Buchpräsentation und Diskussion: Stadt für Alle!

Die Corona-Pandemie zeigt sehr deutlich, dass die Teilhabe in der Stadt, sowie der Zugang zu öffentlichem Raum, ungleich verteilt sind. Die Publikation „Stadt für Alle!“ widmet sich diesem brisanten Thema. Wie können Städte zu inklusiveren Orten gemacht werden?

„Alle die hier sind, sind von hier“, lautet der Einstieg der Autor*innen Sarah Kumnig und Heidrun Aigner ins Buch, inspiriert von einer Aufschrift an einer Hauswand in Wien. Das Buch wurde 2018 vom Mandelbaum Verlag herausgegeben und ist das Ergebnis einer transdisziplinären Ringvorlesung 2017 an der Universität Wien.

Wie eine inklusive Stadt möglich ist, erklärte Sarah Kumnig bei der Buchpräsentation des Sammelbandes, die am 22.10.2020 in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik stattfand. Im Rahmen der Veranstaltung diskutierte sie gemeinsam mit Vertreter*innen vom Projekt Schule für Alle (PROSA) gesellschaftliche Teilhabe und Ausgrenzung in der Stadt. Ein Anliegen sei die gemeinsame Gestaltung der Stadt für alle Bewohner*innen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus.

Was die Herausgabe des Sammelbands notwendig macht.

Heidrun Aigner und Sarah Kumnig ging es vor allem darum aufzuzeigen, wie Stadt und Migration zusammen zu denken sind, denn ohne Migration gäbe es keine Städte. „Es war uns wichtig zu sagen, dass Migration das Normalste der Welt ist. Es hat immer die Bewegung von Menschen gegeben und die wird’s auch immer geben“, so Kumnig. Zu Beginn des Abends erläuterte die Autor*in, dass das Werk einerseits Verdrängungsprozesse in Städten und andererseits Möglichkeiten solidarischer Politik präsentiert.

Welche Ausgrenzungsformen manifestieren sich in Städten?

In Bezug auf den Inhalt des Buches sei es laut Kumnig notwendig zu diskutieren, dass Grenzen keine Linien um Nationalstaaten herum sind, sondern ein „institutionelles Gewebe und alltägliche Praktiken des Ein- und Ausschlusses“. Zu den allgegenwärtigen Grenzpraktiken zählen rassistische Polizeikontrollen, Bettelverbote, die Vertreibung von Sexarbeiter*innen aus dem öffentlichen Raum, sowie der Ausschluss von Personen vom Zugang zu sozialen Dienstleistungen. „Jene Personen, die nicht in das Bild von der weißen, sauberen Stadt passen, werden verdrängt, vertrieben, schikaniert und kriminalisiert“, kritisierte die Autor*in.

„Urban Citizenship“ als neue Möglichkeit.

Städte sind jedoch nicht nur Orte des Ausschlusses, sondern auch Möglichkeitsräume zur Umorganisierung von Teilhabe. Nach dem Konzept der Stadtbürger*innenschaft („Urban Citizenship“) beruht Zugehörigkeit auf anderen Kriterien als Nationalität und dem Aufenthaltsstatus. Anders als bei der Staatsbürger*innenschaft, ist der Wohnort die Grundlage dafür, wer an der Stadt teilhaben kann. Ein aktuelles Beispiel sind die rund 500 sogenannten „Sanctuary Cities“, oder „Städte der Zuflucht“, die sich gegen die nationale Abschiebungspolitik stellen und damit einen sichereren Raum für Alle schaffen wollen.

Wie ein anderes Verständnis von Zugehörigkeit entstehen kann.

In vielen Städten Kanadas und den USA gelang es bereits, eine sogenannte „City ID“ einzuführen. Dies ist ein Stadtausweis, der von allen Stadtbewohner*innen beantragt werden, und für Polizeikontrollen, die Unterzeichnung von Mietverträgen oder dem Eröffnen eines Bankkontos verwendet werden kann.
Während bereits eine Million New Yorker*innen den Stadtausweis besitzen, befinden sich europäische Städte noch in Verhandlungen über die Einführung eines solchen. In Wien seien diese gescheitert. Kumnig bedauerte dies sehr, denn mit Projekten wie diesen werde gemeinsam nach „einem neuen Wir gesucht“. Dies ist „eine dringende Anpassung an die heutige Realität, in der Migration als Tatsache anerkannt ist, und nicht länger als Trennlinie fungiert“, zitierte sie aus dem Sammelband.

Eine Schule für Alle in Wien.

Nach der Buchvorstellung berichteten Hasti Azimi und Georg Mayr über ihre Erfahrungen mit dem Projekt Schule für Alle (PROSA). Dieses wurde vor acht Jahren gegründet. Hauptziel sei es, Allen, die sich im Asylverfahren befinden und über 15 Jahre alt sind und damit in Österreich von der regulären Schule ausgeschlossen sind, Bildung zu ermöglichen. Bis zu einem offiziellen Aufenthaltstitel würden Asylwerber*innen oft Jahre warten. In dieser Zeit sei es besonders wichtig, Zugang zu Bildung zu erhalten. „Die Leute sind jung, haben Kraft und Energie und es ist sehr schade zu Hause zu sitzen, und nichts machen zu dürfen“, äußerte Azimi besorgt.

„Wenn alle Zugang zu Schulen bekommen, bräuchte es PROSA gar nicht“.

Prosa sei für die rund 80 Schüler*innen mehr als nur eine Schule. Sie fühlen sich nicht mehr alleine oder fremd, sondern zugehörig, berichtete Azimi. Es wäre wünschenswert, das Projekt über den Pflichtschulabschluss hinaus auszudehnen, denn in einer „Stadt für alle“ sollen alle lernen können und Zugang zu Arbeit haben. Die Schule alleine reiche jedoch nicht aus: „Um gut lernen zu können, muss man auch gut leben können“, ist das Fazit Mayrs.

Initiativen gegen die restriktive Migrationspolitik in Österreich.

Am Ende des Abends wurde vor allem die Frage diskutiert, welche weiteren Initiativen sich in Österreich gebildet haben. Bündnisse in Europa würden sich derzeit vor allem gegen Abschiebungen und für offene Grenzen sowie Seenotrettung einsetzen, erklärte Kumnig dem Publikum. Ein aktuelles Beispiel sei die „Seebrücke Wien“. Die Gruppe entstand, als die zivile Seenotrettung zunehmend kriminalisiert wurde und die Häfen Italiens nicht mehr angefahren werden konnten. Die Initiative hat erwirkt, dass sich acht Bezirke zu „sicheren Häfen“ erklärt haben. Obwohl dies zentral für „das Basteln einer besseren Gesellschaft und Stadt für uns Alle“ sei, müsse noch mehr als diese Erklärung passieren, argumentierte Kumnig. Abschließend plädierte sie für stärkere Vernetzung, denn „je breiter das Bündnis und je höher der Druck, desto mehr Erfolg“.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Buch „Stadt für alle!“ im Mandelbaum Verlag
Literaturliste zu den Veranstaltungsinhalten
Seebrücke Wien 
Solidarisches Städtevernetzung in Europa 

 

Foto © Mandelbaum Verlag

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.