Hakan Gürses ist Mitglied der Vorbereitungsgruppe der 5. Entwicklungstagung. Er betrachtet die Thematik Gemeinwohl entwickeln: Der Staat zwischen Gemeinschaft und Weltgesellschaft von einer kritischen Warte. Seine Perspektiven dazu und zur Politischen Bildung hat Katrin Aiterwegmair in einem persönlichen Gespräch kennen gelernt und zusammengefasst.
Politische Bildung als zweischneidiges Schwert
Hakan Gürses ist seit 2006 in der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung beschäftigt. Er ist wissenschaftlicher Leiter und für die Konzeption und Durchführung von Workshops, Trainings und Projekten zuständig. In seiner langjährigen Lehrtätigkeit an den Instituten für Philosophie und Internationale Entwicklung der Uni Wien hat er dieses Semester eine Pause eingelegt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Philosophien der Differenz, Theorien der Gesellschaftskritik und Interkulturalität.
Die Entwicklungstagung wird Hakan Gürses zusammen mit Heidi Grobbauer mit einem Workshop zu Politische Bildung, Entwicklungspolitik und Gemeinwohl bereichern. Sie wollen darin ein kritisches Licht auf das nationalstaatliche Paradigma in der politischen Bildung werfen. Globale Zusammenhänge sind zwar mittlerweile Gegenstand der Politischen Bildung geworden, dennoch dominieren nationale Grenzen das Denken und die Curricula. Gürses plädiert für eine Öffnung und Reorientierung der Politischen Bildung von der nationalstaatlichen Norm hin zu einem globalen Konzept. Er betont, dass Politische Bildung keine überpolitische Instanz sei, sondern Teil der politischen, kulturellen und ideologischen Entwicklungen: Politische Bildung kann sowohl systemerhaltend als auch systemkritisch sein. Die traditionelle politische Bildung zielt auf eine Erziehung zu mündigen BürgerInnen ab, die ihre demokratischen Rechte und Pflichten wahrnehmen sollen. Diese, im englischsprachigen Raum Citizenship Education genannte Bildung folge einer neoliberalen Linie. Sie legitimiere Machtverhältnisse und versuche, deren Konsequenzen erträglich zu machen. Diesem normativen Zugang setzt Gürses einen kritischen entgegen: Politische Bildung müsse analytisch vorgehen und grundsätzliche Fragen nach der Art und den Orten des Politischen stellen und danach, welches Wissen den Menschen heute an den politischen Brennpunkten dient. So gewonnene politikwissenschaftliche Erkenntnisse sollen methodisch aufbereitet in eine Art ‚Werkzeugkiste‘ münden, welche die Menschen in ihrem politischen Handeln unterstützt und sie auch dazu anregt, über die Grenzen hinaus zu denken.
Der Staat als Gewaltmonopol
Eine kritische Politische Bildung müsse alles in Frage stellen können, auch Konzepte, die in Europa gefestigt sind, wie Staat und Demokratie. Gürses erkennt im Staat vornehmlich einen Herrschaftsapparat. Die Tatsache, dass dieser strukturelle Ungleichheit und Gewalt legitimiert, wird kaum hinterfragt, gibt er zu bedenken. Versuche den Staat neu zu definieren, den Staat in einen gerechteren Geber umzuwandeln oder ihm eine neue räumliche Basis zu geben, sind Reformversuche. Ein supranationaler Staat rüttelt aber nicht radikal an Machtstrukturen, ist Gürses überzeugt. Eine gegenläufige Tendenz, die Regionalisierung, erachtet der Philosoph auch nicht als wahrscheinlich, da ihm eine Reduzierung der Herrschaftsstrukturen von einem komplexen zu einem einfacheren Gebilde in der Geschichte bisher nicht bekannt sei. Dennoch betont er die Rolle regionaler Initiativen als Orte des Widerstands und gelebter Alternativen. Das Potential dafür sei im globalen Süden größer als im Norden, unter anderem deshalb, weil diese Staaten ein koloniales Erbe und zumeist größere Widersprüche aufweisen und somit die kulturelle Hegemonie schwächer ausgeprägt sei als in Europa oder Nordamerika.
Gemeinwohlorientierte Weltentwicklung oder globaler Klassenkampf?
Gürses stößt sich auch an dem normativen Konzept des Gemeinwohls, das im Mittelpunkt der Entwicklungstagung steht. Als Kritiker der Moralphilosophie stellt er Subjektivierungsprozesse ins Zentrum seiner Analyse. Gemeinwohl sei wie Gerechtigkeit ein normativer Begriff, welcher ein Machtinstrument darstellt. Ein offenes Regulativ wie das von Marx geprägte: ‚Jedem Menschen nach seinen Bedürfnissen und jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten‘ ist stark mit einem individuellen Bewusstsein verbunden. Versucht man dieses aber als verbindlichen kollektiven Standard zu definieren, entwickelt es sich leicht wieder zu einer Moralvorstellung und schließlich zu einer Hegemonie, meint Gürses. Seine Maxime lautet, Macht zu identifizieren und dagegen anzukämpfen. Das Konzept Gemeinwohl nehme die Machtstrukturen zu wenig ins Blickfeld. Einer gemeinwohlorientierten Weltentwicklung würde kaum jemand widersprechen, die/der ein wenig Vernunft und Gewissen besitzt und nicht allzu viel zu verlieren hat, stellt Gürses provokativ fest. Er bringt die Debatte auf den Punkt: Dieses Ziel impliziert eine Umverteilung, wogegen sich die privilegierten Schichten wehren. Fraglich ist, wie weit die Mittelklasse bereit ist, für das Gemeinwohl zurückzutreten.
Grundlage des vorliegenden Artikels ist ein persönliches Gespräch, das von Hakan Gürses und Katrin Aiterwegmair am 29.9.2011 in Wien geführt wurde. Sämtliche Zitate entstammen ebenfalls diesem Gespräch.