Zwei Monate vor der 5. Entwicklungstagung zum Thema Gemeinwohl entwickeln. Der Staat zwischen Gemeinschaft und Weltgesellschaft in Krems wird dort beim europäischen Nyéléni Forum für Ernährungssouveränität die Rolle des Staates im Bereich von Landwirtschaft und Ernährung diskutiert.Das Thema Ernährungssouveränität auch in Europa publik zu machen das war das Anliegen, der über 500 Delegierten, die sich Anfang des Jahres 2007 im Dorf Nyéléni in Mali getroffen haben, um die weltweite Bewegung für Ernährungssouveränität zu stärken. Nun ist es soweit: Von 16. bis 21. August 2011 findet das europäischen Nyéléni Forum für Ernährungssouveränität in Krems statt.
Das Forum möchte die europaweiten Erfahrungen, welche Möglichkeiten es gibt, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung in Ernährung und Landwirtschaft zu realisieren, zusammentragen. An die 800 TeilnehmerInnen werden erwartet, um gemeinsam Herausforderungen und Hindernisse zu benennen und Strategien zur Umsetzung von Ernährungssouveränität in Europa zu diskutieren.
Eine Definition
Die gemeinsame Grundsatzerklärung, auf die sich die Bewegung stützt, wurde 2007 in Mali verfasst und wird hier in gekürzter Form wiedergegeben:
() Ernährungssouveränität ist das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. Sie ist das Recht auf Schutz vor schädlicher Ernährung. Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und der transnationalen Konzerne. Sie verteidigt das Wohlergehen kommender Generationen und bezieht sie ein in unser vorsorgendes Denken. Sie ist eine Strategie des Widerstandes und der Zerschlagung derzeitiger Handels- und Produktionssysteme, die in den Händen multinationaler Konzerne liegen. Die Produzierenden sollen in ihren Dörfern und Ländern ihre Formen der Ernährung, Landwirtschaft, Vieh- und Fischzucht selbst bestimmen können. Ernährungssouveränität stellt lokale und nationale Wirtschaft und Märkte in den Mittelpunkt. Sie fördert bäuerliche Landwirtschaft, Familienbetriebe sowie den traditionellen Fischfang und die Weidewirtschaft. Erzeugung, Verteilung und Verbrauch der Lebensmittel müssen auf sozialer, wirtschaftlicher und umweltbezogener Nachhaltigkeit beruhen. Ernährungssouveränität fördert transparenten Handel, der allen Völkern ein gerechtes Einkommen sichert und den KonsumentInnen das Recht verschafft, ihre Nahrungsmittel zu kontrollieren. Sie garantiert, dass die Nutzungsrechte auf Land, auf Wälder, Wasser, Saatgut, Vieh und Biodiversität in den Händen jener liegen, die das Essen erzeugen. Ernährungssouveränität bildet und stützt neue soziale Beziehungen ohne Unterdrückung und Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, Völkern, ethnischen Gruppen, sozialen Klassen und Generationen. ()
Wofür kämpfen wir?
Eine Welt
in der alle Völker, Nationen und Staaten ihre eigenen Systeme und ihre eigene Politik der Lebensmittelproduktion bestimmen können, die jedem von uns kulturell angepasstes, erschwingliches, gesundes Essen guter Qualität garantiert;
in der die Rolle und die Rechte der Frauen in der Lebensmittelerzeugung sowie die Präsenz der Frauen in allen entscheidenden Gremien gefördert und anerkannt wird;
in der die Völker aller Länder in Würde leben können, ein angemessenes Einkommen für ihre Arbeit erhalten und nicht zur Migration gezwungen sind;
in der Ernährungssouveränität als Menschenrecht betrachtet und von den Gemeinschaften, den
Völkern, den Staaten und den internationalen Institutionen gefördert und respektiert wird;
in der wir den ländlichen Raum, die Wasserreserven, die Landschaft und die kulturell angepasste Ernährung bewahren und wiederherstellen; ()
Wogegen kämpfen wir?
gegen Imperialismus, Neoliberalismus, Neokolonialismus und das Patriarchat; gegen alle Systeme, die das Leben, die Ressourcen und Ökosysteme zerstören und verarmen, aber auch gegen die Anstifter, wie die internationalen Finanzinstitutionen, die Welthandelsorganisation, die Freihandelsabkommen, gegen multinationale Konzerne und die Regierungen, die gegen ihre Bevölkerung agieren;
gegen das Preis-Dumping bei Lebensmitteln in der Weltwirtschaft, d. h. den Verkauf von Lebensmittel zu Preisen, die unter den Produktionskosten liegen;
gegen multinationale Konzerne, die unsere Landwirtschaft und unseren Nahrungsmittelsektors beherrschen und die Profite über Menschen, Gesundheit und Umwelt stellen;
gegen Technologien und Praktiken, die unsere zukünftige Lebensmittelproduktion untergraben, die Umwelt schädigen und unsere Gesundheit gefährden. Darunter verstehen wir gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere, die Terminator-Technologie, industrielle Aquakultur und destruktive Methoden des Fischfangs, die so genannte weiße Revolution und die industrielle Milchproduktion, die alte und die neue ‚Grüne Revolution‘ und die grünen Wüsten der Agrotreibstoff-Monokulturen und anderer industrieller Pflanzungen. ()
Was können wir tun?
So wie wir mit der Dorfgemeinschaft in Sélingué zusammenarbeiten, um den Versammlungsort Nyéléni zu schaffen, engagieren wir uns, eine Bewegung für Ernährungssouveränität aufzubauen, indem wir Bündnisse schließen, uns gegenseitig in unseren Kämpfen unterstützen und unsere Kraft und Solidarität allen zugutekommen lassen, die auf der Welt für Ernährungssouveränität eintreten. Jeder Kampf für Ernährungssouveränität, egal in welchem Teil der Welt, ist unser Kampf. Um unsere Vision der Ernährungssouveränität mit allen Völkern dieser Erde zu teilen, haben wir eine Reihe von Aktionen beschlossen, die in einem Plan zusammengefasst sind. Wir werden diese Aktionen in unseren Ländern und in unseren Bewegungen umsetzen, gemeinsam und solidarisch mit anderen Bewegungen. Wir werden unsere Vision und unseren Aktionsplan für Ernährungssouveränität mit anderen teilen, die nicht mit uns hier in Nyéléni sein konnten. Damit der Geist von Nyéléni sich in der ganzen Welt ausbreitet und zu einer mächtigen Kraft wird, die Ernährungssouveränität zur Wirklichkeit für alle Völker der Erde macht. Schlussendlich unterstützen wir bedingungslos die Bauernbewegungen in Mali und den westafrikanischen Bauern-Dachverband ROPPA in ihrer Forderung, Ernährungssouveränität in Mali und in ganz Afrika zu verwirklichen.