„Im Improvisieren bin ich eh am besten“

Die Eröffnung des Paulo Freire Zentrums begann mit einem Paukenschlag.
Zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung erreichte die
OrganisatorInnen die Kunde, dass der Hauptredner des Abends nicht teilnehmen würde.

Der Europasaal des Lateinamerika-Instituts
war schon beinahe voll besetzt, als die Nachricht eintraf, der
venezolanische Botschafter, Gustavo Márquez Marin, sei krank. Ungefähr
90 Personen erlebten am 3. Dezember 2004 dennoch einen spannenden Auftakt des Paulo Freire
Zentrums in Wien.

Andreas Novy, der wissenschaftliche Leiter des Paulo
Freire Zentrums, reagierte lapidar auf die Absage: „Im Improvisieren
bin ich eh am besten.“ Die kurze Aufregung verebbte schnell. Novy
mutierte zum Hauptredner und spannte einen Bogen von Freire zum
Freire-Zentrum, von seinem biographischen Zugang bis zur Realisierung
dieser neuen Institution. Er sei Mitte der 1980er Jahre auf Paulo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“ gestoßen und von dem Zugang fasziniert gewesen, die Armen „im Mittelpunkt des Politischen, als Akteure“ zu sehen. Er habe auf seinen Reisen in Lateinamerika diese Haltung als Realität dieser Zeit erlebt und an diesem Prozess teilhaben wollen, den er als schroffen Gegensatz zur Saturiertheit in Österreich erlebt habe. „In den Neunzigern jedoch wurde uns Lateinamerika ähnlicher, argumentierte Novy. In dieser Zeit sei Freire sowohl in Lateinamerika als auch in Europa in Vergessenheit geraten. Die ökonomischen, sozialen und politischen Prozesse der Peripherie hätten insgesamt einen Paradigmenwechsel erlebt. Entwicklung sei bis dahin noch eine bestimmte Interpretation gewesen, der die Befreiung entgegen gestanden sei. Entwicklung sei im Zusammenhang mit dem Vorbild des US-amerikanischen Entwicklungsmodells gestanden, während Befreiung als Loslösung von der Unterdrückung verstanden worden ist, die durch Kolonialismus und die Reproduktion eines oktroyierten Entwicklungsmodells entstand sei.

Im neuen Paradigma sei die Befreiung vollständig von der Entwicklung verdrängt worden. In der Entwicklungszusammenarbeit habe eine „Projektkultur“ Visionen und grundsätzliche Überlegungen vollständig verdrängt. Teil dieser defensiven Haltung sei es auch gewesen, den Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik an den österreichischen Universitäten zwanzig Jahre nach seiner Gründung zu Grabe zu tragen. Doch es sollte anders kommen. Während ein Projekt, das den Namen Phönix getragen und auf Ideen Freires basiert habe, nie realisiert wurde, stieg der Mattersburger Kreis aus der Asche. Die „letzte“ Veranstaltung habe den Neubeginn eingeläutet. Die Resultate sind bekannt: zwei österreichische Entwicklungstagungen 2001 und 2003, die den Dialog zwischen Entwicklungsforschung und -praxis fördern sollten. Diese seien schon „sehr freirianisch“ gewesen, erzählte Novy, „obwohl wir das damals gar nicht gemerkt haben“. Nach dem Erfolg der ersten beiden Tagungen sei die Idee aufgekommen, diesen Dialog zu institutionalisieren. So sei aus der Zusammenarbeit von Österreichische Forschungsstiftung Entwicklungshilfe (ÖFSE) und Mattersburger Kreis die Idee eines Zentrums entstanden. Dieses nach dem brasilianischen Pädagogen zu benennen, sei dann nur noch ein kleiner Schritt gewesen.

Brauchen wir … eine Pädagogik der Unterdrückten?

Atiye Zauner, die wissenschaftliche Leiterin der ÖFSE, wies darauf hin, dass Freires Denken für die Pädagogik des Zentrums (und nicht nur der Peripherie) von großer Bedeutung sei. Zauner las aus einem Text Freires, den dieser kurze Zeit vor seinem Tod 1997 geschrieben hatte und in dem er die fatalistische Ideologie des Neoliberalismus verurteilte, die das Ende von Geschichte, Utopie, Erziehung und Politik bedeute.

In Kleingruppen wurde schließlich die Frage diskutiert: „Brauchen wir eine Pädagogik der Unterdrückten in Österreich?“ Die Ergebnisse wurden dann im Plenum präsentiert. Im Mittelpunkt stand die Situation von Lernenden und Lehrenden. Es ginge um „den Mut, dumme Fragen zu stellen“, als Weg, „Wahrheiten“ infrage zu stellen. Ein Teilnehmer sprach von der Notwendigkeit, sich als LernendeR selbst zu kennen und Selbstbewusstsein zu zeigen: Ich weiß, wer ich bin, ich weiß, wo es langgeht, und was ich lerne, baut darauf auf. Der Student, der von der Entmündigung der Studenten durch Multiple-Choice-Tests erzählte, sprach dieselbe gesellschaftliche Dynamik an, wie jene Teilnehmerinnen, die von der Apathie in den Pflichtschulen berichteten und meinten, es müssten dringend neue Räume für dialogisches Lernen geschaffen werden. Räume, in denen Platz sei für die Schaffung von Orientierungswissen und „Spielregeln, die man nicht kennt, gelernt werden können. Ein Lehrender sprach von der Wichtigkeit, die Lernenden als Individuen zu begreifen und „mit dem Namen anzusprechen“, und bedauerte, dass dies oft aufgrund der Rahmenbedingungen nicht möglich sei. Es kam auch noch zur Sprache, dass die Frage, „Wo unterdrücke ich? in diesem Zusammenhang bedeutsam sei. Die Diskussionen wechselten wieder in die Kleingruppen als Andreas Novy das Buffet und das Paulo Freire Zentrum für eröffnet erklärte.

Die Rede des venezolanischen Botschafters: Die Bedeutung des Denkens von Paulo Freire für die Bolivarische Revolution.

Die spanische Originalversion der Rede finden Sie hier:

La vigencia del pensamiento de Paulo Freire en la revolucion Bolivarian (pdf, 23.26 KB)

 

Veröffentlicht in Paulo Freire.