Begreift man Erkenntnis wie Paulo Freire als einen sozialen Prozess, so erweist sich deren Vermittlung im Umfeld wissenschaftlicher Diskussionsveranstaltungen wie Tagungen als Herausforderung, zumindest wenn man den Erkenntnisakt nicht auf eine simple Wiedergabe der Realität begrenzen will. Die erste Fachtagung Migrationspädagogik verfolgte den emanzipatorischen Anspruch, Bildung aus einer machtkritischen Perspektive zu analysieren und damit Schritte zu setzen, um die Wirklichkeit zu verändern. In diesem Sinne können partizipative Formate wie der Workshop Basisbildung und die Krisen. Oder: Wie gelangen wir zur poetischen Haltung? von Rúbia Salgado neue Möglichkeiten eröffnen, um in der Tradition freireanischer Pädagogik die Lust am kollektiven Nachdenken über befreiende Bildung zu fördern.
Denn ähnlich wie Paulo Freire, der sich auch als Lehrender an Universitäten weigerte, abgeschlossene Konzepte zu präsentieren und im Rahmen seiner Lehrveranstaltungen lieber über Ideen ins Gespräch kam, eröffnete auch Rúbia Salgado ihren Workshop damit, unterschiedliche Überlegungen zur Diskussion zu bringen. Ausgangspunkt war die Titelgebung ihres Tagungsbeitrages, denn neben dem bereits erwähnten Titel, der schließlich im Programm aufschien, wäre ihr auch Von Kuba zu Kuba oder Von Befreiung zu Befreiung und wieder zurück, aber anders passend erschienen, hielt sie fest. Die im Kreis sitzenden Workshopteilnehmenden teilten ihre Assoziationen zu diesen Vorschlägen, wodurch unterschiedliche Konzeptionen von Befreiung zur Sprache kamen und die historischen Veränderungen in der Begrifflichkeit greifbar wurden. Mit der Frage „Wer kann heute davon sprechen, jemanden befreien zu wollen?“ erschloss Salgado eine weitere Dimension: jene der Reflexivität, um die sich ihre Organisation maiz beziehungsweise deren aufgrund der angespannten Budgetlage ausgegliederter Bildungsbereich das kollektiv in ihrer Arbeit stets bemühen. Denn Reflexivität eröffnet einen Zugang zur Theorie, der wiederum eine Intervention in die Wissensproduktion möglich macht. Salgado machte spürbar, wie sehr sie als Basisbildnerin die Anknüpfung zur Theorie schätzt, um den Kreis von Aktion und Reflexion zu schließen. Aktuell wird bei maiz/das kollektiv am Konzept der poetischen Haltung gearbeitet, für deren Entwicklung die Befreiung des Unbewussten aus kapitalistisch-kolonialen Verhältnissen notwendig ist.
Lebenstrieb und Kaptalakkumulation.
Die brasilianische Psychoanalytikerin Suely Rolnik analysiert in ihrem von Salgado übersetzten Werk Sphären des Aufstands. Anmerkungen zur Dekolonisierung des Unbewussten, wie sich das Regime des globalen Kapitalismus das Leben selbst aneignet. Denn der Lebenstrieb wird darin von der Schöpfung und der Kooperation getrennt und auf die zerstörerische Praxis der Kapitalakkumulation umgelenkt. Dieser Prozess findet laut Rolnik unbewusst statt, weshalb zur Überwindung dieses Regimes die Dekolinisierung des Unbewussten eine vordringliche Aufgabe darstellt. Es brauche die Wiederaneignung des Lebenstriebs, also die Einsicht, Begehren nicht als Mangel, sondern als Kraft zu verstehen. Begehren kann als nicht-neutrale Antwort darauf betrachtet werden, was das Leben verlangt.
Auch Freire wandte sich 1995 in einem seiner letzten Bücher, À Sombra Desta Mangueira (Dt. Im Schatten des Mangobaums), diesem Konzept zu, da ihm klar war, dass die Wahrnehmung von Widersprüchen nicht ausreicht, um das Bewusstsein zu verändern. Eingetaucht in ihren Alltag erkennen unterdrückte Menschen zwar ihre Situation, nicht aber deren Ursachen. Dafür braucht es den theoretischen Kontext. Salgado sprach vom Recht auf Abstraktion, da es eine Form epistemischer Gewalt darstelle, Menschen vom Zugang zu abstraktem Denken auszuschließen. Um dieser Gewalt entgegenzuwirken, schlägt sie die Entwicklung der poetischen Haltung vor.
Das Recht auf Poesie.
Neben dem Recht auf Abstraktion, um die koloniale Vereinnahmung zu verhindern, forderte Salgado auch ein Recht auf Poesie, um mit den Worten von Audre Lorde dem Namenlosen einen Namen zu geben, damit es gedacht werden kann. Dafür müsse man nicht einmal unbedingt mit Gedichten arbeiten, zentrale Einblicke würden sich oft auch schon ergeben, wenn man die Etymologie von Wörtern betrachtet, und sie, wie Salgado es ausdrückte, zerlegt und zerkaut. Das Hinterfragen von Bedeutungen, das Einweben unsichtbarer Fäden in einen vorgegebenen Text drückt sich als Haltung aus, die maiz/das kollektiv in der Erwachsenenbildung vermitteln. Für die Entwicklung dieser Haltung wird die poetische Vorstellungskraft geübt, um das Begehren nach Veränderung zu wecken. In diesem fortwährenden Prozess versuchen die beiden Organisationen im Rahmen ihrer Bildungs- und Kulturarbeit Räume zu schaffen, in denen Subjektivitäten gefördert werden können, die die lebendige Gegenwart des Anderen spüren und das Leben solidarisch bejahen. Salgado zeigte etwa Fotos, die Teilnehmerinnen des Bildungsangebots von ihrer Stadt angefertigt hatten und auf die spielerisch Begriffsassoziationen geschrieben wurden. maiz/das kollektiv orientieren sich dabei an Freire, für den Sprache die Welt schafft und die Menschen darum die Welt verändern können, wenn sie die Sprache verändern. Wie das Leben ist die Sprache in ständiger Transformation und ihre Konservierung ohnehin nicht möglich.
Für Räume der Reflexivität in Bildungsprozessen.
Die Einsicht, dass Wissen gewaltvoll und rassistisch sein kann, unterstreicht die Bedeutung der Arbeit an der poetischen Haltung. Durch das Erschließen etymologischer und historischer Kontexte können Menschen das Gelernte auf diskriminierende Anteile überprüfen und eine Veränderungspraxis in Gang setzen, die auch das Ziel der conscientização (Dt. in etwa „Bewusstseinsbildung“) Freires war. Dass dies viel Engagement erfordert, illustrierte Salgado mit einer Metapher aus ihrer Arbeit: Es gebe glühende Wörter, die weh tun, wenn wir sie kauen. Etwa den Begriff Anerkennung, der gerade im Kontext der kritischen Bildungsarbeit mit Migrantinnen von das kollektiv häufig auftaucht, weil diese Anerkennung den Menschen vorenthalten wird. Leichter ist es, sich der Kompetenzorientierung zu widmen und sich als Pädagog*in zur Handlanger*in der Profiteur*innen der gegenwärtigen Verhältnisse zu machen, stellte Salgado unumwunden fest. Gleichzeitig machte sie aber auch deutlich, dass sie selbst sich anders entschieden hat, und mit den Konsequenzen gut leben kann: „Ich habe verloren, aber ich bin froh, auf der Seite der Verlierer*innen dieser Gesellschaft zu stehen.“
Diese Entscheidung, ob man die Unterdrücker*innen oder die Unterdrückten unterstützt, forderte Freire von allen Lehrer*innen. Dass ihre Tätigkeit in diesem Spannungsfeld abläuft, wird aber selten explizit gemacht. Mit der Entwicklung der poetischen Haltung könnte das Bewusstsein für Ungleichheiten verstärkt werden, und eine Adaptation dieses Konzeptes aus der emanzipatorischen Basisbildung für den schulischen Kontext hätte großes Potenzial. Der Workshop ermöglichte es jedenfalls, einen spannenden Eindruck von den transformatorischen Bildungsansätzen einer Linzer Organisation zu erhalten, und die zahlreichen Verweise auf kritische Theoretiker*innen machten Lust aufs Weiterdenken. Der Wunsch, dies in kollektiver Form betreiben zu können, wurde im Rahmen der Veranstaltung zweifellos geweckt. Denn Wissen ist nichts Abgeschlossenes, ebenso wie die poetische Haltung ständig im Werden ist und von interessierten Menschen erfahren werden kann.
Eine Gelegenheit dazu wird es etwa beim Symposium des Paulo Freire Zentrums am 13. November 2026 geben, bei dem Rúbia Salgado zu Gast ist!
Der Autor ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
maiz – Autonomes Zentrum von und für Migrantinnen
das kollektiv – Ort der kritischen Bildungsarbeit
Das Titelbild zeigt eine Grafik, die von maiz anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Organisation 2024 erstellt wurde und einige der zentralen Dimensionen ihrer Arbeit zur Sprache bringt.