Welch vielfältige sozioökonomische Potenziale der urbane Raum bietet, zeigte die Konferenz zu Alltagsökonomie am 20. November 2018 durch eine dichte Agenda: Bereits am frühen Morgen begrüßten Andreas Novy (WU Wien) und Leonhard Plank (TU Wien) im Anschluss an die Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou die TeilnehmerInnen. Alexandra Strickner (WU Wien) führte als Moderatorin durch den Tag. Der Vormittag gestaltete sich durch Beiträge über Handlungsspielräume in der Stadtpolitik, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen, sowie die Rolle von Digitalisierung in diesem Zusammenhang. Anhand dieser Inputs diskutierten die TeilnehmerInnen der Konferenz am Nachmittag in Gruppen zu spezifischen Schwerpunkten.
Die Konferenz endete mit einer Podiumsdiskussion, wobei die wichtigsten Erkenntnisse des Tages sowie bestehende Herausforderungen noch einmal im Gespräch zwischen Maria Vassilakou, Klemens Himpele (Magistratabteilung für Witschaft, Arbeit und Statistik), Andreas Novy, Bernhard Seyringer (MRV Research Wien/Brüssel) und Karin Matyk (Unternehmerin im Bereich nachhaltiger Mode) aufgegriffen wurden.
Andere Städte als Vorbild.
Die Stadt Wien wurde vom Beratungstunternehmen Mercer im Jahr 2018 bereits zum neunten Mal zur „lebenswertesten Stadt der Welt“ ernannt. Allerdings gebe es auch hier noch viel Luft nach oben, mahnte Vassilakou. Man könne hinsichtlich einer demokratischen „bottom-up“-, also einer von unten nach oben organisierten Stadtgestaltung viel von anderen Städten lernen. Als Vorbild für einen „systemischeren Umgang“ mit Partizipationsprozessen nennt die Vizebürgermeisterin konkret Barcelona. Die spanische Stadt hat es innerhalb der letzten Jahrzehnte geschafft, den StadtbewohnerInnen zumindest formal mehr Teilhabe an der Stadtpolitik zu ermöglichen.
Vassilakou betonte jedoch auch, dass Partizipationsmöglichkeiten für BürgerInnen nicht nach der Planung enden dürfen. Derzeit würde der inklusive Charakter einzelner Projekte aber oftmals in der tatsächlichen Umsetzungsphase verloren gehen. Dass den StadtbewohnerInnen auch während der Projektrealisierung weiterhin Möglichkeiten zur Intervention und Prozessgestaltung zukommen, sei in den Augen der Vizebürgermeisterin ein wichtiger Anspruch für künftige Projekte.
Alltagsökonomie durch Alltagsexpertise.
Auch Andreas Novy unterstrich die Wichtigkeit einer „Co-Creation“ (dt.: Ko-Gestaltung) in der Stadtpolitik. Partizipation meine nicht nur das Äußern von Beschwerden und Wünschen, sondern beinhalte auch Verantwortung. Um dieser angesichts der immensen Vielfalt stadtpolitischer Themen gerecht zu werden, müssten wesentliche AkteurInnen auch selbst zu Wort kommen. Als Beispiel nannte Novy den Pflegebereich. Dieses sensible Tätigkeitsfeld veranschauliche, dass pragmatische Planung von oben herab, ohne jegliches Alltagsverständnis dieses Sektors, nicht ausreicht. Nur die Einbindung von Pflegenden und Gepflegten könne der sozialen Verantwortung, die Pflegeberufe mit sich bringen, auch im Rahmen der Stadtplanung gerecht werden.
Orte des Dialogs.
Um einen Austausch zwischen verschiedenen Interessensgruppen aber überhaupt zu ermöglichen, brauche es entsprechende Begegnungsorte, so Karin Matyk. Das „Strozzigrätzel“ in der Josefstadt, das auf Matyks Engagement zurückgeht, habe sich zu einem derartigen Diskussionsort entwickelt. Hier könnten etwa Parteien wie FußgängerInnen und AutofahrerInnen ihre gegensätzlichen Interessen und Vorstellungen zum Ausdruck bringen. Dabei solle es keine Tabus geben. Stattdessen, so Matyks Forderung, müssten auch vermeintlich unrealistische Wünsche geäußert werden können. Erst so würden sich kreative gemeinsame Lösungswege eröffnen.
Privat und zivil – ein Widerspruch?
Während Matyk die wichtige Rolle von Klein(st)unternehmerInnen im Bereich der partizipativen Stadtpolitik betonte, mahnte Klemens Himpele davor, privaten Initiativen zu viel Macht einzuräumen. Denn bei manchen privat-zivilen Kooperationen seien die Möglichkeiten zur Einflussnahme sehr ungleich verteilt. Persönlich vertritt er die Meinung, dass widersprüchliche Interessen privater UnternehmerInnen und der Zivilbevölkerung nicht gänzlich aufzuheben sind. Deshalb laute sein Appell an die Stadtpolitik, das, was noch in öffentlicher Hand ist, auch dort zu halten, um den StadtbewohnerInnen eine gerechte Teilhabe zu sichern.
Vom Verwalten zum Gestalten.
Die Aufgabe der Stadtverwaltung sei es laute Himpele, die Ideen der Zivilbevölkerung zu erfragen, was in jüngster Zeit bereits durch diverse Partizipationstools (online beispielsweise durch „Smarticipate“) auf den Weg gebracht wurde. Zudem, so Vassilakou, müsste ziviles Engagement in der Stadtgestaltung rechtlich noch weiter erleichtert werden. Auch hier gebe es schon große Fortschritte. Eine Hürde sehe Himpele noch in dem Schritt „vom Verwalten zum Gestalten“, also von der Informationsbeschaffung und -aufbereitung zur tatsächlichen praktischen Verwirklichung.
Urbanes Wirtschaften als zweischneidiges Schwert.
Zum Abschluss nahm auch Andreas Novy nochmals Bezug auf Widersprüche zwischen Zivilgesellschaft und (Privat-)Wirtschaft. Als wesentliche Erkenntnis des Tages strich er hervor, dass Ökonomie nicht gleich Ökonomie sei. Einerseits würde sich global ebenso wie im urbanen Raum Macht konzentrieren. Dies sei in Wien etwa im Rahmen mancher „Grätzelaufwertungen“ der Fall, die letztlich Mietpreiserhöhungen und folglich Verdrängungsprozesse und Exklusion gewisser Gesellschaftsschichten nach sich ziehen. Diese Form der Wirtschaft sei laut Novy ganz klar „in die Schranken zu weisen“. Alltagsökonomie hingegen meine sämtliche Initiativen, die inklusiv sind und den Anspruch haben, auch das „nicht-kommerzielle Leben“ zu verbessern. Diese Art der Wirtschaft gelte es zu forcieren.
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