
Atemlos ist es geworden, das Leben des modernen Menschen. Dies ist nicht neu, und doch konnte die Eile in den letzten Jahren nochmals beschleunigt werden. Der Filmemacher Florian Opitz recherchierte für seinen Film „Speed“, wie es dazu kam und was wir dagegen tun können. Eine atemlose Suche nach Entschleunigung ist das filmische Ergebnis – gezeigt auf der Grünen Sommerakademie 2013.
„Ich habe keine Zeit. So sehr ich mich auch anstrenge – ich habe immer viel zu wenig Zeit für das, was ich mir vornehme.“ So Florian Opitz‘ Eingangsdiagnose in seinem Dokumentarfilm „Speed. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Damit trifft er wohl den Nerv der Zeit – und die Erfahrung auch von vielen, die sich im Soli-Bereich engagieren, dort unentwegt neue Konzepte verfassen, Veranstaltungen auf die Beine stellen, Berichte schreiben und dazwischen bei unzähligen Treffen das so wichtige Netzwerken betreiben. Dazwischen und danach bleibt keine Zeit, sondern vor allem Atemlosigkeit, oft aber auch Erschöpfung oder gar Burn-Out. Der Film vermag zu berühren, weil er anspricht, was so viele von uns nur zu Genüge kennen. Und ist dabei im Übrigen ziemlich witzig und voller Selbstironie.
Selbstprüfung
Zunächst beginnt Florian Opitz die Suche nach der verlorenen Zeit bei sich selbst. (Wieso eigentlich nicht beim französischen Romancier Marcel Proust (1871-1922), von dem er den Untertitel übernimmt, den er aber nie erwähnt? Nun gut, auf literarische Annäherungen verzichtet Opitz, was symptomatisch ist, denn Lesen erfordert Mußestunden…) Opitz läuft zu einem Zeitmanagement-Seminar, und, aufgrund dessen Wirkungslosigkeit, sogleich zum Therapeuten. Dieser diagnostiziert bei ihm noch kein Burn-out, aber die ersten Vorzeichen davon. Der Zeitforscher Karlheinz Geißler setzt ihm schließlich eine neue Idee in den Kopf: Das Zeitproblem sei kein individuelles, „sondern ein gesellschaftliches und besonders ein politisches Problem. Denn politische Entscheidungen sind auch Zeitentscheidungen“ (87). Damit kommt er auf die Grundlogik der kapitalistischen Ökonomie zu sprechen: „Wachstum heißt dabei immer auch, in gleicher Zeit mehr zu produzieren und mehr zu verdienen als bisher oder bisher ungenutzte Zeit künftig irgendwie wirtschaftlich zu nutzen“ (84).
Systemprüfung
Diesen Befund will Florian Opitz sogleich selbst überprüfen – und sucht daher die Welt der Beschleuniger auf. Das sind zum einen Investmentbanker, bei denen Zeit Geld ist, nutzen sie doch geringe Kursschwankungen, um in kurzer Zeit viel Geld zu machen. Zum anderen ist er bei der Nachrichtenagentur Reuters zu Gast, die die entsprechenden Nachrichten als Daten für Investmentbanken zur Verfügung stellt. Computer ersetzen zunehmend die Broker, da sie mit Algorhythmen rascher Kaufentscheidungen treffen können. Bilder aus vollautomatisierten Fabrikhallen stellen den Zusammenhang zumindest auf visueller Ebene her. Auch dort agieren Maschinen, der Mensch ist bereits zu langsam geworden, zumindest um Autos zusammenzusetzen.
Opitz gelingt es damit, den Zusammenhang zwischen individueller Zeitnot und dem Funktionieren des kapitalistischen Systems augenscheinlich zu machen. Auch wenn es ziemlich naiv ist, dass er diesen Zusammenhang erst so spät entdeckt, zeichnet er damit ja nur die Ratlosigkeit von vielen von uns nach, die meinen, sie seien selbst an ihrer Zeitnot schuld. Wir wissen doch längst, dass unsere Ökonomie auf exponentiellem Wachstums beruht, und diese ist nun einmal nicht ohne Beschleunigung denkbar.
Systemsprengung
Wie können wir nun aber dieser destruktiven Logik der kapitalistischen Zeitökonomie entkommen? Das Sympathische am Film von Florian Opitz ist, dass er den Alternativen einen breiten Raum widmet. Allerdings nicht frei von Stereotypen: Da ist der Aussteiger Rudolf Wötzel, der aus seinem Job als Investmentbanker geflüchtet ist und nun auf einer Schweizer Berghütte arbeitet. In denselben Schweizer Bergen begegnet Opitz der Familie Batzli, die als drei-Generationen-Haushalt auf der Alm mit ihren Kühen lebt. Doch bald muss Opitz feststellen, dass das Leben auf der Alm kein Paradies, sondern mit viel Arbeit verbunden ist. Vielleicht doch nicht das Richtige?
Seine Weitersuche nach der verlorenen Zeit führt ihn an zwei Enden der Welt, die weiter nicht voneinander weg sein könnten, dies nicht nur in geographischer Hinsicht: Zum einen nach Patagonien, wo Douglas Tompkins auf privater Basis riesige Landgebiete aufkauft und in einen Nationalpark umwandelt, um dort die Zeit aufzuhalten. Zum andere nach Bhutan, wo die Politik des „Bruttonationsglücks“ praktiziert wird und das Land zumindest durch den Happy-Planet-Index weit nach vorne gebracht hat. Opitz ist begeistert, übersieht dabei aber die autoritären Tendenzen des Regimes wie auch den Umstand, dass die Ideologie des Bruttonationsglücks konservative Aspekte beinhaltet, die nicht immer friktionsfrei zu den Menschenrechten stehen.
Auf der Suche nach der Universalformel …
… für ein entschleunigtes und glückliches Leben muss Filmemacher Opitz feststellen, dass es diese nicht gibt. Dennoch greift sein Fazit Systemfragen auf: „Wirkliche Entschleunigung heißt aber auch, von einer Wirtschaft und Gesellschaft Abschied zu nehmen, die ständig wächst. Es heißt, sich an den Kreisläufen der Natur zu orientieren. Einem ausgeglichenen Kreislauf, bei dem nur so viele Ressourcen verwendet werden können, wie im gleichen Zeitraum nachwachsen können.“ (279)
Der Film ist empfehlenswert, weil er uns in unserer Zeitnot anspricht und spannende Reflexionsimpulse gibt. Gleichzeitig bleibt, wie auch im Vortrag von Thomas Sedlacek auf der Grünen Sommerakademie 2013, offen, wie eine post-Wachstums-Ökonomie konkret aussehen könnte. Den Kapitalismus überwinden – gerne! Aber was kommt dann? Stagnation, Depression, Krieg und Elend? Nein, danke. Das Nachdenken darüber, wie eine lebenswerte und systemumfassende Alternative aussehen könnte, wird noch einige Filme und Sommerakademien brauchen.
Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
SPEED – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ein Film von Florian Opitz. Dokumentation. Deutschland 2012. 101 Minuten. https://www.speed-derfilm.de
Florian Opitz: Speed. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Goldmann: München 2012. (Alle Seitenhinweise in diesem Artikel beziehen sich auf diese Ausgabe.)