Hilfe, konkrete Utopien gesucht!

Angesichts des globalen Klimawandels und wachsender sozialer Ungleichheit steht die Menschheit vor großen Herausforderungen. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es einer Transformation der Wirtschafts- und Lebensweise. Die Veranstaltung „Hilfe, konkrete Utopien gesucht“ begab sich auf die Suche nach Alternativen.
Am 29. November 2018 lud das Südwindmagazin zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Hilfe, konkrete Utopien gesucht!“ ein. Ilja Trojanow (Schriftsteller und Autor), Alexandra Strickner (politische Ökonomin, attac Österreich) und Maria Vogt (Biobäuerin, ÖBV-Via Campensina Austria und Aktivistin für Ernährungssouveränität) sprachen unter Moderation von Irmgard Kirchner (Südwind-Magazin) über Möglichkeiten, sich dem herrschenden neoliberalen System gedanklich wie auch tatkräftig entgegenzustellen. Auch wenn konkrete Handlungsvorschläge kürzer kamen, so gab es viele interessante Denkanstöße und Ideen.

Ernährungssouveränität statt technokratischer Produktsteigerung.

Viele Landwirtschaften stünden aktuell vor großen Problemen, da sie sich am Kapital orientieren und dem Wachstumsimperativ verschreiben würden, erklärte Maria Vogt. „Immer mehr, immer größer, immer schneller“ lautet die Devise, so Vogt. Dadurch werden vor allem kleine Höfe, die nicht mit Schritt halten können, überflüssig. Die Konsequenzen davon sind schwerwiegend, so zählen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern weltweit zu einer der am stärksten von Hunger betroffenen Gruppe. Es regiere ein System, das die Ernährungswirtschaft kommerzialisiere und industrialisiere, mit technischen Hilfsmitteln werde Produktionssteigerung erzwungen. Vogt weiß, was hierbei ihre Utopie ist: das Saatgut in die Hände der Bevölkerung, Macht über Ressourcen und Gemeingüter zurück an das Volk. Niemand solle das Recht haben, Wasser, Luft und Boden zu verschmutzen und zu zerstören, da diese uns allen gehören. Man solle die Kreislaufwirtschaft fördern und mit vorhandenen Möglichkeiten arbeiten.

Gemeinsam für das gute Leben für alle.

„Auch wenn wir uns zurzeit in einer autoritären Welle befinden, so sollte man absehen von Pessimismus und Alarmismus“, kommentierte Alexandra Strickner den Status Quo. Sie wies darauf hin, dass viele Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen, einmal utopisch waren. Anfangs waren es meist nur wenige, die den Status Quo nicht mehr hinnehmen wollten. Es brauche immer VorreiterInnen. So gebe es, laut Strickner, heutzutage bereits Ansätze und Unternehmungen sich zu organisieren, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Der konkrete Handlungsvorschlag laute, unsere Wirtschafts- und Konsumweise so zu organisieren, dass unser Leben nicht mehr auf die Kosten anderer geht. Dafür müsse man nicht nur die Versorgung mit Energie und Lebensmittel umgestalten, sondern auch den vernetzten Welthandel entflechten, weg von der Wachstumslogik und hin zu einer strukturellen Veränderung in Richtung Selbstbestimmung.

Utopien gegen die scheinbare Alternativlosigkeit.

Utopien braucht es, um überhaupt eine Zukunft zu schaffen. Denn die Zukunft, so Ilja Trojanow, sei nicht selbstverständlich und  per se vorhanden. Ganz im Gegenteil, in der heutigen Gesellschaft sei sogenannter Zukunftsmangel von großer Aktualität. Trojanow sprach von einem „Fahren auf Sicht“, es werde, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend gehandelt und keine tatsächliche Veränderung angestrebt.  Um gegen diese scheinbare Alternativlosigkeit des kapitalistischen Systems vorzugehen und um eine eigene Zukunft zu entwerfen, braucht es konkrete Utopien. „Das Rad muss aber nicht neu erfunden werden, Utopien schöpfen aus bereits existierenden Errungenschaften und haben emanzipatorische, progressive Projekte als Ausgangspunkt“, so Trojanow. Es gebe heute schon Räume, in denen „das Solidarische und Vernünftige“ vorherrsche. Es gebe Menschen, die bereits Ideen und Vision für eine bessere Welt haben und dem System voraus seien, jedoch fehle der politische Wille, diese in der breiten Gesellschaft durchzusetzen. Nun liege es an der Zivilgesellschaft, diesen politischen Willen zu erzwingen.

Die Politik ist gefragt.

Es stellt sich die Frage, wie politische EntscheidungsträgerInnen in diese Veränderung hin zu einem solidarischen, guten und nachhaltigen Leben für alle mit eingebunden werden können. „Wichtig ist es, den Widerstand zu halten, aufzuzeigen und auf die Straße zu gehen“, so Vogt. Man dürfe seine Stimme nicht abgeben, sondern müsse diese erheben, solle nicht geschehen lassen, sondern selbst agieren und mitgestalten. Protestaktionen und Demonstrationen sind Möglichkeiten, sich selbst gegen die herrschenden Verhältnisse zu stellen. Strickner fügte hinzu, dass man versuchen solle, so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren und informieren.  Dabei solle man aber nicht vergessen, in seiner eignen Umgebung aktiv zu werden. . Trojanow erwähnte zudem noch einmal explizit die Notwendigkeit der Ermächtigung und Selbstorganisation von Menschen, die von dieser multiplen Krise betroffen sind. Diese seien keine Opfer oder HilfsempfängerInnen, sondern SelbstgestalterInnen ihres eigenen Schicksals. Ziel müsse es sein, dass alle Menschen in Würde leben können. Der Unterschied zwischen Überleben und Leben sei der Unterschied zwischen Status Quo und Utopie.

Es braucht breite Allianzen.

Nach den Inputs am Podium wurde das Gespräch für das Publikum geöffnet . Bevor Fragen und Anmerkungen ans Podium  gerichtet wurden, bildeten die ZuhörerInnen Murmelgruppen, um ihre Eindrücke und Gedanken auszutauschen. In der darauffolgenden Diskussion wurde darüber gesprochen, dass man breite Allianzen aufstellen könne und sich in den Dingen, in denen man sich einig ist, organisieren solle. Auch brauche es, um politisch wirksam zu werden, Menschen in Parteien und Interessenvertretungen, die bestimmte Ansichten teilen. Selbst die Möglichkeit eines linken Populismus, um in der Öffentlichkeit mehr Raum einzunehmen, wurde angesprochen. Es gab auch Stimmen, die meinten, es brauche ein globales Narrativ. Nicht alle TeilnehmerInnen teilten alle Aussagen.In einem Aspekt war sich das Publikum jedoch einig: um eine Transformation des Status Quo zu erwirken, müsse man sich solidarisieren, miteinander reden und aktiv werden, statt auf ein fertiges Konzept zu warten.

 

Die Autorin studiert Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung und ist Mitglied im Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.