Das gute Leben – eine buddhistische Perspektive

Komfort, Geld, Besitz – benötigen wir das für ein gutes Leben? Aus buddhistischer Sicht sind es gerade diese Dinge, die uns am meisten daran hindern können, wirklich glücklich zu sein, was ein gutes Leben ausmacht. Zu einfach haften wir an Besitz und anderen vergänglichen Zuständen und zu schnell überkommen uns Gier und Verlangen, noch mehr zu wollen als wir haben.Wir suchen Glück und das gute Leben in der Außenwelt: in Besitz, in Beziehungen, in Karriere, Status und kurzweiligen Unterhaltungen. Eine Jagd folgt der anderen. Sobald das eine Ziel erreicht ist, rennen wir dem nächsten nach. So richtig glücklich sind wir dabei meistens nicht. Also suchen wir weiter. Und weiter.

Im Jetzt leben

Doch wann kommen wir an? Eine Grundannahme der buddhistischen Lehre ist, dass das Leben ein sich ständig verändernder fortlaufender Zustand ist, ein Kreislauf von Wiedergeburt. Wirkliches Ankommen ist Nirwana: ein Zustand vollkommener Ruhe und des Friedens. Das hört sich zwar schön an, aber wir leben im Jetzt, im Hier und in diesem Leben. Genau dies ist auch die Handlungsempfehlung der buddhistischen Philosophie: im Jetzt leben. Alles was wir tun, sollten wir mit Achtsamkeit tun. Es gilt, bewusst wahrzunehmen, was im jetzigen Moment geschieht.

Wenn wir zum Beispiel mit dem Fahrrad fahren, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf den Moment richten, um stabil zu bleiben. Wir müssen achtsam und konzentriert sein, um die Balance beizubehalten. Jedes Ungleichgewicht muss sofort mit kleinen Bewegungen ausgeglichen werden, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Aufmerksamkeit richtet sich also auf den gegenwärtigen Moment; darauf, das zu tun was es braucht, um im Jetzt einen Wohlzustand herzustellen.

Lehmhaus_Santi_Asoke_farm_Amnat_Charoen.JPG

Lehmhaus Santi Asoke, Farm Amnat Charoen; Foto: Carina Pichler

Vom Außen zum Innen finden

Balance im Äußeren benötigt auch Balance im Inneren. Innerer Friede als Schlüssel zum guten Leben. Das bedeutet, innere Ausgeglichenheit zu erlangen, die es uns ermöglicht, auch in schwierigen Situationen nicht zu verzweifeln, sondern mit Gelassenheit zu reagieren. Wie fühlen wir uns, wenn wir etwas verlieren? Wenn wir etwas nicht bekommen, was wir uns wünschen? Wenn wir verlassen werden? Und wie fühlen wir uns, wenn wir etwas gewinnen? Wenn wir genau das bekommen, was wir uns wünschen? Wenn wir die Liebe anderer spüren?

Je nachdem, welchen Situationen wir begegnen, fühlen wir uns glücklich oder unglücklich. Unser Wohlbefinden ist überwiegend abhängig von äußeren Umständen – mit vielen Zwischenstufen und begleitet von einer Bandbreite an Emotionen. Externe Umstände bestimmen unser Glück und vielleicht sind wir uns sicher: „Wenn sich doch das nur ändern würde, dann kann ich glücklich sein.“ Zum Beispiel wenn eine Krankheit geheilt wäre, eine Beziehungskrise überstanden oder Geldprobleme gelöst wären, dann kann ich endlich glücklich sein.

Der Fokus der buddhistischen Lehre auf das Denken, aus dem alle Handlungen entstehen, schlägt eine umgekehrte Grundannahme vor: „Wenn ich doch nur glücklich wäre, dann kann ich auch mit der Krankheit, der Beziehungskrise oder den Geldproblemen umgehen.“ Anstatt zu versuchen, die äußeren Umstände zu ändern, können wir die Strukturen unserer inneren Welt ändern. Wenn wir Problemen mit einem glücklichen inneren Zustand begegnen, dann wären wir vielleicht besser imstande, geeignete Lösungen zu finden. Zumindest wären wir schon jetzt glücklich und müssten nicht warten. Außerdem können uns dann äußere Umstände kaum erschüttern. Nur, wie kommen wir dahin?

Tempel_in_Nordost_Thailand1.JPG

Tempel in Nordost-Thailand; Foto: Carina Pichler

Achtsamkeit durch bewusstes Wahrnehmen

Um innere Stabilität zu erlangen, müssen wir nicht unbedingt monatelang meditieren, alleine im Wald leben oder ohne jegliche Besitztümer sein. Stärkere Aufmerksamkeit in Alltagssituationen durch bewusstere Wahrnehmung kann schon genügen als erster Schritt in Richtung innerer Stabilität. Was lösen die äußeren Umstände, mit denen ich konfrontiert bin, in meinem Inneren aus? Wie fühle ich mich? Rufen diese Gefühle bestimmte Handlungsmuster in mir hervor? Wenn ja, sind sie hilfreich oder wäre es vielleicht hilfreicher, anders zu reagieren?

Diese Fragen können uns helfen, reflektierter und aufmerksamer an Alltagssituationen heranzugehen, die uns als schwierig erscheinen mögen und diese als Chance zu nutzen, innere Stärke zu gewinnen. Beispielsweise durch die achtsame Wahrnehmung von Situationen im Alltag oder indem wir uns – auch wenn es manchmal unangenehm ist – bewusst mit unseren Gefühlen auseinandersetzen, könnten so im Sinne der buddhistischen Grundideen destruktive Handlungsmuster durch konstruktive ersetzt werden. Das geschieht dadurch, dass wir versuchen, positive Gefühle, wie Mitgefühl und Güte, für uns selbst und andere zu entwickeln, um negative Gefühle, wie Ärger oder Gier, zu mindern.

Buddhistische Grundannahmen, wie die Verwobenheit von Geist und Körper, von inneren Denkmustern und äußeren Umständen, können uns als Inspiration dienen, Freiheit durch innere Stärke zu gewinnen. Ein einfacher bewusster Atemzug kann uns an die Verbindung von Körper und Geist erinnern und wir können Achtsamkeit für den jetzigen Moment wiedergewinnen. Das gute Leben und innerer Friede ist vielleicht nicht so weit entfernt, wie es manchmal erscheinen mag.

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und arbeitet derzeit an ihrer Diplomarbeit zum Thema Restorative Justice und mögliche Inspiration aus buddhistischen Grundideen. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.