
Im vergangenen Jahr erschien die englische Übersetzung einer Biographie zu Paulo Freire aus der Feder Walter Omar Kohans. Paulo Freire: A philosophical Biography geht den Prinzipien nach, die Freires Denken und Handeln zu Grunde liegen.
Walter Kohan schreibt, er möchte mit seinem Buch eine philosophische Würdigung von Freires Leben und Wirken entwerfen, ohne in unreflektierte Verehrung zu verfallen. Gedanken zu Freire würden sich oft zwischen Verherrlichung durch seine Befürworter*innen und Diffamierung durch seine Gegner*innen bewegen. Diese starke Polarisierung führt Kohan auf das unermüdliche kämpferische Engagement Freires für unterdrückte und ausgegrenzte Menschen zurück.
Die Dämonisierung Freires und seiner Lehre wurde besonders in den letzten Jahren in Brasilien unter der Regierung Bolsonaros sichtbar, die ihm marxistische Indoktrinierung in Schulen vorwirft. Im Zuge dessen wurde Freire 2019 die Ehrung als Patron der Bildung in Brasilien, die ihm 2012 postum zu Teil wurde, wieder entzogen.
Mit den fünf „Prinzipien“, nach denen das Buch aufgebaut und strukturiert ist, will Kohan kein spezifisches Wissen voraussetzen, sondern „Gelegenheiten bieten, etablierte Wissensräume zu hinterfragen.“ (S. 14) Er bezieht sich dabei auf Freires Ideen zu Leben, Gleichheit, Liebe, Irrtum und Kindheit.
Leben: Politische Bildung ist philosophische Bildung.
Freire stützt sich in seinen Ideen nie auf nur eine bestimmte theoretische Strömung. Kohan geht sogar so weit zu sagen, dass es praktisch keine philosophische Strömung in europäischen Denktraditionen gäbe, die Freires Denken nicht beeinflusst hätte. Er beschreibt Freire als Marxisten, Befreiungstheologen, Existentialisten, Phänomenologen, kritischen Pädagogen, progressiven Lehrer, Personalisten und christlichen Anarchisten. Dabei hätten ihn besonders Denker wie Antonio Gramsci, Erich Fromm oder Franz Fanon geprägt. Zentral sei für ihn eine Interpretation der Welt, die nicht nur Probleme benennen, sondern die Welt auch transformieren möchte. Freire hatte sich der Veränderung des Status Quo verschrieben. (S. 22) Kohan beschreibt dies als „den Ideen Leben geben“. Bildung sei dabei nicht der ultimative Hebel für sozialen Wandel, doch ohne sie könne keine Veränderung stattfinden. Freires Werk und sein Leben könnten uns also nicht nur Visionen einer anderen Schule, einer anderen Erziehung lehren, sondern auch eine andere Art zu leben.
Gleichheit: Alle Leben sind gleich.
Diesen Gleichheitssatz bezieht Freire in seiner Pädagogik der Unterdrückten auf das Verhältnis zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen. Denn der Dialog, der einer kritischen und emanzipatorischen Form von Bildung zu Grunde liegt, könne nur zwischen zwei „Gleichen“ stattfinden.
Es stimme zwar, dass einige Menschen mehr wissen als andere, aber es sei nicht weniger wahr, dass alle Menschen die gleiche Fähigkeit und Berufung zum Wissen besitzen würden. Eine befreiende Bildung sollte daher an der Wiederherstellung dieser Fähigkeit interessiert sein, wenn diese unterdrückt wurde. (S. 46) Gleichheit stellt hier keinen Gegensatz zu Differenz dar, denn jedes Leben sei anders. „Erziehen heißt zuhören, respektieren und gleichzeitig auf diese heiligen Unterschiede achten. Ohne sie wäre das Leben weniger lebendig. Das politische Prinzip der Gleichheit aller Leben, die Teil einer pädagogischen Praxis sind, ist eine Voraussetzung dafür, dass Unterschiede bereichernd und nicht erdrückend sind (…)“ (S. 65)
Liebe: Von pädagogischem Eros und politischer Liebe.
Freires Verständnis von Liebe gründet unter anderem auf den drei Dimensionen der Liebe nach Erich Fromm: theoretischem Wissen, Praxis sowie ständiger Auseinandersetzung und Fürsorge. (vgl. Erich Fromm: Die Kunst des Liebens). Freire hat diese noch um die Ebene der politischen Liebe ergänzt. Politische Liebe bedeutet für Freire, „ein Leben zu leben, um es zu erweitern, und es niemals zu begrenzen.“ (S. 67) Mehr noch als in den vorhergehenden Kapiteln verwendet Kohan, angelehnt an Zitate Freires, hier eine sehr poetische Sprache, die viel Spielraum für Interpretation und wenig für klare Definition zulässt. Bezogen auf befreiende Bildung spricht er von einem Akt der Liebe und meint damit die Bereitschaft der Lehrenden, gemeinsam mit ihren Schüler*innen die Überwindung des bestehenden Unterdrückungssystems zu erkämpfen. Kohan zitiert an dieser Stelle die letzten Zeilen der Pädagogik der Unterdrückten: „Wenn auf diesen Seiten nichts anderes übrig bleibt, so hoffen wir doch, dass zumindest etwas bestehen bleibt: unser Vertrauen in die Menschen. Unser Glaube an die Menschen, eine Welt zu schaffen, in der es weniger schwierig ist, zu lieben.“ (S. 73/74)
Irrtum: Stetig auf der Reise.
Das Bekenntnis zum Irrtum ist ein weiterer Aspekt, den Kohan in Freires Denken hervorhebt. Er bezieht sich in diesem Teil des Buchs besonders auf Freires Metapher von Lehrernden als Reisenden. Lehrende wandern durch die Welt auf dem Weg einer politischen Bildung, die von der Überzeugung beseelt ist, dass die Welt auch anders sein kann, und dass die Welt auch anders sein wird. „Die Welt ist offen, und der wandernde Pädagoge schafft einen Platz für eine Welt, die wir nicht vorhersehen können.“ (S. 93) Das aufmerksame und offene Wandern sieht er dabei als Notwendigkeit, denn keine Form von befreiender Bildung könne ohne das Kennenlernen unterschiedlicher Orte und Perspektiven realisiert werden. Dabei nimmt Kohan auch Bezug auf Freires intellektuelles Reisen, das Verbinden und Kombinieren von unterschiedlichen philosophischen Zugängen und Denkansätzen. Er reiste nicht nur mit seinem Körper, sondern auch mit und durch seine Ideen.
Kindheit: Nie aufhören zu fragen.
Tatsächlich erscheint das letzte der fünf von Kohan angeführten Prinzipien auf den ersten Blick etwas willkürlich, ist Kindheit doch keines von Freires zentralen Themen. Kohan identifiziert das Bild der „Kindheit“ bei Freire allerdings nicht als chronologisches Stadium der Entwicklung des Menschen, sondern als Metapher für Neugier, Ratlosigkeit und das ständige Hinterfragen. Das innere Kind soll nie sterben. (S. 139)
Eine philosophische Reise mit fünf Anfängen.
Kohan gelingt es, Freires Ideen selbst neugierig zu hinterfragen und auf originelle Weise aufzubereiten. Die fünf beschriebenen Prinzipien, nach denen das Buch strukturiert ist, lassen sich aus dem portugiesischen Original príncipio auch mit Grundsatz oder Beginn, Anfang übersetzen. Jeder dieser Anfänge markiert wichtige Stationen in Freires Leben, allerdings nicht in einer chronologischen Folge von Ereignissen, sondern mehr als Ideen, die seinem Weltbild zu Grund liegen und nie statisch geblieben sind. Kohan verbindet diese Ideen mit philosophischen Zugängen und wirft damit einen erfrischend neuen Blick auf Freires Werk, setzt aber auch ein gewisses Verständnis für philosophische Fragestellungen voraus. Die detaillierte Einleitung zur englischen Übersetzung sowie Interviews im Appendix mit Freires jüngstem Sohn Lutgardes Costa Freire und der Pädagogin und Wegbegleiterin Freires, Esther Pilar Grossi, ergänzen den Hauptteil des Buchs. Keine ganz einfache Lektüre für ein Publikum, dass sich noch nie mit Freire auseinandergesetzt hat, eine Bereicherung hingegen für Freire-Fans und eine ehrliche Hommage an Freire selbst.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an office@pfz.at.
Weiterführende Links:
Zum Buch „Paulo Freire: A philosophical Biography“ bei Bloomsbury Publishing.
Zu unserer Podcast-Episode mit Walter Kohan: Of love, equality, childhood – and errantry: basic positions of Paulo Freire.