Wie kann die inter- und transdisziplinäre Forschung von Paulo Freire lernen? Welche Forschungsansätze und -methoden braucht es, um Forschung zu realisieren, die auf ein Erklären, Verstehen und Verändern von Welt abzielt?
Auf der Suche nach Forschung, die Grenzen von Wissens- und Erkenntniskulturen überschreitet und selbst Transformation anstößt, lud das Paulo Freire Zentrum am 30. Oktober 2019 gemeinsam mit der Leuphana Universität Lüneburg und dem Institut für Internationale Entwicklung zu einer Podiumsdiskussion und anschließendem Weltcafé ins C3-Zentrum für Internationale Entwicklung. Petra Dannecker (Institut für Internationale Entwicklung, Universität Wien), Ulli Vilsmaier (Leuphana Universität Lüneburg), Sadhbh Juarez Bourke (Leuphana Universität Lüneburg) und Katrin Aiterwegmair (ECOSUR, San Cristóbal de las Casas, Mexiko) diskutierten gemeinsam mit Moderator Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum).
Die Frage nach legitimem Wissen.
KNOTS (Fostering multi-lateral knowledge networks of transdisciplinary studies to tackle global challenges) ist ein von Erasmus+ Capacity Building gefördertes Projekt, das Partner aus fünf verschiedenen Ländern verbindet, um transdisziplinäre Forschungsansätze und Lehrkonzepte weiterzuentwickeln und umzusetzen.
Die Etablierung transdisziplinärer Wissensallianzen, so Dannecker, wurde durch unterschiedliche Vorstellungen von relevantem Wissen erschwert. So wurde implizit die Frage verhandelt, welche nicht-wissenschaftlichen Akteur*innen als „legitime Wissensträger“ gelten können und welche nicht. Letztendlich blieben die Forschenden, trotz der transdisziplinären Ausrichtung des Projekts, in ihrem Selbstverständnis „objektive“ Forschende ,während sich nicht-wissenschaftliche Akteur*innen häufig in der Rolle der „Beforschten“ wiederfanden . Auch kamen immer wieder dominante Nord-Süd-Wissenshierarchien zum Tragen. Eine gegenhegemoniale Wissensproduktion sei letztlich weder von Seiten der Partner des Südens eingefordert, noch von Partnern des Nordens nachgefragt worden.
Kritische Neugier.
„Systematisierung von Erfahrungen des agroökologischen Lernens und Lehrens in ländlichen Gemeinden in Kuba und Mexiko (SALE)“ lautet der Titel eines vom Paulo Freire Zentrum unterstützen Forschungsprojekts, in dessen Rahmen Katrin Aiterwegmair eine vergleichende Studie über agroökologischen Lern- und Lehrprozessen von Kleinbäuer*innen in Mexiko und Kuba begleitete.
Mit SALE will Aiterwegmair „aus dem akademischen Kastendenken aussteigen“ und dem Wissen der Bäuer*innen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Die Bäuer*innen seien im Forschungsprozess „oft besser als manche Doktoren“, denn sie hätten sich eine kritische Neugier bewahrt, die akademischen Forscher*innen oftmals fehle.
Kern des Projekts war die gemeinsame Forschung eines Teams aus Bäuer*innen und Akademiker*innen. Dieser Austausch zwischen verschiedenen Wissensträger*innen und die kollektive Rekonstruktion der agroökologischen Bildungserfahrungen sei entscheidend gewesen für einen emanzipatorischen, aktions-orientierten und dialogischen Prozess.
Integration unterschiedlicher Wissensformen.
Sadhbh Juarez Bourke arbeitet gemeinsam mit zwölf Doktorand*innen aus unterschiedlichen Disziplinen am Forschungsprojekt „Processes of Sustainability Transformation“ (dt. “Prozesse der Nachhaltigkeits-Transformation“).
Bourkes Aufgabe im Projekt ist die Zusammenführung unterschiedlicher Wissensformen und Forschungszugänge. In ihrer Rolle als Vermittlerin sieht sich Bourke nicht als außenstehende Unbeteiligte, sondern als Akteur*in, die den Prozess aktiv mitgestaltet. Die akademische Forschung sei charakterisiert durch Diskussionen und Debatten, in denen es vor allem darum ginge, das bessere Argument vorzubringen. „So kann keine Transformation zustande kommen, so kann man die Perspektive nicht wechseln“, so Bourke. Es brauche einen Raum, in dem verschiedene Formen von Wissen unabhängig vom akademischen Gehalt anerkannt würden. Wichtig sei auch, dass das Wissen Anderer und die Diversität der Gruppe nicht als Bedrohung wahrgenommen werden, sondern als Bereicherung für den Forschungsaustausch. Letztendlich, so Bourke, sei ihr Ziel, von einer „Ja-oder“ zu einer „Ja-und“ Perspektive zu gelangen.
Vom Mut die Kontrolle abzugeben.
Ulli Vilsmaier betonte die strukturellen Bedingungen, in die akademische Forschung eingelassen ist. Diese Bedingungen formen das Rollenverständnis und die Selbstwahrnehmung der Forschenden. Die Prägung als Akademiker*in eines europäischen Landes, beeinflusse wesentlich das Denken und Tun in inner- und außereuropäischen Forschungszusammenhängen. Für sie selbst sei es ein teils schmerzhafter Prozess gewesen, diese eigene ‚Eingelassenheit‘ als europäische Akademikerin anzuerkennen.
Im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt “Leverage Points for Sustainability Transformation” (dt. Hebel für eine Nachhaltigkeits-Transformation), berichtete Vilsmaier über ihre Erfahrungen der Entakademisierung. Es bedürfe viel Mut, die Kontrolle über die ‚eigene‘ Forschung abzugeben. Die Zusammenarbeit mit einem Künstler*innenkollektiv und unterschiedliche lokalen Akteure*innen (Politiker*innen, Bauverbänden, Verwaltungsinstitutionen), habe die gelernten Rollenverständnisse der Forscher*innen ins Wanken gebracht und es sei nicht leicht gewesen, sich auf dieses „Experiment“ einzulassen.
Die Situiertheit der Forschenden.
Die ‚Situiertheit‘, also die soziale Verortung oder Einbettung der Beteiligten, kann nur dann berücksichtigt werden, wenn die Forschung auf prozessorientiertes Arbeitenausgerichtet ist, so Aiterwegmair. Es brauche „Expert*innen der Praxis“. Nicht nur für den Forschungsprozess, sondern auch als eine Form der ‚Dekolonialisierung‘. Die Bäuer*innen von SALE hätten im Laufe des Prozesses festgestellt, dass sie selbst relevantes Wissen produzieren können – und dass die Schule des Lebens sie vielleicht viel mehr lehren kann als die akademische Bildung. Bei Aiterwegmair bewirkte das Projekt einen Reflexionsprozess des ‚Verlernens‘ ihrer eigenen akademischen Rolle.
Die Frage der Situiertheit, so schloss sich Vilsmaier in der Diskussion an, sei methodologisch herausfordernd, weil die empirischen Prinzipien der Forschung auf Qualität und Kontrolle ausgerichtet seien. Der„in-vitro-Forschung“ setzte sie eine „in-vivo-Forschung“ entgegen, die sich aus der ‚Lebendigkeit‘ speist. Situiertheit bedeute, Ergebnisse zuzulassen, die aus einer kollektiven Forschungssituation herausentstehen und die möglicherweise nicht den klassischen Qualitätskriterien empirischer Forschung entsprechen.
Die Frage der Transformation im Weltcafé.
Die Herausforderung, die Kontrolle abzugeben, sich auf das einlassen, was Projektpartner*innen mitbringen, war dann auch Thema des Weltcafés.
Zur Debatte stand, ob man Erfahrungswissen nützen solle, um emanzipative Prozesse anzustoßen und ob transdisziplinäre Forschung transformieren soll. Was passiert, wenn Partner*innen im Projekt andere Vorstellungen einbringen? Wie sollen Forscher*innen mit Vorstellungen von Transformation umgehen, die nicht ihren eigenen Werten entsprechen?
Für Vilsmaier stand fest: Transdisziplinarität bedeute über das Wissenschaftliche hinauszugehen – auf der Suche nach Ergebnissen, die in keine Schablone passen. Gesellschaftliche und ökonomische Transformation sei ein Prozess, der nicht allein aus dem Akademischen heraus gestemmt werden könne. Viele relevante Erkenntnisse würden aus Alltagsbeobachtungen erwachsen; es gelte, die gesellschaftliche Relevanz dieses Wissens anzuerkennen.
Doch auch die universitäre Forschung stehe in der Verantwortung, besonders beim Thema ökologische Krise und Klimawandel: Wenn in bestimmten Regionen des Globalen Südens trotz steigender Wasserknappheit und sinkendem Grundwasserspiegel besonders wasserintensive Landwirtschaft betrieben werde, dann läge es an der Forschung, ihre Erkenntnisse einzubringen und zu nutzen.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Leverage Points for Sustainability Transformation
Processes of Sustainability Transformation
Fotos: © Monika Austaller, Paulo Freire Zentrum.