Seit 2021 hat sich in München mit der „Tertulia Freireana“ ein interkultureller Lese- und Gesprächskreis etabliert, der sich der kritischen Pädagogik und politischen Bildung widmet. Alle zwei Wochen treffen sich im Eine-Welt-Haus Interessierte – unabhängig von Alter, Beruf, Geschlecht oder Religion –, um gemeinsam Texte zu lesen und zu diskutieren, die sich mit Pädagogik und gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzen. Es ist vor allem ein „Raum für die Reflexion im Lichte des interkulturellen, literarischen und philosophischen Dialogs“. Anhand philosophischer und literarischer Texte werden alltägliche Situationen hinterfragt und mit der eigenen Lebenserfahrung in Dialog gebracht. Die Bezeichnung der Tertulia verweist dabei auf den ungezwungenen, geselligen Charakter der Zusammenkünfte: Eine Tertulia bezeichnet in Spanien und Lateinamerika Treffen zum interkulturellen Austausch, einem Literaturcafé nicht unähnlich. Diese Praxis entspricht Freires Konzept des “Lesens der Welt” – einer Methode, die Textlektüre als Übungsfeld für gesellschaftliche Reflexion versteht.
Freireanische Reflexionen.
In einer medialen Landschaft, die von algorithmischen Echokammern, epistemischer Abschottung und strategischer Desinformation geprägt ist, wird Freires dialogische Pädagogik zum notwendigen Gegengewicht. Sein Ansatz bietet konkrete Methoden gegen die Dekonstruktion vereinfachter Narrative, sowie eine empathische Perspektivübernahme durch authentischen Dialog. Eigentlich ist ein grundlegender Aspekt des freireanischen Denkens die Förderung der Dialogizität als Haltung gegenseitiger Anerkennung und kollektive Wissensgenerierung, die bewusst Filterblasen durchbricht.
Zu den ethischen, politischen und erkenntnistheoretischen Dimensionen von Freires transformativem Denken liegen bereits einige fundierte philosophische Untersuchungen vor. Eine philosophische Auseinandersetzung mit Paulo Freire in München zielt darauf ab, eine Dialogkultur zu fördern, in der wir alle voneinander lernen und gemeinsam neues Wissen schaffen. Wir sind uns dessen bewusst, dass ein interkultureller Dialog den Verständnishorizont aller Beteiligten – unabhängig von der Herkunft oder Tätigkeit – erweitert, denn jede Person bringt unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven mit. Daher teilen wir die Ansicht, dass Bildung als befreiende beziehungsweise humanisierende Praxis sich nicht auf den Klassenraum beschränkt, sondern ständig im öffentlichen Raum, aber auch in allen Lebensbereichen stattfindet.
Die Tertulia basiert auf drei zentralen Prinzipien der Befreiungspädagogik Paulo Freires: Conscientização (Bewusstseinsbildung), Dialogicidade (Dialogizität) und Criticidade (Kritikfähigkeit), die in seinem Werk mehrfach formuliert wurden. Freire kritisierte das traditionelle „Bankiersmodell“ der Bildung, bei dem Wissen von Lehrenden an Lernende „eingezahlt“ wird, und plädierte stattdessen für eine dialogische Praxis, in der Lehrende und Lernende gemeinsam Wissen konstruieren. Im Vordergrund steht der Austausch – ganz im Sinne Freires, der betonte: „Niemand weiß alles, aber niemand weiß nichts.“ Die Tertulia Freireana verbindet die gemeinsame Lektüre philosophischer Texte mit einem lebendigen, freundlichen Austausch. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung gibt es bewusst Raum für spontane Gespräche, Snacks und Getränke – denn auch die Atmosphäre des Miteinanders entspricht dem Geist einer dialogischen Pädagogik.
Austausch mit dem Paulo Freire Zentrum Wien.
Im Sinne eines erweiterten Dialogs fand letztes Jahr auch eine Vernetzung der Münchner Tertulia Freireana mit dem Paulo Freire Zentrum statt. In einem inspirierenden Austausch mit dem Direktor und den Praktikant*innen wurden unsere Erfahrungen geteilt und gemeinsame Perspektiven für kritische Bildungsarbeit diskutiert. Solche Begegnungen stärken die globale Vernetzung und fördern den Dialog über emanzipatorische Bildungsansätze. In diesem Sinne war für uns besonders folgende Betonung des Paulo Freire Zentrums inspirierend: „Bildung ist der Kern des sozialen Wandels und der Schlüssel zur Emanzipation.“ Diese Perspektive unterstreicht die Bedeutung dialogischer Bildung als Werkzeug zur Veränderung gesellschaftlicher Strukturen und zur Förderung von Gerechtigkeit. Wir schließen uns diesen Bemühungen an, die seit Jahrzehnten weltweit unternommen werden. Die Verbindung zwischen der Tertulia Freireana in München und dem Paulo Freire Zentrum in Wien erweitert den Blick auf die Freire-Pädagogik und bestärkt uns darin, Bildungsräume als Orte gemeinsamer Emanzipation zu verstehen.
Die Tertulia Freireana in München versteht sich als praktischer Versuch, Freires Ideen im Alltag wirksam werden zu lassen. Als informelles Bildungsformat verbindet sie Menschen durch gemeinsame Lektüre, kritische Reflexion und gleichberechtigten Dialog. In regelmäßigen Treffen schafft sie einen Raum für offenen Austausch, kollektives Lernen und kritische Auseinandersetzung – in Kooperation mit dem Nord-Süd-Forum München e.V. und Aluna Minga e.V.
Der Autor ist Teil der Tertulia Freireana. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Fotos © Tertulia Freireana
Weiterführende Links:
Tertulia Freireana in München.
Das Eine-Welt-Haus in München.