“. Hier macht das Format der Graphic Novel mit der visuellen Darstellungsweise eine neue Ebene auf und lässt Bilder für sich sprechen. Ein Zugang, der innerhalb der wissenschaftlichen Literatur und der Dominanz linearer Textproduktion gänzlich neue Wege geht und durchaus als bahnbrechend gelten kann.
Die Bedeutung von sozialem Miteinander.
„Teaching to Learn“ illustriert Momente des sozialen Miteinanders, einige davon auf den ersten Blick unscheinbar und belanglos, zum Beispiel ein Gespräch über das neue Handy eines Schülers oder Fußball. Tatsächlich wird im Erzählverlauf die zentrale Bedeutung und Qualität von Beziehungen in jedem pädagogischen Handlungsfeld deutlich, wie auch die beidseitige Bedürftigkeit in den Beziehungen zwischen den Akteur*innen. Zum Beispiel, wenn ein Studierender über eine Situation mit einem Schüler schreibt: „Ich wollte nur, dass er mit mir lacht.“ Das „Menscheln“ ist beim Lesen spürbar!
Die Graphic Novel erzählt unter anderem auch vom Scheitern, von Gefühlswelten, gemeinsamen Interessen, vom Lernen aus Erfahrungen, Rollenvorstellungen, der stetigen Auseinandersetzung mit dem Eigenen oder der Flüchtigkeit von Beziehungen.
Leerstellen und Fragmentiertheit.
Die lose Darstellungsweise und der fehlende explizite Erzählfaden führen dazu, dass „Teaching to Learn“ an vielen Stellen vielmehr den Charakter einer Collage aufweist. Beim Lesen tauchen viele Fragezeichen auf, einige davon sind als durchaus produktive Impulse zu sehen und scheinen ein bewusst gewähltes Stilmittel der Autorinnen zu sein, als Ausdruck „[…] warum ich das Lehren so liebe … Weil ich nicht immer verstehe, was ich sehe.” Das Unklare, Unbegreifliche und Ambivalente ist immer Teil pädagogischer Erfahrungen und versagt uns abschließende und totale Folgerungen oder Entwicklungen. Zudem ist die Fragmentiertheit der Darstellung zu einem gewissen Grad auch dem Gegenstand selbst geschuldet. Ein Projekt mit so vielen Akteur*innen, Handlungen und (Neben-) Schauplätzen ist ein notwendigerweise zerstreutes Feld und lässt sich nicht als einheitlicher Prozess begreifen.
Nichtsdestotrotz fehlen an einigen Stellen die Verbindungen, an anderen fehlt „das Fleisch am Knochen“ und mehr Substanz und Detail in der Darstellung würden das Werk aufwerten. Die zentrale Stärke von „Teaching to Learn“ ist sein neuartiges und lebendiges Format: eine Graphic Novel als wissenschaftlicher Diskursbeitrag. Schnell ertappt man sich beim Lesen bei der Frage, wie andere wissenschaftliche Publikationen als Graphic Novel aussehen könnten? Ein neues und interessantes Feld tut sich da auf, das auch von anderen erkundet werden möchte. Zusammenfassend ist eines klar: Bitte mehr davon!
Die Autorin arbeitet als Lehrerin an einer Wiener Mittelschule und beschäftigt sich mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, Intersektionalität und Bildungsphilosophie. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
„Teaching to learn. A graphic novel.“ im Springer Verlag
Bilder © Sense Publishers aus „Teaching to learn. A graphic novel.“