
Wie hat Paulo Freire seine Philosophie entwickelt, die ihn zu einem bedeutenden Impulsgeber für emanzipatorische Bewegungen weltweit machte? Carlos Alberto Torres, ein Schüler und langjähriger Wegbegleiter Freires, begibt sich auf eine Entdeckungsreise zu den Ursprüngen des freireanischen Denkens, die zentrale Strömungen kritischer Theoriebildung, gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen in Lateinamerika und die persönliche Biographie seines Freundes zusammenführt.
Zum Autor.
Carlos Alberto Torres war Schüler von Paulo Freire, arbeitete als dessen Berater während seiner Tätigkeit als Bildungsminister von São Paulo und gründete das Paulo Freire Zentrum ebendort. Freire bezeichnete ihn als seinen ersten Kritiker.
Auf dem Weg zur Befreiungspädagogik.
Für dieses Buch beschäftigt sich Torres mit den frühen Schriften Freires aus den 1950er, 1960er und dem Beginn der 1970er Jahre, also bevor er durch die fulminante Rezeption der Pädagogik der Unterdrückten weltweite Anerkennung erhielt. Dabei beleuchtet er einerseits die Genese von Freires Weltbild, andererseits erläutert er auch, wie die Ideen und die pädagogische Praxis des brasilianischen Humanisten Menschen und Bewegungen bis heute beeinflussen. In elf Kapiteln widmet sich die Publikation den unterschiedlichen Aspekten von Freires Arbeit, von den theoretischen Grundlagen in kritischem und postkolonialem Denken bis zur politisch-pädagogischen Praxis in der Alphabetisierungskampagne von Angicos. Als Referenzpunkt dient dabei die Entwicklung dessen, was Torres als Paulo Freire System bezeichnet (S. 100), also die Gestaltung einer neuen Architektur des Wissens, um die unterdrückerischen Strukturen nicht-herrschaftskritischer Bildungssysteme zu überwinden. Denn die Befreiungspädagogik Paulo Freires ist nicht allein eine Kritik an dominanten Bildungspraxen, sondern stellt das gesamte System an Narrativen, theoretischen Grundlagen, Epistemologie und Methodologie in Frage, auf das sie sich stützen.
Die philosophischen Grundlagen.
Der schwierigen Aufgabe, die Einflüsse und mannigfaltigen Referenzen an andere Denker*innen in Freires Werk zu überblicken und einzuordnen, nähert sich Torres in Kapitel drei über die Gegenüberstellung dieser mit grundlegenden philosophischen Perspektiven an. Dabei identifiziert er Existenzialismus, Phänomenologie, Marxismus und die hegelianische Philosophie als die zentralen Eckpfeiler von Freires Denken, in dem sich, wie Torres betont (S. 26), unterschiedliche Strömungen komplementieren, aber auch in Konflikt miteinander treten können.
Herrschaft und Widerstand im postkolonialen Kontext.
In Kapitel vier arbeitet Torres heraus, warum Paulo Freire begann, sich in seiner pädagogischen Arbeit mit Gewalt und Herrschaft zu beschäftigen. Diese Themen wurden zu Schlüsselbegriffen seines Werkes, und ihre Dringlichkeit liegt in Freires historischer Analyse der brasilianischen Gesellschaft begründet, welche die kulturelle Entfremdung durch den Kolonialismus als Ursache für Fragmentierung und autoritäre Tendenzen identifiziert. In Auseinandersetzung mit der hegelianischen Dialektik von Herr und Knecht entwickelte Freire laut Torres (S. 47) ein Verständnis von den enthumanisierenden Tendenzen im Brasilien seiner Zeit, denen er kulturelle Bildung als Schlüssel zur Demokratisierung entgegensetzen wollte. Insofern betont Torres (S.111) auch, dass Freire in erster Linie ein postkolonialer Denker ist, dessen Werk auch als alternative Vision von Entwicklung verstanden werden kann.
Das Paulo Freire System.
Da sich das Denken Paulo Freires in enger Beziehung zu seinem pädagogischen und damit politischen Handeln in Brasilien und später im Exil entfaltete, setzt die Publikation von Torres in Kapitel zehn einen weiteren Schwerpunkt auf Freires Tätigkeit als Leiter einer bahnbrechenden Alphabetisierungskampagne im Nordosten Brasiliens. Die Erfahrungen, die Freire in Angicos im Bundesstaat Rio Grande do Norte sammelte und die ihm die Kritik von Militärs und Großgrundbesitzer*innen einbrachten, sollten, so Torres, zum Ausgangspunkt seiner Bildungsphilosophie werden. Denn Angicos kann nicht einfach auf Alphabetisierung reduziert werden, es ist vielmehr ein Modell, das über die politische Bildung der marginalisierten Bevölkerung den Geist der Veränderung und die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit der 1960er und 1970er Jahre in Lateinamerika in jene Regionen trägt, die durch die starren Herrschaftsverhältnisse bisher davon ausgeschlossen geblieben waren. Zentrale Zielsetzung seiner Bemühungen ist schlussendlich die soziale Transformation hin zu einer Gesellschaft, in der es weder Unterdrücker*innen noch Unterdrückte gibt. Torres arbeitet dabei gut heraus, wie Freire von den gesellschaftliche Eliten als gefährlicher Revolutionär betrachtet, andererseits aber auch von linken Bewegungen in seiner Analyse der Klassenverhältnisse als zu wenig radikal wahrgenommen wurde (S.122). Das Spannungsfeld um seine für viele Menschen auf den ersten Blick widersprüchlichen Positionen, wenn es etwa um den christlichen Glauben und den Marxismus geht, wird durch die Darstellung seiner Biografie deutlich.
Eine herausfordernde, aber lohnende Lektüre.
Gerade zum 100. Geburtstag des brasilianischen Befreiungspädagogen ermöglicht dieses Buch eine Annäherung an den Mythos Paulo Freire, die zu Beginn zwar eine gewisse Orientierungslosigkeit angesichts der Fülle an besprochenen Werken und Einflüssen hervorruft, in ihrer Gesamtheit aber einen überaus wertvollen Zugang bietet. Denn über die Verbindung der persönlichen und intellektuellen Biographie Freires mit den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen Lateinamerikas zwischen den 1950er und den 1970er Jahren eröffnet sich ein umfassender Einblick in die Genealogie der freireanischen Perspektive. Aufgrund der Komplexität dieses Unterfangens ist Vorwissen im Bereich der politischen Theorie sowie der Sozialgeschichte Lateinamerikas von Vorteil. Die intellektuell fordernden Passagen der Publikation werden jedoch immer wieder von lebendigen Schilderungen von Freires Werdegang als Pädagoge und Wissenschaftler sowie treffend eingearbeiteten Zitaten aus einer großen Vielfalt seiner Schriften, die seine Positionen und Anliegen deutlich werden lassen, unterbrochen. Es sind jedoch vor allem die Erinnerungen an Gespräche zwischen Torres und Freire, durch die sich Leser*innen auch ein Bild von der Persönlichkeit des Befreiungspädagogen machen können. Klar wird dabei, welchen bleibenden Eindruck Freire den ihm nahestehenden Personen nicht nur als Denker, sondern insbesondere als Mensch hinterlassen hat.
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