Darf man jemanden hinterfragen, dessen Denken als Fundament für die eigene Auseinandersetzung mit der Welt dient? – Man muss! So das Motto von Jonathan Scalets Vortrag bei der „100 Jahre Paulo Freire“ Tagung in Salzburg. Sein Beitrag beschäftigte sich mit der Kritik an Freires Pädagogik der Unterdrückten und zeigte alternative Erklärungs- und Interpretationsansätze auf.
Vorwurf des Double-Bind (dt.: „doppelte Bindung“).
Ausgangspunkt des Vortrags war das „Freire Paradoxon“. Was ist damit gemeint? Paulo Freire wurde als antikolonialer Vordenker und Kritiker einer modernen, westlichen Pädagogik bekannt. Zugleich verstanden ihn viele Menschen aber auch als Vertreter der europäischen Aufklärung. Letzteres wurde ihm oft zum Vorwurf gemacht. Freire wird ein so genannter „Double-Bind“ unterstellt: Kritiker*innen zu Folge ist die Verankerung im europäischen Wissenskanon nicht mit emanzipatorischen und antikolonialen Bestrebungen vereinbar. Dieses Argument basiert unter anderem auf Audre Lordes These, dass westliche Wissensformen immer mit Unterdrückung verwoben und nicht davon zu lösen sind. Ungleiche und unterdrückerische Strukturen können daher, trotz gegenteiliger Bemühungen der Befreiungspädagogik, reproduziert werden.
Vielfalt der Unterdrückungserfahrungen.
Der erste Kritikstrang betrifft die Frage nach der Universalität der Befreiungspädagogik. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Phänomen der Intersektionalität zu. Denn Unterdrückungserfahrungen können sehr divers sein, und auf mehreren Ebenen stattfinden. So kann beispielsweise ein Mann von seinem Vorgesetzen im Beruf unterdrückt werden und zugleich seine weiße Frau zu Hause unterdrücken. Diese Frau kann wiederum Menschen anderer ethnischer Herkunft unterdrücken. Paulo Freires Konzept der Unterdrückung wird vorgeworfen, jene komplexen Ungleichheitsstrukturen nicht erfassen zu können. Dem widerspricht bell hooks, indem sie das Potential der Universalisierung von Unterdrückungserfahrungen unterstreicht. Objektivierung, Entmenschlichung und die Vorstellung von Befreiung durch Selbstbestimmung sind für sie der gemeinsame Kern jeglicher Unterdrückung. Durch das Betonen der Gemeinsamkeiten kann Solidarität geschaffen, die Verknüpfung und Identifikation mit unterschiedlichen Gruppen vereinfacht, und kollektive Handlungen gegen das globale Phänomen der Unterdrückung angeregt werden.
Diskurswandel.
Der zweite Kritikstrang, den Scalet behandelt, betrifft das Verhältnis von Eurozentrismus und Selbstbestimmung. In der Lateinamerikanischen Philosophie wurde Emanzipation lange als Angleichung an Europa verstanden, welche mit einer Übernahme westlicher Denktraditionen einher gehen sollte. Kritiker*innen, wie der peruanische Philosoph Augusto Salazar Bondy, stellten dies zunehmend in Frage – Die Imitation europäischer Theorien in Lateinamerika würde zur Entfremdung eigener Interessen führen, und koloniale Abhängigkeiten reproduzieren. Dem gegenüber steht die Annahme, dass lateinamerikanische Emanzipationsdenker*innen ihre Ansprüche auf Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Gleichheit in der Sprache der Herrschenden formulieren müssen, um wirklich gehört zu werden. Laut Jonathan Scalet ist Paulo Freire in genau diesem Spannungsfeld zu verorten: „Er ist ein Denker, der auf jeden Fall sehr verankert ist in einem europäischen Kanon, das ist quasi sein Handwerkszeug. Freire hat diesen Kanon aber immer von seinem spezifischen Kontext und für die sozialen Kämpfe seiner Zeit genutzt, er hat ihn re-interpretiert und damit auch umgedeutet.“
Umweltzerstörung und Androzentrismus.
Weitere Emanzipations-Kritik kommt seitens des Post-/Dekolonialismus, Ökofeminismus und der Postdevelopment-Studies. „Deren Grundannahme ist, dass das Aufklärungsdenken und die Moderne untrennbar, nicht nur mit kolonialer Unterdrückung, sondern auch mit Wachstumszwang und fortschreitender Umwelt- und Naturzerstörung verbunden sind.“, erklärt Jonathan Scalet. Paulo Freire wird vorgeworfen, diese Schattenseiten der Moderne durch die Verwendung aufklärerischer Denktraditionen zu übernehmen. In anderen Worten: Ihm wird ein Festhalten am modernen Fortschrittsdenken unterstellt. Anstatt Fortschritt jedoch als Verwestlichung zu denken, sei vielmehr eine Verteidigung und Rückbesinnung auf kulturelle Vielfalt und Tradition gefordert, welche ein ökologisches und nachhaltiges Naturverständnis erlauben.
Zudem wird Freire, aufgrund des starken Fokus auf Emanzipation und Veränderung in seinem Werk, Androzentrismus vorgeworfen. Grund dafür ist, dass aktives und schöpferisches Eingreifen in die Geschichte in unserer Gesellschaft meist männlich konnotiert wird. Reproduktive, lebenserhaltende Tätigkeiten, welche als weiblich gelten, treten in seinen Theorien hingegen in den Hintergrund. Jonathan Scalet argumentiert, dass Freire Selbstbestimmung jedoch nie als männliche Domäne definierte, sondern lediglich verabsäumte, die Geschlechter-Dimension ausreichend zu reflektieren.
Verständnis(se) des Selbst.
Paulo Freire zufolge soll Befreiung durch Selbstbestimmung erreicht werden. Dabei ist entscheidend zu fragen, wie dieses „Selbst“ definiert wird. Das Selbst kann zum einen als autonomes, frei von Bedingungen und Abhängigkeiten handelndes Subjekt verstanden werden. Zum anderen aber auch als kulturelles Subjekt, als Träger bestimmter Traditionen. Während viele Kritiker*innen bei Freire das Selbst als autonom identifizieren, ist laut Jonathan Scalet das freireanische Menschenbild stark dialektisch geprägt. Die menschliche Gewordenheit steht neben der menschlichen Gestaltungsmacht. Der Mensch wird als historisch gewordenes und sozio-kulturell verankertes Subjekt gedacht, dem es jedoch möglich ist, sich über seine Bedingtheit bewusst zu werden und diese zu verändern. Die Selbstbestimmung als Fähigkeit zur Entscheidung erlaubt damit auch die Überwindung westlicher Denk- und Lebensformen und somit die Anerkennung kultureller Vielfalt.
Der Vortrag endete mit dem Zitat „Kein Wissen ist vollkommen und jede gesellschaftliche Formation hat ihre blinden Flecken“. Jedes Wissen soll und muss hinterfragt werden, egal aus welchem Kontext es stammt. Genauso entspricht es eben auch der freireanischen Tradition, die Theorien von Freire selbst kritisch zu hinterfragen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Zur Tagung „100 Jahre Paulo Freire – Solidarität in der globalen Gesellschaft“
Titelbild © Theresa Hannl