Ein österreichisches Beispiel von legislativem Theater nach Augusto Boal.Wie das Theater der Unterdrückten, geht auch das Legislative Theater auf Augusto Boal zurück. Der Name ist Programm, diese Form des Theaters soll konkrete Auswirkungen auf die Legislative (Gesetzgebung) haben, indem StaatsbürgerInnen unmittelbar an Entscheidungsprozessen teilnehmen. Das Legislative Theater verbindet in mehreren Schritten Theaterpädagogik mit Gemeinwesenarbeit und Politik.
Jugendliche im Triestingtal
Im niederösterreichischen Triestingtal versuchten Jugendliche mittels Legislativem Theater auf ihre Probleme aufmerksam zu machen und ihre Situation dadurch zu verändern. Südlich von Wien gelegen, ist das Triestingtal zwar landschaftlich reizvoll, Jugendlichen scheint es jedoch nicht viel zu bieten zu haben. Sie sehen sich mit fehlenden Räumlichkeiten, schlecht ausgebauter Infrastruktur und Konflikten aufgrund unterschiedlicher kultureller Herkunft konfrontiert.
Im Jahr 2003 wandte sich deshalb die damals 16-jährige Selma (Name von der Redaktion geändert) an die Jugendberatungsstelle Elements in Berndorf. Elements und das SOG. Theater in Wiener Neustadt entwickelten das legislative Theaterprojekt "Was hindert uns am fliegen?". Das Projekt startete im März 2003 und dauerte ein Jahr lang.
Ein Projekt in sechs Phasen
Wie jedes legislative Theaterprojekt war auch "Was hindert uns am fliegen?" in mehrere Phasen unterteilt.
1. Phase:
Acht bis zehn Jugendliche bildeten eine Gruppe unterschiedlichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Herkunft. Diese Phase war problematisch, weil die Fluktuation in der Gruppe sehr hoch war. Nachdem eine fixe Gruppe entstanden war, begann eine erste Auseinandersetzung mit dem Legislativen Theater und der Situation Jugendlicher im Triestingtal (Workshops und kreative Methoden, wie Collagen-Basteln, Phantasiereisen oder Stadtbegehungen).
2. Phase:
In dieser Phase wurde eine so genannte Aktivierende Befragung durchgeführt. Es handelt sich dabei um eine in der Gemeinwesenarbeit entwickelte Methode, bei der BürgerInnen ermutigt werden, sich für ihre Interessen zu engagieren. Aktivierende Befragung ist ein kommunikatives Handeln und unterscheidet sich damit von anderen Umfrageformen, die ausschließlich der Datenerhebung dienen. Sie ist ein Beitrag zur Demokratieentwicklung von unten, weil sie sich vor allem an jene Gruppen richtet, die bei anderen Beteiligungsprozessen zu kurz kommen oder nicht beachtet werden. (Vgl. Projektdokumentation "Was hindert uns am Fliegen?", 2004: 10)
Eine erweiterte Gruppe von 30 Jugendlichen befragte mithilfe dieser Methode 200 Jugendliche aus der Region. Im Vorfeld wurden die InterviewerInnen von den MitarbeiterInnen der Jugendberatungsstelle Elements durch Rollenspiele auf mögliche Schwierigkeiten vorbereitet. Eine Videogruppe begann mit einer projektbegleitenden Arbeit.
Im Anschluss an die Befragung wurden die Daten ausgewertet und die Ergebnisse mit Erfahrungen der Jugendlichen der Kerngruppe ergänzt.
3. Phase:
Mit den Ergebnissen der Aktivierenden Befragung wurden gemeinsam mit dem SOG. THEATER fünf Forumtheaterszenen erarbeitet. Diese wurden in umliegenden Schulen aufgeführt. Die Kerngruppe zeigte in den Szenen verschiedene Problematiken der Jugendlichen, wie Familienkonflikte, Konflikte am Bahnhof zwischen "inländischen" und "ausländischen" Jugendlichen, mit dem Schaffner und der Polizei, Langeweile, Drogen und Gruppenzwang.
4. Phase:
Die Jugendlichen formulierten Anträge und Resolutionen für eine Jugendkonferenz.
5. Phase:
Diese Phase stellt den Höhepunkt des Theaterprojektes dar. 70 Jugendliche und ca. 20 Erwachsene aus Politik, Schule, Polizei und Bahn trafen zu einer Jugendkonferenz zusammen. Auf dieser Konferenz wurde über die von den Jugendlichen vorgebrachten Anträge diskutiert und abgestimmt, es gab Musik von der Schulband Handcrafted, die Jugendlichen zeigten den Film, der begleitend entstanden war, und spielten Forumtheater.
6. Phase:
Das Projekt wurde evaluiert und die Dokumentation Was hindert uns am Fliegen? Legislatives Theaterprojekt und Jugendkonferenz im April 2004 vom SOG. THEATER und der Jugendberatungsstelle Elements erstellt.
Ergebnisse und Konsequenzen
- Jugendliche wurden motiviert, ihre Interessen und Wünsche zu formulieren und zu diskutieren.
- Die Jugendkonferenz stieß auf rege Beteiligung, die Jugendlichen fühlten sich ernst genommen und äußerten den Wunsch, eine solche Konferenz zu wiederholen.
- Durch das Theaterspielen lernten die Jugendlichen spielerisch mit ihren Problemen umzugehen.
- Mädchen und Burschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichem Bildungsgrad haben zusammengearbeitet und waren in einem Projekt integriert.
- Die Gruppe hat über den Zeitraum eines Jahres trotz aller Höhen und Tiefen durchgehalten.
- Vorurteile nachhaltig abzubauen scheint nicht gelungen zu sein.
- Durch die Aktivierende Befragung wurden Erwartungen bei den Jugendlichen geweckt, jedoch nicht alle wurden bisher erfüllt. Das erzeugte bei einigen Jugendlichen ein Gefühl der Frustration.
- Ein Mädchen, das bei der Konferenz spontan einen Antrag an die Politik stellte, wurde danach selbst aktiv. Sie ergriff die Initiative, gründete einen Jugendverein und stellte eine Kulturveranstaltung auf die Beine.
- Die PolitikerInnen wurden für die Anliegen von Jugendlichen sensibilisiert. Eineinhalb Stunden schauten und hörten sie zu, was die Jugendlichen zu sagen hatten. Danach kamen sie zu Wort und diskutierten mit den Jugendlichen deren Anliegen.
- Der für Jugendliche zuständige Gemeinderat hält seither regelmäßig Sprechstunden in der Beratungsstelle ab.
- Der Kontakt zwischen der Jugendberatungsstelle und den lokalen politischen Parteien hat sich seither intensiviert.
- Eine Graffitty-Wand wurde aufgestellt.
- Es gibt neue Basketballkörbe.
- Am Fußballplatz gibt es längere Flutlichtzeiten.
- Die Züge fahren auch später am Abend.
Ein Preis
Trotz Schwierigkeiten bei der Konstituierung der Gruppe wurde das Projekt ein großer Erfolg. 2004 wurde "Was hindert uns am Fliegen?" vom Bundesministerium für Soziales, Sicherheit und Generationen im Rahmen von Europrize 2004 in der Kategorie "Regionale Projekte für Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren" mit dem ersten Preis gewürdigt.
Dokumentation
Jugendberatungsstelle Elements/SOG. THEATER (Hg.): Projektdokumentation "Was hindert uns am Fliegen?" Legislatives Theaterprojekt und Jugendkonferenz. Wr. Neustadt, 2004.
Die Dokumentation kann beim SOG. THEATER unter office@sog-theater.at bestellt werden.
"Was hindert uns am Fliegen?" wurde beim Workshop des Freire-Zentrums im September in Wiener Neustadt präsentiert und diskutiert.
Die Autorin studiert Pädagogik an der Universität Wien und ist Praktikantin des Freire-Zentrums.