„Where we stand“ – Eine andere Welt ist möglich!

Am 11. Oktober 2017 war die indische Theaterbewegung Jana Sanskriti mit ihrem Stück „Where we stand“ zu Gast. In Zusammenarbeit mit dem Theater der Unterdrückten Wien (TDU) brachten sie ein Stück auf die Bühne, das politische Systeme in Frage stellt und gemeinsam mit dem Publikum nach neuen Lösungen sucht.“Wie kann sich die Bevölkerung gegen die Allmacht der Politik durchsetzen? Wie kann Politik von Menschen souverän gestaltet werden?“ Diese beiden großen Fragen standen am Beginn des etwas anderen Theaterabends mit Jana Sanskriti. Nur wenige Tage vor der Nationalratswahl in Österreich schien das Thema besonders präsent. Der Veranstaltungssaal im Brik5 war bis auf den letzten Platz gefüllt, die Vorstellung war ausverkauft.

Gleich bei der Begrüßung wies Joschka Köck, Theateraktivist beim TDU Wien, auf die Notwendigkeit der Einmischung der Zivilbevölkerung in politische Prozesse hin. Der Theaterabend mit Jana Sanskriti sei als Auftaktveranstaltung für weitere Projekte mit der indischen Theaterbewegung in der Zukunft gedacht, um politisches Theater in Österreich zu forcieren. „Das werden wir nach den Wahlen am Sonntag bitter nötig haben!“, schloss Joschka Köck, bevor er das Wort an Sanjoy Ganguly übergab.

Theaterbewegung aus Indien.

Sanjoy Ganguly hat 1985 Jana Sanskriti in einem kleinen Dorf in den Sunderbans des indischen Bundesstaat Westbengalen gegründet. Seither hat sich die Bewegung zur weltweit größten Gruppe des Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal entwickelt. Die einzelnen Teams, die über die Jahre in anderen Bundesstaten Indiens entstanden sind, erreichen mit ihren Darbietungen insgesamt ein Publikum von rund 2 000 000 ZuschauerInnen pro Jahr.

Das Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal stellt eine Methodenreihe dar, die mit partizipativer Theaterarbeit Selbsterfahrungen auf die Bühne bringt und somit politisches Probehandeln ermöglicht. Eine Methode daraus ist das sogenannte Forumtheater, bei dem die Schranken zwischen SchauspielerInnen auf der Bühne und ZuschauerInnen im Publikum aufgehoben werden um andere Bilder zu zeichnen und gemeinsam neue Lösungswege zu finden.

Forumtheater: Vom ZuschauerInnenplatz auf die Bühne.

“Stellt euch vor, wir sind alle auf der Bühne, nur die ersten 25 Minuten sind wir dran – dann alle zusammen!”, erklärte Sanjoy Gagnuly den Ablauf der Vorstellung. Insgesamt wurden vier unterschiedliche Szenen von den SchauspielerInnen von Jana Sanskriti gezeigt, zwei Szenen wurden dann im Anschluss noch einmal gespielt und „eingefroren“. Die zuvor aktiv gespielte Szene wurde nun zu einem statischen Bild, in dem sich die SchauspielerInnen nicht bewegten. Eine der eingefrorenen Szene zeigte, passend zum vergangenen Wahlkampf in Österreich, unterschiedliche PolitikerInnen, mit einem Schild der jeweiligen Partei, die sie repräsentierten. Mit irren Wahlversprechen gingen die einzelnen Parteien, die sich meist nur durch ein Wort im Parteinamen (Red Party, Orignial Red Party, Best Red Party) voneinander unterschieden, auf Stimmenfang. Die WählerInnenschaft war hin und her gerissen und verzweifelte schier an den unzähligen Versprechungen, unschlüssig wem sie ihre Stimmen geben sollten. An dieser Stelle wurde die Szene eingefroren und Sanjoy forderte das Publikum auf, aktiv in das Geschehen auf der Bühne einzugreifen.

„Könnt ihr euch ein System ohne Parteien vorstellen?”

Die Interventionen von einzelnen Gästen aus dem Publikum versuchten auf unterschiedliche Art und Weise, Klarheit in die ratlosen Gesichter der gespielten WählerInnen zu bringen. Die Wahlberichtigen sollten sich vorerst selbst ein Bild machen von den einzelnen Wahlprogrammen und untereinander unter Ausschluss der Parteien diskutieren, war ein Vorschlag. Die jeweiligen PolitikerInnen mit nicht eingehaltenen Wahlversprechen direkt zu konfrontieren, ein anderer. Wirkliche Lösungsansätze schienen für alle Beteiligten schwer zu finden, woraufhin Sanjoy Ganguly die Frage an den ganzen Saal richtete, wie denn ein politisches System ohne Parteien möglich sei? Die Beantwortung dieser Frage schien sehr komplex und wurde kontrovers diskutiert. Einerseits gab es Vorschläge zu BürgerInnenparlamenten nach dem Vorbild Belgiens oder die Organisation einer Gesellschaft durch Räte und kleinere Gruppen und Arbeitskreise. Die Macht sollte breiter verteilt werden um Korruption vorzubeugen. Doch wie lasse sich garantieren, dass sich nicht auch BürgerInnen mit Machtanspruch korrumpieren lassen?

Keine Problemlösung auf der Bühne.

Als noch viele Fragen offen waren aber das Ende der Veranstaltung näher kam, ergriff Sanjoy Ganguly noch einmal das Wort: „Now’s the time to quit the play, because there’s so much you still want to ask and discuss, so you will go home unsatisfied” (dt.: „Jetzt ist es Zeit, das Stück zu beenden, weil noch so viele Fragen offen sind und ihr unbefriedigt nach Hause gehen werdet“). Das sei es, was Jana Sansrkiti mit ihrer Arbeit erreichen möchte: Menschen dazu anzuregen, sich kritisch mit Inhalten auseinander zu setzen und durch Reflexion und das Ausprobieren unterschiedlicher Lösungen neue Wege zu gehen. „We are not doing problem-solving on stage“ (dt.: „Wir lösen keine Probleme auf der Bühne“), schließt Sanjoy Ganguly und verabschiedet sich vom allen Anwesenden mit dem Aufruf, nie aufzuhören kritische Fragen zu stellen und somit Schritt für Schritt Veränderungen in der Welt zu schaffen.

   

Valentina Duelli hat Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung studiert und ist Teil des Redaktionsteams des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 




  Weiterführende Links:

https://janasanskriti.org/

www.tdu-wien.at

 


 

Fotos: Valentina Duelli, © Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungspolitik, Themen.