Die Bedeutung des Denkens von Paulo Freire für die Bolivarische Revolution

Die Rede des Botschafters von Venezuela in Österreich anlässlich der Eröffnung des Paulo Freire Zentrums am 3. Dezember 2004. Sehr geehrte Damen und Herren,

Eingangs möchte ich meinem Freund Professor Andreas Novy für die Einladung zu diesem Eröffnungssymposium des Paulo Freire Zentrums danken. Ich wurde gebeten in aller Kürze auf das Werk von Paulo Freire und die Bedeutung seines Denkens in Zusammenhang mit dem revolutionären bolivarischen Prozess einzugehen. Ein revolutionärer Prozess, in welchem der Aufbau einer Gesellschaft auf Grundlage der partizipativen Demokratie einen roten Faden darstellt.

Paulo Freire wird am 19. September 1921 in Recife, Brasilien, geboren und studiert Rechtswissenschaften und Psycholinguistik. Nachdem Paulo Freire seine ersten Erfahrungen gesammelt hat, die ihm schließlich als Grundlage für die Entwicklung seiner Alphabetisierungsmethode dienen sollen, wurde er im Jahr 1961 Mitbegründer der Bewegung der Volkskultur in Recife. Ziel der Alphabetisierungsbestrebungen von Paulo Freire war nicht allein die Alphabetisierung an sich, sondern auch eine tief greifende Bewusstseinsveränderung der Menschen in Bezug auf sich selbst als "historisches Subjekt"; und die eigene Umgebung. Eine Veränderung die darauf abzielt, die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins im Menschen zu fördern, die Passivität zu überwinden, um gemeinsam mit anderen die Gesamtheit der eigenen sozialen Umgebung mittels der Teilnahme am politischen Geschehen zu verändern.

Freire stützt sich auf die Befreiungstheologie und die fortschrittlichen humanistisch-christlichen Strömungen, die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren an Bedeutung gewinnen. Vom Marxismus entlehnt er die dialektische Geschichtsauffassung, um das Fundament seine "Pädagogik der Unterdrückten" zu begründen, dessen Ausgangspunkt die Entwicklung einer "befreienden Erziehung" ist.

Eine Erziehung, die sich als Werkzeug der individuellen und kollektiven Befreiung versteht; die zur Hebung des Bewusstseins des Volkes beträgt. Bewusstsein über die eigene Kraft als historisches Subjekt, das über die Fähigkeit verfügt die eigene soziale, wirtschaftliche und politische Realität zu verändern. Eine Erziehung, die es dem Volk ermöglicht, in einer authentischen Demokratie zu leben. Einer tatsächlichen, nicht nur formalen, Demokratie; einer partizipativen, nicht einzig repräsentativen, Demokratie.

Die Pädagogik von Freire versteht sich als engagierte Pädagogik, die die Neutralität im Erziehungsprozess ablehnt. Freire schreibt: "Neutralität ist in der Kunst und der Erziehung nicht möglich. Mein Standpunkt: Jener der Ausgeschlossenen, jener der Verdammten dieser Erde."

Für Paulo Freire bedeutet "Unterrichten ist nicht die Vermittlung von Wissen, sondern die Schaffung der Möglichkeiten zur Entstehung von Wissen." Für Freire stellt die Förderung der Entwicklung eines neuen Menschen den Hauptzweck des Erziehungsprozesses dar. Ein Mensch, der sich seiner selbst, seiner Umgebung und seiner Fähigkeiten und Rechte bewusst ist. Ein Mensch mit einem kritischen, aber gleichzeitig verantwortungsbewussten, solidarischen und gesellschaftlichen Bewusstsein, der sich als Träger der Veränderung versteht.

Dieses neue Erziehungsverständnis widersetzt sich der traditionellen entfremdenden Erziehung, die Freire Bankier-Konzept nennt und die Lernenden als bloße EmpfängerInnen und WiederholerInnen von Wissen, als Objekt und nicht als schöpferisches Subjekt, versteht. Die befreiende Pädagogik veranschaulicht den Erziehungsprozess als dialektisches Wechselverhältnis.

Die Dialektik Reflexion Erfahrung Reflexion entsteht und entwickelt sich in der Beziehung Lernende Lehrende Lernende, in welcher die Lernenden zugleich Lehrende sind (bzw. umgekehrt). Freire schreibt: "Nun erzieht niemand andere und niemand bildet sich selbst. Die Menschen bilden sich gemeinschaftlich, in Beziehung, vermittelt durch die Welt."

Dieses Bildungsverständnis fußt auf der permanenten Reflexion der Realität und gerade hierin liegt dessen unermessliches Potential für die Humanisierung der Bildung, es zu einem Hauptinstrument der sozialen Veränderung zu machen und Gesellschaften umzugestalten. Gesellschaften wie jene Lateinamerikas, in welchen die überwältigende Mehrheit der Unterdrückten und Ausgeschlossenen ihrer eigenen Realität der Misere, Ausbeutung und Entfremdung passiv gegenübersteht, die tatsächlichen Gründe der eigenen Lage nicht kennt und somit von den herrschenden Eliten zur Aufrechterhaltung ihrer Privilegien manipuliert wird.

Diesbezüglich betont Freire: "Nur wenn der Lernende sich seinen tatsächlichen Verhältnissen bewusst ist, kann er sich seiner historischen Realität bemächtigen und diese verändern. Es handelt sich um eine Suche nach der Humanisierung des Menschen. Diese Suche nach Humanisierung muss in der Gemeinschaft mit anderen Menschen, in gelebter Solidarität, verwirklicht werden."

Somit veranschaulicht sich die Verbindung dieser befreienden Erziehung mit der Entwicklung und Vertiefung der partizipativen und protagonistischen Demokratie, denn diese lässt sich ausschließlich dann verwirklichen, wenn sich die BürgerInnen in sozial integrierte "kritische Subjekte" verwandeln.

Die Verfassung der Bolivarischen Republik Venezuela umfasst das revolutionäre bolivarische Programm, dessen Achse gerade die Entwicklung der partizipativen und protagonistischen Demokratie ist. Diese Verfassung beinhaltet zwei wichtige Elemente, die mit den heute mehr denn je gültigen Ideen von Freire übereinstimmen.

Das erste Element besteht in die Errichtung neuer Mechanismen der "direkten Demokratie", wie den Consejos de Planificación Local y Regional (lokale und regionale Planungsräte), den Abwahlreferenden von VolksvertreterInnen auf allen Ebenen und der Gesetzesaufhebung mittels Volksbegehren.

Das zweite Element bezieht sich auf die "soziale Kontrolle" des öffentlichen Lebens als Recht und Pflicht der BürgerInnen. Beide Elemente schaffen eine solide institutionelle Grundlage im Entwicklungsprozess, die darauf abzielt, den Status des Volkes als Protagonist der Demokratie und die Beteiligung des Volkes in der Ausübung der Demokratie zu garantieren.

Direkte Demokratie und soziale Kontrolle zusammen bilden eine wesentliche Grundlage um dem Prozess der Vertiefung der Demokratie nicht nur auf politischem, sondern auch auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, einen institutionellen Rahmen zu gewähren.

Jedoch wäre dieser Rahmen vergebens geschaffen worden, wenn man nicht einen Prozess der Bewusstseinsbildung entlang der von Paulo Freire aufgezeichneten Linien ins Leben ruft. Hier spielen öffentliche Projekte und Sozialprogramme der bolivarischen Regierung eine entscheidende Rolle, vor allem die "Misión Robinson" im Bildungsbereich und andere Misiones, die ähnliche Ziele verfolgen.

Abschließend möchte ich bemerken, dass die von Freire entwickelten Konzepte nicht nur in den so genannten Länder der Peripherie Gültigkeit besitzen, sondern universell gelten, da die entwickelten und weniger entwickelten kapitalistischen Gesellschaften an der selben Krankheit der Enthumanisierung und Entfremdung des Menschen leiden.

Vielen Dank.

Die spanische Originalversion der Rede finden Sie hier:

La vigencia del pensamiento de Paulo Freire en la revolucion Bolivarian (pdf, 23.26 KB)

Veröffentlicht in Paulo Freire.